Ausstellungsbesprechungen

Rivoluzione! Italienische Moderne von Segantini bis Balla

Immer wieder tauchen sie auf, die italienischen Divisionisten, und über lange Strecken ist dann wieder völlige Funkstille um die Maler Segantini, Balla & Co. Nun haben die National Gallery in London und das Kunsthaus Zürich bis 11. Januar 2009 eine opulente Schau über die lichtfanatischen Maler des Südens auf den Weg gebracht, der zumindest für die Schweiz und den deutschsprachigen Raum Neuland eröffnete:

Noch nie waren so viele Künstler Italiens aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert hier zu sehen. Zwischen gespenstischem Symbolismus, realitätsnaher Idylle und dem fragwürdigen Dasein unter dem Fluch und Segen der frühen industriellen Epoche haben die unterschiedlichsten Künstler über die Lichtregie einen Stil gefunden, der Anlass gab, ihn auch zu benennen: eben den Divisionismus, der sich vom Futurismus in der auseinanderdriftenden Auffassung von der Zeit unterscheidet.

Während die Franzosen mit Seurat, Signac & Co. zeitgleich den analytischeren Pointillismus hervorbrachten oder dem Impressionismus eine Neo-Variante entlockten, ließen die Italiener das Licht- und Farbenkalkül durch die Brille des mediterranen Temperaments sehen. Damit wir die Gruppenvielfalt etwas einordnen können, seien einige Vertreter genannt, die u.a. aus den einschlägigen Häusern in Rom, Paris und New York entliehen werden konnten: Giuseppe Pellizza da Volpedo, Gaetano Previati sowie als Star am Himmel der Künste: Giovanni Segantini. In der zweiten Generation wird es deutlich bewegter, präsentiert werden Arbeiten von Giacomo Balla, Umberto Boccioni und Carlo Carrà. Dass die Züricher Schau auch Schweizer Maler zeigt, die vom Divisionismus geprägt sind, hilft nicht nur die Grenzen dieser oft nationalen Stile aufzubrechen, sondern bietet auch die Möglichkeit, teils weniger bekannte Namen ins Gespräch zu bringen – es geht um Edoardo Berta, Filippo Franzoni, Giovanni Giacometti sowie Luigi Rossi. Der bekannteste Divisionist allerdings, Giovanni Segantini, fand seine mystisch durchwilderten Inspirationen in den Schweizer Alpen: Er dürfte in Zürich also als Dreh- und Angelpunkt fungieren.

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Die schönsten Begegnungen macht man möglicherweise am Rande der Protagonistenliste. So spannungsvoll zwar Segantinis »Rückkehr vom Wald« (1890) in Szene gesetzt ist, so spektakulär scheint Angelo Morbelli 20 Jahre später die Diagonalkomposition aufzugreifen und mit dem »Forni-Gletscher« ein nahezu gegenstandsfreies Landschafts-Capriccio. Insgesamt gehört Morbelli zu den beeindruckendsten Künstlern der Schau: ob er nun Menschen in formale Rhythmen umsetzt und in strenge Naturstücke einbindet (»Im Reisfeld«, 1898–1901) oder Gesellschaftskritik und malerisches Lichterspiel souverän verschmelzt. Ohne Frage am originellsten ist das »Bankrott«-Bild von Giacomo Balla, 1902 entstanden: Zu sehen ist lediglich der untere Teil einer malkreideverkritzelten Tür eines mutmaßlich Pleite gegangenen Geschäfts. Balla gehört sicher zu den bekanntesten Malern der frühen italienischen Moderne, aber in seiner vor-futuristischen Phase bietet er eine ganz ungewohnte, aber sehr beachtliche Seite.

Eine Erwähnung verdient der Katalog, der zunächst durch seine Schriftenwahl auffällt: Neben der sehr angenehm lesbaren Serifenschrift Adobe Caslon verwendeten die Buchgestalter mit der Mostra aus dem Haus von Mark Simonson, deren serifenlose Eleganz vom italienischen Art Deco hergeleitet ist. Für die Grafik insgesamt zeichnet Piccia Neri verantwortlich, bekannt durch vielfältige Kontakte zur National Gallery, wo ja die Ausstellung bereits zu sehen war. Der Inhalt gliedert sich in Essays, die den Divisionismus in die Kunstströmungen seiner Zeit (auf dem Weg vom Symbolismus zum Futurismus) einbindet, gefolgt von den Bildtafeln in bestechender Qualität und einem anschließendem Anhang, der die Künstlerbiografien mit einem kommentierten Werkverzeichnis kombiniert. Eine Chronologie, die die Zeit zwischen 1876 und 1915 umfasst, schließt den Band ab (das kurze Schweiz-Kapitel danach dürfte eine für Zürich hinzugefügte Ergänzung sein).

Öffnungszeiten
Sa/So/Di 10-18 Uhr, Mi/Do/Fr 10-20 Uhr, montags geschlossen
Feiertage: 24./26./31. Dezember und 1./2. Januar 10-18 Uhr, 25. Dezember geschlossen