Ausstellungsbesprechungen

Oskar Kokoschka. Humanist und Rebell, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 31. August 2014

Das Kunstmuseum Wolfsburg feiert seinen 20. Geburtstag mit einer umfangreichen Schau zu Oskar Kokoschka: Zahlreiche Gemälde und Papierarbeiten stellt es aus und lässt ein gesamtes künstlerisches Leben Revue passieren, das die Schlüsselereignisse des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebte. Bettina Maria Brosowsky war in Wolfsburg und hat sich die Ausstellung angesehen.

Wie kaum eine andere Stadt in Westdeutschland hat Wolfsburg nach dem Zweiten Weltkrieg um seine Identität gerungen. Die Stadt wurde durch die Nationalsozialisten gegründet; sie sollte rund um die 1938 aus dem Boden gestampfte Fabrik zur Massenmotorisierung entstehen. Bis zum vollkommenen Baustillstand 1942 wurden nur wenige zivile Baumaßnahmen verwirklicht – und ein Bildungsbürgertum gab es schon gar nicht. Im Nachhinein erscheint es wie ein Wunder, dass in dieser kulturellen Diaspora, zudem hautnah an der neu gezogenen Zonengrenze, zwischen 1952 bis 1967 acht große, bundesweit wahrgenommene Kunstausstellungen stattfanden. Dank der schnell erstarkten Finanzkraft des VW-Werkes konnten monografische Werkschauen zu Franz Marc, Lovis Corinth oder Vincent van Gogh realisiert werden, ebenso wie Querschnitte wie der zur französischen Malerei von Delacroix bis Picasso. Allerdings wurde auch polemische Kritik laut: denn statt eines Experten aus dem Museumswesen zeichnete ein Münchener Kunsthändler inhaltlich verantwortlich, der auch noch auf Honorar verzichtete. VW-Abteilungen für Presse und Werbung sowie der Werksschutz organisierten alles, die Ausstellungen wurden in eigens ausstaffierten Schulräumen, Turnhallen oder der 1958 fertiggestellten Stadthalle gezeigt. Eine Kunsthalle, gar ein Museum mit eigener Sammlung: dies schien damals selbst dem VW-Konzern noch unvorstellbar.

Aber auch dieses Wunder geschah bekanntlich und das Kunstmuseum Wolfsburg begeht in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Und es knüpft mit einer opulenten Jubiläumsausstellung an die großen Personalen der VW-Ausstellungen an. Mit Oskar Kokoschka (1886 bis 1980) hat es zudem einen Protagonisten gewählt, der wie kaum ein anderer die künstlerischen, biografischen und auch politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in Werk und Person widerspiegelt. Die Wolfsburger Ausstellung ist die erste große Rückschau auf dieses Œuvre seit Jahrzehnten. Sie versammelt rund 175 Werke Kokoschkas, allesamt Porträts oder allegorische Bildnisse von Menschen und Tieren. Sie datieren von 1905 bis 1977, repräsentieren somit sein ganzes künstlerisches Leben, gegliedert in elf thematische Kapitel.

Der in Niederösterreich Geborene entfaltete bereits während des Studiums an der Wiener Kunstgewerbeschule sein produktives Multitalent, das sich wenig ums dekorative Kunsthandwerk des Curriculums scherte. Er rasierte sich lieber den Schädel kahl und verfasste ein erstes expressionistisches Bühnenstück, samt provokantem Plakat: eine leichenblasse Frau, in den Armen ein feuerroter, lebloser Jüngling – die Kluft der Geschlechter wird unüberbrückbar aufgerissen. Das Stück »Mörder, Hoffnung der Frauen« war binnen Kurzem ausverkauft, die Uraufführung verlief mit halbnackten, lediglich bemalten und wimmernden Schauspielern eher wie ein Happening der späteren Kunstgeschichte.

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Und Kokoschka entdeckte das Porträt, aber nicht als schönes Abbild des Menschen: Er griff auch hier zu expressionistischen Stilmitteln und einer gestischen Malweise, wollte so die Seelenlage des Dargestellten erfassen. Dass die Resultate häufig wenig schmeichelhaft ausfielen, zeigt bereits das frühe, düstere Porträt »Vater Hirsch« von 1909. Das Gesicht des väterlichen Freundes ist grotesk zerfurcht, Gebiss und Hände werden überzeichnet. Gleichwohl gelang Kokoschka, anfänglich vermittelt durch den rigiden Architekten und notorischen Spötter Adolf Loos, der Durchbruch als Porträtist der Wiener Gesellschaft, ab den 1930er Jahren dann der europäischen Prominenz. Musiker, später auch Politiker wie Adenauer und Heuss, 1970 gar der kleine Sohn von Sophia Loren waren seine »Opfer«, wie er es bezeichnete, die er wie Naturphänomene in all ihrer Tief- oder lieber Abgründigkeit während langer Sitzungen erforschte.

Dass Kokoschkas eigenes Leben voll dramatischer Wechselfälle war, überrascht da nicht. Eine leidenschaftliche wie schöpferisch ergiebige Beziehung zur sieben Jahre älteren Künstlerwitwe Alma Mahler endete traumatisch mit ihrem Schwangerschaftsabbruch. Kokoschka stürzte sich als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, verließ ihn 1915 schwer verwundet. Die Rekonvaleszenz gelang ab 1916 auf einer Professur in Dresden und Kokoschkas intensiver werdendes Kolorit schien von der Lebensfreude der dortigen Brücke-Maler zu profitieren. Ab 1923 unternahm Kokoschka ausgedehnte Reisen, auf denen zahlreiche Tierporträts entstanden, die er als Spiegelbilder des Menschen sah – einen Mandrill gar als Selbstporträt: frei und unbezähmbar.

Das expressionistische Werk Kokoschkas widersprach der aufkommenden NS-Kunstdoktrin und er zog über Prag mit seiner tschechischen Ehefrau nach London. Seine Kunst wurde politischer, er entwarf etwa 1937 ein Plakat als Hilfsaufruf für die Kinder im bombardierten Guernica. Einige schwer dechiffrierbare Allegorien entstanden: der britische Premier Chamberlain wird als riesige Krabbe dargestellt, der die Tschechoslowakei – ein kleines Selbstporträt – im Meer ertrinken lässt: so sah Kokoschka das britische Appeasement gegenüber NS-Deutschland. Das Engagement des charismatischen Künstlers schlug aber auch Kapriolen: der Erlös aus dem Porträt des russischen Botschafters in London sollte 1942 einem gemeinsamen Lazarett für sowjetische und deutsche Soldaten zugutekommen – ein Ansinnen, dass der realistisch denkende Diplomat für nicht vermittelbar bei Stalin hielt.

Kokoschka, der während der NS-Zeit als entartet verfemt wurde, verwehrte sich nach Kriegsende der vereinnahmenden Rehabilitierung durch Österreich, begründete stattdessen 1953 die Salzburger Sommerakademie als seine »Schule des Sehens«. Er wurde englischer Staatsbürger, zog in die Schweiz, wurde auf Drängen Bruno Kreiskys 1975 dann doch wieder Österreicher. Oskar Kokoschka blieb, allen Wirren seines Jahrhunderts zum Trotz, intellektuell unbeugsam und in seinem Werk stets dem Menschen verpflichtet. Der etwas pathetische Titel der Ausstellung »Humanist und Rebell« ist somit mehr als angemessen.