Buchrezensionen, Rezensionen

Sabine Becker/Gia Edzgveradze (Hg.): Anna K.E. A well-to-do man is cruising in his fancy car when a small hen runs out on the road in front, Hatje Cantz 2012

Kacheln und Körper – aus diesen beiden Elementen baut die georgische Künstlerin Anna K.E. ihre diskursiven Welten auf. Rowena Fuß hat sich mit der ersten Monografie zum „rising star“ der internationalen Kunstszene beschäftigt.

Ob der Blick in ein gefliestes Herren-Urinal oder wilde Achterbahnfahrten mit Buntstift, Firnis, Acrylfarben, Farbspray und ein bisschen Glitzer: Die Arbeiten von Anna Kapanadze Edzgveradze – oder kurz Anna K.E. – sind witzig bis merkwürdig. Die rasanten Linien von »Names and Games No. 02« erinnern aber auch an die Skizze eines Schaltplans. Wo die Fahrt hingeht und welche Stationen diese beinhaltet, zeigt die Publikation von Hatje Cantz.

Das nuancenreiche Werk umfasst Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Prints, Performances und Videos. Präsentiert werden die seit 2002 entstandenen Arbeiten nach Werkgruppen geordnet in vielen großformatigen Farbabbildungen und fünf Klapptafeln. Vier begleitende Texte erläutern die Bedeutung von Körperlichkeit im stilistisch und medial hybriden Schaffen K.E.s.

Manches, wie etwa die Installation »Born in Georgia« – ein Gummibärchenkopf aus Kunststoff auf einem gefliesten Holzlattenkegel –, mag kitschig bis „trashig“ daherkommen, ist aber mit großer Präzision ausgearbeitet. Vielfach erinnern gerade Schöpfungen aus der Serie »Somewhere in the West« an architektonische Modelle von ultramodernen Häusern, Bahnhöfen oder Brücken. Eine konstruktivistische Weltsicht machen zudem Arbeiten wie »Failure of Unusual Life Performance« sowie »Untitled (Underlined Disorder)« deutlich. Bei erstem handelt es sich um eine Art Mosaiktorte aus bunten runden, drei- oder viereckigen länglichen bzw. gestauchten Kacheln auf der einen Seite und Duschköpfen auf der anderen. Bei der zweiten Arbeit hat K.E. bunte Kachelquadrate à la Mondrian auf eine rechteckige Holzplatte geklebt.

Der Gebrauch der Fliesen ruft Assoziationen zu Rasterzeichnungen von Bauplänen hervor. Mit den kühn anmutenden Entwürfen von Welt und künstlerischer Existenz setzt sich Doris Krystof in ihrem Essay »Without Jewel« auseinander. Bei dieser Arbeit handelt es sich um einen in sämtlichen Regenbogenfarben gefärbten Pelz, der an einem Metallgestell hängt. In ihr laufen die Methoden des Collagierens, Montierens, Verschiebens und Versetzens zusammen. Hinzu kommt durch den Titel eine sprachliche Komponente. Die ohne Juwelen, aber mit Malerei und Farben aufgeputzte Pelzjacke mag unsere Fantasie beflügeln. Doch so kostbar der Pelz auch sein mag, ohne eine Person, die ihn trägt, ist er nicht mehr als eine leere Hülle. Er ist ein Emblem des Abwesenden und Fehlendem. An seinem Gestell fliegt er davon.

Ganz wie Beuys Filzanzug spielt die Pelzjacke mit unseren Wahrnehmungen von Wärme, Geborgenheit und Ursprünglichkeit, aber auch von Isolation. Beuys sagte dazu 1979 in einem New Yorker Ausstellungskatalog: »Das negative psychologische Kennzeichen von Isolation bedeutet die Unfähigkeit zu kommunizieren. Das positive physische Kennzeichen von Isolation liegt in dem Schutz, den sie vor Kälte, Wärme und Schall bietet.« Letztlich bilden die Eigenschaften des organischen Materials zwei Seiten einer Medaille, hinter der die Frage nach unseren äußeren Rollen und unserem eigentlichen Sein steckt.

Dem sauberen äußeren Schein erteilt Anna K.E. nicht nur in »Gloss of a Forehead« eine Absage, wo ein Hintern durchs Atelier saust. Auch in ihrem Video »God created the World and I did the Rest« spricht sie sich gegen jede Form von Sterilität aus, indem sie einen Kothaufen auf ihrem Körper platziert. In Anlehnung an Manzonis »Merda d’artista«-Dosen mag dies die Herausforderung an postmoderne Künstler umschreiben. Nämlich die Frage: Was gibt es noch hinzuzufügen?

Der Kachel und dem Körper sowie ihrer wechselseitigen Beziehung widmet sich Gianni Jetzer. Fliesen besitzen einen hygienischen Charakter. Sie sind leicht zu säubern, steril und vielseitig einsetzbar. Ihre Reinheit steht im krassen Gegensatz zum Geschehen in gekachelten Orten, insbesondere Toiletten. Insofern versinnbildlichen sie saubere Architektur und den sich verausgabenden Körper gleichermaßen. Beide sind Module im Welt-Baukasten. Anna K.E. macht durch die beiden hervorragenden Elemente in ihrem Werk deutlich, dass zeitgenössische Kunst ein diskursives Feld ist. Jeder kann daran teilhaben und sich äußern, muss es eigentlich. Erst dadurch wird das jeweilige künstlerische Werk komplettiert.

Um dem Leser dies zu verdeutlichen, haben sich die Autoren mächtig ins Zeug gelegt und speziell die Philosophie der Konstruktivisten wie auch Heideggers bemüht. Besonders sperrig liest sich der letzte Beitrag. Von Nachteil war dies jedoch nur bei der ersten Lektüre. Dann wurde mit anderen über den Inhalt genauso wie über K.E.s Werke diskutiert. Fazit: Absolut zu empfehlen!