Buchrezensionen

Roland Krischel (Hrsg.): Tintoretto. A star was born, Hirmer 2018

1518 in Venedig geboren, wäre Jacopo Robusti, der sich selbst Tintoretto, das „Färberlein“, nannte, in diesem Jahr 500 Jahre alt geworden – ein nur zu willkommener Anlass für verschiedene Ausstellungen vor allem natürlich in Venedig, aber doch auch in Deutschland. Stefan Diebitz hat sich den Katalog zu der Tintoretto-Ausstellung des Wallraf-Museums angeschaut.

Es ist der Künstler ganz zu Beginn seiner Laufbahn, dem sich die Kölner Ausstellung widmete. Der junge Jacopo suchte den Erfolg, und ihm waren auf dem Weg dorthin sicherlich nicht alle, aber doch ganz gewiss viele Mittel recht. Und das scheint auch legitim, denn leicht kann es für einen jungen Maler nicht gewesen sein, sich in einer Stadt durchzusetzen, die von begabten und teils sehr berühmten Malern – Tizian! – geradezu wimmelte. Jacopo scheint das bereits in ziemlich jungen Jahren gelungen zu sein.

Das Buch enthält sieben Essays, der Katalog sieben Kapitel, deren Thematik einander aber keineswegs präzise entspricht. Die Essays bewegen sich durchweg auf einem sehr hohen fachlichen Niveau, das sich nicht an das allgemeine Publikum richtet, und diskutieren vor allem die soziale bzw. ökonomische Situation der venezianischen Künstler in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sowie biografische Fragen.

Vieles weiß man entweder gar nicht oder doch wenigstens nicht so genau: in welcher Werkstatt und wie lange Tintoretto gelernt hat, zum Beispiel. Deutlich wird aber auf jeden Fall, dass der eher kleingewachsene Meister – deshalb der Diminutiv, denn „Tintoretto“ bedeutet „Färberlein“ –, dass Tintoretto ein außergewöhnlich schneller Mensch war. Er konnte schnell und flüssig malen, seine Bilder zeichnet eine „protofilmische Dynamik“ (Krischel) aus, und immer wieder wird auch seine enorme Intelligenz betont, sein Sprachwitz und gelegentlich seine Sprunghaftigkeit.

Aber er scheint weitaus mehr als bloß schlau gewesen zu sein, nämlich auch klug; eines der wichtigsten Werke seiner Anfangszeit, das „Liebeslabyrinth“, ist eine Allegorie auf den Lebenslauf, deren vielfältige Bedeutungsschichten in diesem Buch wenigstens angedeutet werden. Es scheint, dass Tintoretto das symbolträchtige und durchdachte Bild bereits in seinen zwanziger Jahren gemalt hat.

Schon bei einem Durchblättern des Kataloges fällt die geringe stilistische Einheitlichkeit seiner Gemälde auf, und der Herausgeber nennt Tintorettos Werk deshalb „polyphon und polyglott“. Wenn dieser Autor aufzählt, worin sich die Bilder Jacopos von denen seines Zeitgenossen Galizzi unterscheiden, dann nennt er „Originalität und Kraft, intellektuelle und psychologische Durchdringung des jeweiligen Bildthemas, erzählerische Konsistenz und konzeptionelle Bewältigung der Bildaufgabe“, aber den Stil zählt er eben nicht auf. Tintoretto überragte aufgrund der Qualität seiner Bildwerke, aufgrund seines malerischen Könnens und der intellektuellen Durchdringung seiner Themen, aber er scheute nie davor zurück, von anderen Meistern zu lernen und Motive und Kompositionen von ihnen zu übernehmen.

Vielleicht ist es die Betonung der Bewegung, welche die Malerei des Barock von der der Renaissance unterscheidet. Tintorettos Gemälde jedenfalls sind durchweg sehr bewegt, denn er sucht immer wieder die Herausforderung, zum Beispiel, wenn er in den Worten Krischels „die formale Verwandlungsfähigkeit menschlicher Anatomie“ prüft und einen „Wirbel aus Gliedmaßen“ schafft. Manchmal arbeitete er mit spektakulären Untersichten, oft auch malte er groteske Verrenkungen. So kann Erasmus Weddigen in seinem Essay schreiben, dass in kaum einem von Tintorettos Werken „unübliche ikonographische und malerische Capricci“ fehlten.

