Buchrezensionen, Rezensionen

Rita Scotti: Der Raub der Mona Lisa. Die wahre Geschichte des größten Kunstdiebstahls, Fackelträger Verlag 2009

Paris, 21. August 1911: Während die ganze Stadt unter einer Hitzewelle stöhnt, geschieht im Louvre das Unfassbare: Die Mona Lisa verschwindet. Ebenso unfassbar: Es vergehen vierundzwanzig Stunden, bevor die Abwesenheit der berühmtesten Dame des Hauses bemerkt wird. Rita A. Scotti spürt dem geheimnisvollsten und aufsehenerregendsten Kunstraub in der Geschichte des Louvre nach.

Manche wissen mehr, nichts bleibt ihnen verborgen. Rita Scotti etwa kennt nicht allein das Mittagessen eines Museumswächters, sondern weiß auch um die delikaten Begleitumstände von dessen Verdauung: Er „unterdrückte einen Rülpser“, weiß sie zu berichten. Immerhin, das mag ebenso als wahrscheinlich durchgehen wie das „schmuddelige Taschentuch“, passt es doch in unser Bild von einem ehemaligen Unteroffizier, der im Louvre heiße Nachmittage verdöst. Skeptisch allerdings sind wir, wenn dieser als geistig träge geschilderte Mensch der Polizei einen Verdächtigen in poetischen Worten schildert. Denn der dicke alte Wächter hat einen Besucher als eine Person von „kühler Schönheit wie eine Marmorstatue“ erlebt, wenn wir Scotti trauen dürfen.

Aber wir trauen Scotti nicht, denn natürlich ist sie es selbst, die sich gern etwas poetisch ausdrückt. In meiner Lieblingsstilblüte nähert sich ein Polizist dem Tatort „mit der Vorsicht eines Löwenbändigers, der auf dem schmalen Grat zwischen dem Zahmen und dem Raubtierhaften balancierte.“ Und wenn ein Archäologe durch den Urwald marschiert, schnattern „Affen wie ein griechischer Chor“. Wie schnattern sie eigentlich, wenn sich unter ihnen kein humanistisch gebildeter Mensch durch das Dickicht schlägt?

Stilblüten sind das eine, die Fantasie der Autorin ist das andere, aber beides zeigt, wo das Problem dieses Buches liegt: Es ist weder eine seriöse Monografie noch ein populäres Sachbuch, sondern gehört in weiten Teilen einem Genre an, das wir dem Fernsehen zu verdanken haben. Es ist eine „Docufiction“. Das Paradoxe des Begriffs drückt das Paradoxe der Gattung aus, die mit Erfindungen und kurzen Spielszenen dokumentieren will, und in den Stilblüten tritt das Willkürliche wie das Gefühlsbetonte dieses Vorgehens sehr schön hervor. Man hat ein paar Fakten und spinnt, vielleicht nur, um ein wenig Farbe in die Schilderung zu bekommen, sie mal gelehrt oder mal poetisch erscheinen zu lassen. Oder der Stoff reicht nicht einmal für ein mitteldickes Buch, so dass man ein wenig um den Kern herumerfinden muss.

Seriös kann ein solches Buch also nicht sein, und das ist sehr schade, denn das Thema ist schließlich nicht ganz unwichtig. Es geht um den allseits bekannten Raub der »Mona Lisa« im Paris des Sommers 1911, in den als Verdächtige auch Berühmtheiten wie Pablo Picasso und Guillaume Apollinaire verwickelt waren. Scotti schildert ausführlich die absurden Vorgänge: wie das Verschwinden des Bildes tagelang nicht entdeckt wird, wie endlich die Ermittlungen beginnen, wie Picasso und Apollinaire verdächtigt werden, wie alles im Sande verläuft… Endlich – zweieinhalb Jahre später – bietet der italienische Glaser Vincenzo Peruggia die »Mona Lisa« einem Florentiner Kunsthändler an, der daraufhin die Polizei alarmiert.

