Ausstellungsbesprechungen

Palmyra – Zerstörte Erinnerung, Lindenau- Museum, Altenburg, bis 2. Juli 2017

Immer wieder sind die Nachrichten voll von Schreckensmeldungen aus Syrien. Eine davon war 2015 die Zerstörung der antiken Oasenstadt Palmyra. Das Lindenau-Museum will ein Zeichen gegen den Verlust von Kultur setzen und widmet ihr eine kleine Ausstellung. Stefanie Handke hat sie sich angesehen.

Groß ist sie nicht, die kleine Schau zum Kulturerbe der antiken Oasenstadt Palmyra, auch Tadmor genannt. Aber sie führt eindrucksvoll vor Augen, was der Menschheit durch Ignoranz und Extremismus verloren gehen kann. Dabei ist die Zerstörung Palmyras kein Einzelfall; die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan, die Bücherverbrennungen der Nazis, die zahlreichen zerstörten Kirchen der Reformation waren alle Produkte religiösen oder politischen Extremismus‘ und falsch verstandener Religion und stehen in der Geschichte nicht allein.

Was in Palmyra verloren gegangen ist, das zeigt die Altenburger Ausstellung anhand zahlreicher Radierungen, aber auch anhand originaler Reliefs und aktueller Fotografien. In dieser antiken Oasenstadt entwickelte sich eine ganz eigene Kultur, die Einflüsse aus römischer und orientalischer Kultur verband. Die Bewohner der Stadt fühlten sich als Römer, ihre Architektur aber wies Einflüsse beider Kulturkreise auf. So konnte der Tempel des Bel oder Baal an der einen Seite wie ein typisch griechisch-römischer Tempel erscheinen, samt Säulenkranz und Giebeldach; an der anderen Seite hingegen wies ein Zinnenkranz auf die orientalische Kultur hin, darüber hinaus war der Eingang an der Längsseite. Auf diese Weise konnten Kulte beider Kulturkreise sich hier zuhause fühlen und ihre Riten begehen. Er wurde am 30. August 2015 von den Terroristen des »Islamischen Staats« zerstört. Geblieben ist nur ein Trümmerfeld, aus dem sich das Tempelportal erhebt.

Doch nicht nur die antike Vergangenheit Palmyras war vom Dialog zweier Kulturkreise geprägt, auch die Zeit, in der sich europäische Reisende für die Oase zu interessieren begannen, faszinierte dieses Zusammenspiel. In Altenburg sind zahlreiche Radierungen nach Zeichnungen von Giovanni Battista Bora und Léon de Laborde. Der eine reiste als Zeichner mit der Expedition Robert Woods, der andere mit seinem Vater und verfertigte für ihn seine Zeichnungen. Insbesondere die Bilder de Labordes leben vom Dialog der antiken Architektur mit dem eindeutig dem orientalischen Kulturkreis zuzuordnenden Kleidungsstil der Menschen, die die Ruinen bevölkern. Labordes Abbildungen legen zudem einen großen Wert auf die die Stadt umgebende Landschaft; oft scheint es gar, dass die Architektur nur ihre Rolle in einer pittoresken Landschaftsdarstellung spielt. Damit entsprachen die Bilder durchaus dem Zeitgeist; am Anfang des 19. Jahrhunderts, als Vater und Sohn de Laborde in den Orient reisten, sehnte sich das europäische Publikum nach entsprechenden Darstellungen. Ähnlich verhält es sich mit den Darstellungen Borras. Beide illustrierten bedeutende und beliebte Werke ihrer Zeit zu Palmyra und so kann das Lindenau-Museum hier aus den eigenen Beständen der Kunstbibliothek Bernhard August von Lindenaus schöpfen. Insbesondere faszinieren die detailgetreuen Abbildungen von Grabtürmen, die Borra schuf, aber auch Aufrisse der Tempel, die es ermöglichen, das verlorene zumindest gedanklich auferstehen zu lassen.

Doch auch Originale aus Palmyra sind zu erleben; so sind verschiedene Grabreliefs für palmyrenische Schiebegräber zu sehen. Die hier dargestellten Personen sind stets prächtig gekleidet; auffällig ist der prächtige Kopfputz der Frauen und ihr weiter Peplos. Die Gräber, die sie abdeckten, befanden sich in den auf den Radierungen dargestellten Grabtürmen, oft aber auch unterirdisch; auch das Mahl eines der seltenen Einzelgräber aus Palmyra ist hier zu bewundern.

Eine Brücke zur Gegenwart schlagen dann vor allem Fotografien, aber auch die Mitbringsel zweier Altenburger Bürger, die Jahre bevor die Stätte vom IS bedroht und schließlich nahezu zerstört wurde, die Oase besuchten. Die Reisefotografien Jörg Neumerkels stehen dabei im krassen Gegensatz zu denen des AFP-Fotografen Joseph Eids, die der ein oder andere vielleicht kennt. 2014 besuchte er die Oase und fotografierte hier – damals stand noch alles. 2016, fast genau zwei Jahre später, stand er vor Trümmern. Um auf den Verlust aufmerksam zu machen, hielt er die zwei Jahre zuvor geschossenen Fotos vor die Ansicht, die sich dem Reisenden nun bot. Die Zerstörung wird so erst recht sichtbar, denn es scheint fast gar nichts von den prächtigen Tempeln geblieben. Auch das Museum vor Ort verschonten die Terroristen nicht, stürzten und zerstörten Statuen, Vitrinen und Flure.

Was von der antiken Städte bleibt, sind also vor allem Abbildungen in Büchern und natürlich im World Wide Web. Auch Modelle bieten einen gewissen Zugang. In der Ausstellung ist das Korkmodell, das Dieter Cöllen vom Bel-Tempel schuf zu sehen. Mit seiner ohnehin porösen Oberfläche führt es nicht nur das ehemals existierende Bauwerk vor Augen, sondern auch dessen Verlust.

Die Altenburger Schau mag nicht mit Superlativen auftrumpfen, aber sie ist wichtig. Sie zeigt, was der Menschheit verloren gegangen ist – aufgrund der Zerstörungswut verblendeter Fanatiker. Zugleich setzt sie ein kleines Zeichen für den Schutz von Kulturgut und beweist, dass eben nicht nur ein Land an seinem historischen Erbe trägt. Im Gegenteil: mit der Zerstörung Palmyras ist der ganzen Welt eine faszinierende Kultur verloren gegangen.