Ausstellungsbesprechungen

Paula Modersohn-Becker

Viel ist über Paula Modersohn-Becker publiziert worden im vergangenen Jahr – als hätte die Zunft ein schlechtes Gewissen. Dabei ist der Name der Malerin von jeher mit Worpswede verbunden, mehr noch: Die Künstlerkolonie wäre ohne Modersohn-Becker wohl längst in Vergessenheit geraten, so aber übt sie bis heute eine Anziehungskraft aus, der auch Künstler unsrer Zeit nicht widerstehen können.

Und doch bleibt eine Frage: Was wusste die Öffentlichkeit wirklich über die malende Frau Otto Modersohns, die eine enge Freundschaft mit dem Dichter Rainer Maria Rilke unterhielt?

Die Ausstellungen, die im vergangenen Jahr begannen – die Malerin war hundert Jahre davor, im November 1907, nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde gestorben –, sind noch nicht ganz zu Ende, hinterlassen aber als Bilanz die Erkenntnis zu: Paula Modersohn-Becker war eine Schlüsselfigur am Beginn der Moderne, die man neben Cézanne, Gauguin und van Gogh stellen muss. »Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares«, mit dieser schlichten Aussage ist ihr Werk, das sich entgegen der Themen ihrer Worpsweder Freunde nicht so sehr mit der Landschaft, sondern mit dem Menschen befasste, am besten charakterisiert.

Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900 – Von Cézanne bis Picasso, Kunsthalle Bremen

Nun wird man nicht in Worpswede zur Vorreiterin der Moderne. Das Zauberwort hieß Paris, wohin es Paula Becker 1900, im Jahr ihrer Verlobung mit Otto Modersohn, erstmals verschlug, dem durchaus auch gefürchteten Sog folgte sie bis zum Tod mehrmals. Unter dem Einfluss des Werks von eben jenen Cézanne, van Gogh und Gauguin, aber auch fasziniert von ägyptischen Mumienporträts – das Initialerlebnis dürfte ein Besuch im Louvre 1903 gewesen sein –, ging sie erstaunlich selbstbewusst ihren Weg, sah den einfachen, auch hässlichen Leuten vom Lande in die Augen, gab der Weiblichkeit eine eigene, ganz neue Dimension als Thema für die Kunst: Schonungslos und dann wieder mit einer unglaublich empfindsamen Betroffenheit entwarf sie ein Bild der Mutter, wie es bis dahin kaum denkbar war, die Kollwitz konnte darauf aufbauen. Und sie machte vor der eigenen Nacktheit keinen Halt. Über 700 Gemälde und rund 1000 Zeichnungen hat Paula Modersohn-Becker hinterlassen – ein beachtliches Werk. Und was hätte sie noch alles schaffen können, wurde sie doch gerade mal 31 Jahre alt!

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Paula Modersohn-Becker machte Worpswede berühmt, aber sie wäre nicht die Malerin dort geworden, die sie war, wenn sie nicht nach Paris gefahren wäre, das sie selbst als »Lebensbedürfnis« einstufte.

Da ist es schon merkwürdig, dass das gewitterhafte Cézanne-Erlebnis, das die französische Metropole in ihr hinterließ, bislang kaum beleuchtet wurde. In Bremen stehen über 30 grandiose Beispiele Cézannes und seiner Zeitgenossen rund 100 Bildern Modersohn-Beckers gegenüber – als Highlight ein Gauguin aus Honolulu, der einst im Besitz der Worpsweder Künstlerin war.

Wulf Herzogenrath, Hausherr der Bremer Kunsthalle und die Kuratorin Dr. Anne Buschhoff wollten mit ihrer Ausstellung Modersohn-Becker »aus dem mitunter dunklen Worpsweder Moor« lösen und der Avantgarde einverleiben. Und Herzogenrath outet sich im Katalog sogar als Verwandter der Malerin. So entsteht seinerseits fast zwangläufig ein persönlicher Blick auf ein Werk, das wesentliche Impulse in Paris fand; dass die Wohnorte, Pariser Plätze und musealen Einrichtungen der Stadt greifbar werden, ist ein Verdienst der Schau. Die Einflüsse sind übrigens im ganzen Werk zu finden, wie hier schön gezeigt wird: Ob Selbstporträts oder Fremdbildnisse, Landschaften oder Stillleben – die Franzosen hinterließen ihre Spuren. Besonders hervorzuheben sind Gegenüberstellungen zu Braque und Derain, aber auch zu Vallotton gibt es überraschende Parallelen.

Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Die große Welt relativierte sich freilich in der Worpsweder Realität, auch wenn mit Paulas Mann Otto Modersohn – und noch mehr mit Rilke – die Provinz ein großartiges Flair erhielt. Um die 150 Arbeiten beleuchten im Landesmuseum Hannover das künstlerische Verhältnis eines der fortschrittlichsten Ehepaare der damaligen Zeit. Allerdings war die Ehe nicht rundweg ungetrübt. Modersohn sah wohl, dass seine Frau die stärkere Künstlerin war, doch dass sie dabei als Frau auch ihre Freiräume benötigte, war ihm zwar tolerabel, aber ihre Schwäche für Paris war ihm denn doch schwer erträglich. Andererseits unterstützte er sie auch dann finanziell, als sich die Beziehung nach 1904/05 abgekühlt hatte. Da Hannover nun nicht zu den herausragenden Modersohn-Zentren zählt, war das Museum auf Leihgaben angewiesen – und sie bekamen reichlich, auch aus Bremen, wo selbst der Künstlerin gedacht wird.

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Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts, Bremen

Etwas exotisch mutet die dritte Großausstellung  an – übrigens die einzige von den dreien, die noch eine zweite Station hat (Museum Ludwig, Köln, 15.3.–15.6.2008).

Allein die Exponate sind so bestechend, dass kein Zweifel übrig bleibt, dass das Thema zentral ins Werk Paula Modersohn-Beckers passt: die frontale Ausrichtung ihrer Bildnisse, ein verinnerlicht-melancholischer Blick und der plastisch modellierte Farbauftrag sind nur die offensichtlichsten Merkmale. Nun ist diese Faszination weder fremdinterpretiert, die Künstlerin selbst hat sie formuliert, noch ist sie zeitlich abwegig, da sie in der Wendezeit um 1900 sehr zitatfreundlich mit ägyptischer Kunst allgemein umging.Aber so anschaulich wie in Bremen ist die Verwandtschaft sicher noch nie dargestellt worden – in einzigartigen Beispielen.

Der tiefere Sinn dieser Schau ist auch weniger die Exotik des Themas, sondern die neue Verortung Paula Modersohn-Beckers eben nicht in der norddeutschen Provinz, sondern in der Weltgeschichte – wie die Ausstellung in der Bremer Kunsthalle mit dem Paris-Blick jene Verortung in Europa vollzieht.

Alle genannten Ausstellungen sind von stattlichen, üppig bebilderten Katalogen flankiert. Dazu kommen aber auch eine Fülle an Biographien, die das Gesamtbild der Malerin abrunden. Unter den Büchern von Barbara Beuys (»Paula Modersohn-Becker oder: Wenn die Kunst das Leben ist«) Kerstin Decker (»Paula Modersohn-Becker. Eine Biografie«) und anderen mehr ist das von Rainer Stamm (»Ein kurzes intensives Fest: Paula Modersohn-Becker«) am beeindruckendsten. Stamm, Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen und selbst Herausgeber des Katalogs zu Modersohn-Becker und den Mumienporträts sowie Beiträger im Paris-Katalog, ist ein brillanter Stilist, der eine höchst unterhaltsame und mit Zitaten gespickte Biographie geschrieben hat. 

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten

Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr
Donnerstag 10–19 Uhr

Kunsthalle Bremen
Dienstag, Freitag, Samstag 10–21 Uhr
Mittwoch, Donnerstag, Sonntag 10–18 Uhr
Mo geschlossen

Paula Modersohn-Becker Museum
Dienstag 10–21 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10–18 Uhr

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