Rezensionen

Roman Zieglgänsberger/Annegret Hoberg/Matthias Mühling (Hrsg.): Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin; Katalog zur Ausstellung im Lenbachhaus München 2019

Alexej von Jawlenski (1864–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) verband eine rund 30 Jahre dauernde Beziehung sowie ein enger künstlerischer Austausch. Gemeinsam haben sie die Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts als Mitbegründer der Neuen Künstlervereinigung München und des Blauen Reiters maßgeblich geprägt. Das Lenbachhaus in München stellt die Gemälde der beiden Künstlerpersönlichkeiten nun erstmals gemeinsam aus. Der begleitende Katalog beleuchtet die Beziehung des Künstlerpaars und die geschichtlichen Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven. Susanne Braun hat ihn für PortalKunstgeschichte gelesen.

Cover © Lenbachhaus München
Cover © Lenbachhaus München

 Kennen gelernt haben sich Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlenski im Jahr 1892. Scheinbar hat es zwischen den beiden sofort gefunkt, denn sie arbeiten darauf hin nicht nur intensiv zusammen sondern gehen auch gemeinsam von St. Petersburg nach München. Von dieser Stadt, die sich um die Jahrhundertwende viele Künstler aus Russland und Osteuropa zum Lebensmittelpunkt gemacht haben, erhoffen sich beide entscheidende künstlerische Impulse:
Werefkin unterbricht hier zunächst für zehn Jahre ihre malerische Tätigkeit, um sich der Förderung von Jawlenskys Talent zu widmen und sich intensiv mit Kunsttheorie und der aktuellen Kunstproduktion ihrer Zeit zu beschäftigen. Jawlensky beginnt mit Stillleben und Figurendar­stellungen zu experimentieren.

Roman Ziegelgänsberger (neben Annegret Hoberg einer der Kuratoren der Ausstellung) widmet sich im Katalog aber nicht den Werken, sondern den unterschiedlichen Charakteren von Jawlensky und Werefkin. Jawlensky begreift er etwa als jemanden, der sich konzentriert »mit sich und seiner Kunst« beschäftigte, wohingegen Werefkin sich stets »dem schöpferischen Wirbel widmete, den sie überall zu entfachen suchte«, um ihre (Kunst–)Philosophie weiter zu geben. Gerade aus diesen Unterschieden ergeben sich für Zieglgänsberger jene Konflikte, die immer wieder zu Streitereien und rund 30 Jahre später zum endgültigen Bruch zwischen den beiden Kunstschaffenden führen.

(Jelena Hahl–Fontaine hat den Briefwechsel Werefkins intensiv studiert und beschreibt sie ergänzend als eine unkonventionelle Adlige, die »fröhlich und unbeschwert« war, die »standesgemäßen Bälle« verachtete und mit der Landbevölkerung auf Augenhöhe verkehrte.)

Eindrucksvoll beleuchtet Annegret Hoberg in ihrem Aufsatz die Stimmung in der Künstlerstadt München: Sie zeichnet nach, wie Jawlensky und Werefkin zunächst ein chemisches Labor gründeten, das auch anderen Künstler*innen offen stand, in dem sie mit verschiedenen Farb–Rezepturen experimentierten (ab 1899 soll auch Wassily Kandinsky hier »einer intensiven Beschäftigung mit der Farbe, ihrer Theorie, Technik und praktischen Wirkung« nachgegangen sein) und wie die beiden schließlich ge­meinsam zu einer expressiven und starkfarbigen Malerei fanden.
Mit der von Jawlensky und Werefkin 1909 mitbegrün­deten Neuen Künstlervereinigung München, – die sich in ihrer Wohnung in der Münchner Giselastraße zu­sammenfand – und aus der zwei Jahre später der Blaue Reiter hervorging, haben sie als Vor­denkerin (Werefkin) und malerischer Impuls­geber (Jawlensky) dieser beiden Vereinigungen Kunstgeschichte ge­schrieben.

Einen wichtigen Einfluss auf die Kunstszene übte Werefkin später durch ihren Salon aus, in den sie »das kunstaffine Publikum im fortschrittlichen Schwabing« einlud. Anna Straetmans zeigt in ihrem Beitrag, wie die künstlerische Leistung von Frauen zu dieser Zeit relativiert wurde. Das Schicksal Werefkins, die jahrelang zu Gunsten von Jawlensky auf das Malen verzichtete, ist für Straetmans typisch für viele Künstlerinnen dieser Zeit. Werefkin löste den »durch die gesellschaftliche Konvention auferlegten Zwiespalt« durch Gründung des Salons und legte damit ein wichtiges Fundament für Jawlenskys Erfolg.

Wie der Erste Weltkrieg die internationale Kunstszene auseinander riß und viele Künstler ins Exil zwang, macht Sandra Uhrig nachvollziehbar. Einigen, darunter auch Jawlenski und Werefkin, gelang es, sich in der neutralen Schweiz nieder zu lassen. Dort lebten und arbeiteten die beiden miteinander auf engsten räumlichen Verhältnissen. Der Kontakt zu Deutschland brach zwangsweise vollkommen ab, offenbar konnte das Land nicht einmal durchquert werden.
Angelina Jawlensky Biaconi, Enkelin Alexej von Jawlenskis, spricht dazu in ihrem Beitrag in Bezug auf Werefkin und Jawlensky insgesamt von einer »traumatischen Trennung von München« und den Künstlerfreunden.

1921 sollte es schlußendlich auch zur Trennung von Werefkin und Jawlelnski kommen: Sie blieb in Ascona, er zog mit seiner Familie nach Wiesbaden. Wie bereits als Paar leistete nun jeder für sich einen wesentlichen Bei­trag zur Entwicklung der modernen Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts. Bis heute zählen sie zu den wegweisenden Figuren der expressionistischen Avantgarde.

Insgesamt bietet der Katalog ein facettenreiches Porträt der aus kunsthistorischer Perspektive spannenden und ereignisreichen Jahre um die Jahrhundertwende in München. Indem die Autorinnen und Autoren das Künstlerpaar Jawlenski und Werefkin in den Mittelpunkt stellen, würdigen sie einerseits deren beachtliche Lebensleistung und liefern gleichzeitig ein differenziertes und kenntnisreiches Gesellschaftsporträt dieser Zeit.

Die Ausstellung »Lebensmenschen. Alexej von Jawlenski und Marianne von Werefkin« ist noch bis 16. Februar im Lenbachhaus in München zu sehen. Danach macht sie Station am Museum Wiesbaden und in Ascona, Schweiz.