Tintoretto schuf Bilder, die Aufsehen erregten und das zweifellos auch sollten; besonders bei Fresken wusste dieser Künstler das Publikum zu provozieren und zu faszinieren, und es wurde sogar behauptet, er habe für nicht mehr als den Preis der Pigmente die Fassade eines Palastes bemalt. Im Buch heißt es, Jacopo habe auf diese Weise „einen Katalog seines Könnens“ aufgefächert. Erfreulicherweise haben diese Fresken in Form von Kupferstichen überlebt und können deshalb noch heute vorgestellt und interpretiert werden. – Und nicht allein bei Fresken in der Öffentlichkeit gewährte Jacopo gelegentlich „ruinöse Preisnachlässe“, sondern auch, wenn es darum ging, den Zugang zu vermögender Kundschaft für seine Porträts zu gewinnen. Wie man sieht, musste ein Maler im Venedig des 16. Jahrhunderts nicht nur malen, sondern auch rechnen können.

Die sieben Kapitel von Ausstellung bzw. Katalog behandeln nicht allein das Werk Tintorettos, sondern unter der Überschrift „Tintoretto und sein Double“ auch das von befreundeten oder mit ihm partnerschaftlich zusammenarbeitenden Künstlern, vor allem von Giovanni Galizzi, dem seit einem wichtigen Aufsatz des amerikanischen Kunsthistorikers Robert Echols zahlreiche Werke zugeordnet werden, die lange Zeit als Werk Tintorettos galten.

„Ins Auge springen“ – so der Titel des ersten Kapitels – zielt natürlich auf die spektakulären Themen Jacopos; „Schönheit und Schrecken“ auf die Motive der dekorativen Malerei, denen sich selbst die großen venezianischen Meister nicht immer entziehen konnten; „Kulissenzauber“ auf das theatralische bzw. performative Moment seines Werkes, aber auch auf die perspektivische Darstellung des Raumes mit dem berühmten Tiefensog, an dem sich viele Maler dieser Jahrzehnte nicht genugtun konnten. In „Die dritte Dimension“ wird das Verhältnis des Malers zur Skulptur behandelt, und das ist auch bei dem reinen Maler Tintoretto ein wichtiges Thema, denn er war ein großer Verehrer Michelangelos. Außerdem kaufte er kleinformatige Repliken, um sie als Modelle für seine zeichnerischen Studien zu gebrauchen, so wie er sich überhaupt wiederholt von Plastiken inspirieren ließ und deren Motive in seine Bilder übernahm. Im letzten Kapitel geht es schließlich und endlich um „Femmes fatales“ mit teils biblischen (Potiphars Weib!), teils mythologischen Themen. Manche dieser Bilder sind einem Orientalismus verpflichtet, der auch in späteren Epochen noch das Publikum in seinen Bann zog, den heutigen Betrachter aber wohl weniger fasziniert.

Neben den ganz großen und bedeutenden Werken wie dem „Liebeslabyrinth“ und dem (in der Ausstellung nicht vertretenen) „Sklavenwunder“ sind am eindrucksvollsten vielleicht die Gemälde, die in „Blickende Bilder“ vorgestellt werden. Damit sind seine Porträts gemeint, fast immer vor einem düsteren Hintergrund. Besonders gelungen scheint sein Selbstbildnis mit den auffallend großen und sehr aufmerksamen Augen, das auch den Umschlag des Bandes schmückt. Man glaubt gerne, dass dieses Gesicht einem klugen und beherrschten Menschen gehört.

Zu guter Letzt sei noch die durchweg sehr gelungene Aufmachung des Kataloges angesprochen; es ist ein sorgfältig erstelltes, auch äußerlich sehr ansprechendes Buch mit einer schönen Typografie.