Schon bald nach dem Verschwinden des Bildes erscheint die Suche nach ihm als hoffnungslos, auch deshalb, weil die leere Stelle an der Wand erst so spät entdeckt worden ist. Die Polizei resigniert also, und an dieser Stelle rückt die Autorin Kapitel ein, die Leonardo da Vinci, seinem berühmtesten Modell und der Geschichte des Bildes gewidmet sind. „Wer war sie und was ging in Leonardo vor, als er sie malte?“  Ja, das möchten wir alle gern wissen. Diese Passagen sind nicht ganz so schlimm, wie die naive Eingangsfrage vermuten lässt, aber weiterführend sind sie leider so wenig wie die weitere Geschichte des Bildes.

Fortsetzung von Seite 1


Endlich kommt Scotti zurück auf die Entlarvung des Diebes Perrugia, der vor Gericht angibt, das Bild aus Patriotismus entwendet zu haben – eine absurde Erklärung, weil zwar der Bestand des halben Louvre von Napoleon zusammengestohlen ist, aber ausgerechnet die »Mona Lisa« auf absolut legalem Wege ihren Platz in Paris gefunden hat. So bietet es sich an, nach einer Geschichte hinter der Geschichte zu suchen, denn vielleicht war Perrugia ja doch kein Einzeltäter. Der Untertitel des Buches - »Die wahre Geschichte des größten Kunstdiebstahls« - deutet eben in diese Richtung, und wenn ein Kapitel »Der Clou« heißt, sollte man vermuten, dass Scotti wirklich eine solche Geschichte in Petto hat.

Sie erzählt in diesem Kapitel die 1932 veröffentlichte Story eines gewissen Karl Decker nach. Decker war Starreporter des Hearst-Blattes New York Journal (also ein Krawalljournalist), und die von ihm erzählte Gaunerkomödie scheint hervorragend in die Zeit zu passen. Es ist die filmgerechte Geschichte zweier Gauner, eines genialen Fälschers und eines die Falsifikate raffiniert vermarktenden Gentlemanverbrechers. Der Plan war, so Decker im Referat Scottis, dieser: Er bot vorab insgesamt sechs perfekte Fälschungen der »Mona Lisa« sechs amerikanischen Multimillionären an, und die Zeitungsberichte über den von ihm angekündigten, unmittelbar vor der Übergabe durchgeführten Diebstahl des Originals sei ein Echtheitszertifikat ganz eigener Art gewesen. Das Original, da ohnehin unverkäuflich,  sollte schon bald zurückgegeben werden, und ihren Kunden wollten die beiden Betrüger erklären, im Louvre werde jetzt eine Fälschung ausgestellt. Sechs amerikanische Tycoons hätten also sechs perfekte Fälschungen in Hinterzimmern hängen gehabt, von denen die Welt aus einsichtigen Gründen nie erfahren sollte.

Das von Pablo Picassso stammende Motto des Buches – „Wichtig ist nur die Legende, die durch das Bild geschaffen wird, nicht, ob das Bild selbst weiterexistiert.“ – suggeriert, dass sich Scotti eben diese These zu eigen gemacht hat. Aber das stimmt nicht, sondern sie selbst trägt die Einwände vor, die insgesamt sehr überzeugend sind – Einwände, die sich vor allem gegen die Person des Journalisten Decker richten, dessen Sache „Frisieren und Ausschmücken“ gewesen sei. Hier, bei der Bewertung des angeblichen Clou, gewinnt die Argumentation Scottis doch einige Ernsthaftigkeit.

Allerdings sollten wir doch noch einmal einen kritischen Blick auf den Untertitel ihres Buches werfen, denn offensichtlich glaubt auch sie selbst nicht daran, »Die wahre Geschichte des größten Kunstdiebstahls« zu kennen. Warum also hat sie ihr Buch so genannt?

Insgesamt ein Lesevergnügen, das man sich sparen kann.