Buchrezensionen, Rezensionen

Olaf Breidbach: Bilder des Wissens. Zur Kulturgeschichte der wissenschaftlichen Wahrnehmung, Fink, Paderborn 2005

Die historischen Wissenschaften, welchen Gegenstand sie auch immer in ihrem Zentrum umkreisen, versuchen singuläre Vorgänge durch Betrachtung und Analyse von Dokumenten zu rekonstruieren. Was sich hieraus ableitet, lässt sich zumindest in einem Punkt zusammenfassen: Historische Prozesse folgen keinen Gesetzmäßigkeiten. Das Ziel historischer Wissenschaften unterscheidet sich daher deutlich von dem der Naturwissenschaften, das vor allem darin begründet ist, möglichst valide Gesetzmäßigkeiten zu erkennen oder Mechanismen zu konstruieren. Das Singuläre ist in den Naturwissenschaften stets der Ausweis des Allgemeinen.

Unter diesen Gesichtspunkten scheinen Naturwissenschaften und historische Wissenschaften, oder allgemeiner Geisteswissenschaften in ihren Zielen und Methoden unvereinbar, ja gegensätzlich. Die Grundlegung geisteswissenschaftlicher Methodik in Abgrenzung der naturwissenschaftlichen ist unter anderem mit dem Werk und Namen Wilhelm Dilthey verbunden, der als methodische Besonderheit festhält, dass deren Tatbestände anders als die der Natur „uns von innen verständlich“ sind: „nur was der Geist geschaffen hat, versteht er.“ Auch Husserl betont in seinen philosophischen Ausführungen das Besondere der Geisteswissenschaft und versucht damit deren Absichten, Ziele und Ergebnisse dem der Naturwissenschaften gleichwertig gegenüber zu stellen.

Im vorliegenden Band versucht Olaf Breidbach dennoch aus einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive heraus Gemeinsamkeiten festzuhalten, die sowohl den Natur- als auch Geisteswissenschaften eigen sind. Diese Gemeinsamkeit findet Breidbach im Medium des Bildes, das sich beide gleichermaßen selbstverständlich bedienen. Der eigentliche Nenner aber ist, dass in beiden Wissenschaften das Bild beobachtet und ausgewertet werden muss. Dieser Vorgang der Perzeption und Interpretation des Bildes würde in beiden Wissenschaftszweigen eine Tradition und damit eine Kultur begründen, die Normen beziehungsweise Standards für ihre Registrierung setze.

Für die Geisteswissenschaften bestehen hierin, zumindest aus der im vorliegendem Buch vorgeschlagen Perspektive, keinerlei Berührungsängste. Die Darstellung historischer Ereignisse, sind neben ihrer dokumentierenden Funktion auch immer ein Stück Kultur, im besten Sinne Kunst, und das heißt auch, das Werk eines Individuums. Für die Naturwissenschaften scheint das Bewusstsein beispielsweise über den kulturellen Mehrwert von Pflanzen- und Tierdarstellungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert nur einen sekundären beziehungsweise ästhetischen Wert zu haben. Diesem „Irrtum“ ist Breidbach auf der Spur und versucht zu begründen, dass der vermeintliche Schauwert dieser Darstellungen gleichzeitig das Zeugnis einer Betrachungstradition ist. Die Geschichte der Beobachtung der Welt verstecke sich, so Breidbach, vor allem in den Apparaturen, die die Welt nicht einfach nachbilden, „sie transferieren einen bestimmten Aspekt der in ihnen registrierten Welt in ein neues Medium“ (S. 12). Zudem orientieren sich die Darstellungen von Messergebnissen nicht an den Möglichkeiten des Geräts, sondern an den Sehgewohnheiten seines Benutzers. Hieraus begründet sich die These Breidbachs, dass die Geschichte des Beobachtens von Objekten, die sich anhand bildlicher Dokumente darstellen ließe, auch für die Naturwissenschaft eine große Bedeutung hat und fragt nach den Konsequenzen, die eine deutlichere Höherbewertung dieser bildlichen Zeugnisse hätte.

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Der Geschichte des Beobachtens der Natur folgt Breidbach mit vielfältigen Perspektiven auf bereits der Wissenschaft zum Thema vorliegendem Material. Prominentestes Beispiel in dieser Diskussion ist hierbei sicher der „Streit“ zwischen Goethe (Farbenlehre) und Newton (Optik). Der Kern dieses Streites läge, so Breidbach, im Verhältnis des Subjekts gegenüber der Welt. Entgegen der analytisch objektivierenden Physik, versuche Goethe, „die Weltsicht aus dem Subjekt heraus zu rekonstruieren“ und damit „reklamiert [er] die Analytik des Subjektiven als Bedingung der Möglichkeiten einer Objektivierung.“ (S. 28) Dem Subjekt ist in Goethes Farbenlehre eine Nische im Lehrgebäude der Optik zugewiesen und damit der Empfindung bzw. der subjektiven Wahrnehmung, die in den Gesetzmäßigkeiten der Physik eher als ein Störfaktor gewertet werden würde, eine wichtige Rolle zuerkannt worden.

Im Nachfolgenden versucht Breidbach anhand einer Vielzahl an Beispielen aus der Geschichte der Naturwissenschaft zu belegen, wie grundsätzlich wichtig das Beobachten ist und findet in praktisch jeder Wissenschaftsepoche zentrale Indizien für Richtigkeit seiner These. Wichtig ist aber darüber hinaus, dass die Kontrollierbarkeit des Beobachteten, die über das Protokoll, die Darstellung und damit im weitesten Sinne über das Bild stattfindet, erst in der Beobachtung des Beobachteten bewertbar wird: „Die normierte Darstellung des Präparats kontrolliert die Perspektiven“ (S. 86) Die bildliche Dokumentation der Dinge ist also ein zentrales Instrument der Naturwissenschaft. Und da es sich bei diesen Dokumentationen um Bilder handelt, sind diese auch nicht aus einem gesamtkulturellen Kontext zu lösen, beziehungsweise sind ihre Interpretationen nicht objektiv, sondern von Sehkonventionen und visueller Kultur geprägt. Aufgrund dieser Problematik, die fest in den Grundmustern der Wissenschaft verankert ist, fordert Breidbach geradezu eine Thematisierung bildanthropologischer Aspekte in wissenschaftlichen Darstellungen. Die dafür angeführten Beispiele lassen das ganze Spektrum und die Wichtigkeit dieser Thematik erahnen. Und an dieser Stelle verbinden sich auch Natur- und Geisteswissenschaften. Denn nur mit der Methode der Beschreibung historischer Zusammenhänge und ihrer Interpretation ist die Geschichte der Naturwissenschaft anhand ihrer ikonischen Zeugnisse darzulegen.

Breidbachs Herleitungen, die Darlegung und Begründung seiner These sind verblüffend einleuchtend, da der Autor mit einer Vielzahl an Beispielen von Aristoteles bis in die unmittelbare Gegenwart seine These mit argumentativer Leichtigkeit zu begründen weiß. Das ist ganz gewiss die Stärke des Buches. Es würde aber sicher einen ganzen Apparat an Materialen bedürfen, um alle Nischen des Themas auszuleuchten, das ahnt man zumindest beim Lesen. Es hätte an manchen Stellen zur Klärung einiger wichtiger Beispiele beigetragen, wenn der Autor in seiner Darstellung etwas ausführlicher geworden wäre und auch deutlicher Literatur zum Thema miteinbezogen hätte. Hier wäre man sicher auch auf andere Positionen gestoßen, die Breidbachs These zumindest widersprochen hätten, wie beispielsweise die Jonathan Crarys, der stark bezweifelt, dass sich eine Geschichte des Beobachtens anhand von Bildern überhaupt begründen ließe. Zweifelhaft ist auch der Wissenschaftsbegriff Breidbachs: Ebenso wie sich nur schwer (oder eben gar nicht) allgemeine Prinzipien des Beobachtens von Aristoteles bis heute formulieren lassen verhält es sich mit der Wissenschaft, deren disparates Bild, das sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, sich aber kaum unter einen Nenner bringen lassen dürfte. Dennoch kann das Buch, gerade weil es sich nicht damit aufhält, so komplexe Systeme wie Wissenschaft und Kultur exakt zu definieren, einen wertvollen Einblick geben. Breidbachs Buch ist daher ein wichtiges Buch, um sich dem Thema Bild und Wissenschaft zu nähern, und es bietet viele interessante Ideen. Allerdings bewältigt es bei Weitem nicht erschöpfend seine ganze Tiefe.