Ausstellungsbesprechungen

Salvador Dalí und Hans Arp. Die Geburt der Erinnerung. arp museum Bahnhof Rolandseck, bis 10. Jänner 2021

Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck, südlich von Bonn, ist nicht nur wegen seiner exponierten Lage am »romantischen Rhein« in der Nähe des legendären Rolandsbogens und des Siebengebirges ein besonderer Ort, sondern auch wegen seines schmucken spätklassizistischen Bahnhofgebäudes und des spektakulären Neubaus des amerikanischen Stararchitekten Richard Meier. Und natürlich wegen seines erlesenen Ausstellungsprogramms, das in diesem Jahr unter dem Motto »Total surreal« steht und die bisher kaum beachteten Bezüge zwischen Salvador Dali (1904–1989) und Hans Arp (1886–1966) in den Blick nimmt. Rainer K. Wick war vor Ort.

Salvador Dalí, Erleuchtete Lüste, 1929, Foto © Rainer K. Wick
Salvador Dalí, Erleuchtete Lüste, 1929, Foto © Rainer K. Wick

Mit der noch bis zum 10. Januar 2021 laufenden Ausstellung »Salvador Dalí und Hans Arp. Die Geburt der Erinnerung« bietet das Museum in Remagen–Rolandseck ein Kunstereignis von überregionaler Strahlkraft, nicht zuletzt wegen einiger Arbeiten Dalís, des exzentrischsten aller Surrealisten, die hierzulande nur äußerst selten im Original zu sehen sind. Konzeptionell beeindruckt die von Astrid von Asten und Sarah–Lena Schuster exzellent kuratierte Schau dadurch, dass sie zum Teil überraschende Querverbindungen zwischen Arp und Dalí aufzeigt, die sich gelegentlich biografisch festmachen lassen, vor allem aber in formaler Hinsicht fassbar sind.

Bahnhof Rolandseck mit Henry Moores »Large Reclining Figure”, 1984, anlässlich der Moore–Ausstellung 2017, und rechts oben: Richard Meiers Museumsneubau,  2004–2007, Foto © Rainer K. Wick
Bahnhof Rolandseck mit Henry Moores »Large Reclining Figure”, 1984, anlässlich der Moore–Ausstellung 2017, und rechts oben: Richard Meiers Museumsneubau, 2004–2007, Foto © Rainer K. Wick

Rolandseck verwaltet einen beträchtlichen Teil des künstlerischen Nachlasses des 1886 im damals deutschen Straßburg geborenen Hans Arp, und insofern versteht es sich fast von selbst, dass er als Namensgeber und »Hauspatron« des Museums figuriert. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, war Arp in Zürich Mitbegründer des Dadaismus, in den 1920er Jahren gehörte er zum Kreis der Pariser Surrealisten um André Breton. Charakteristisch für sein plastisches Œuvre ist ein organoides, also an organischen Wachstums– und Wandlungsprozessen orientiertes Formverständnis. Damit setzte Arp jener Sprache der Geometrie, wie sie seinerzeit von De Stijl, dem Bauhaus und den internationalen Konstruktivisten kultiviert wurde, die »Natürlichkeit« seines eigenen »biomorphen« Schaffens entgegen. Dabei ging es ihm nie um die bloße Nachahmung der äußerlich erfahrbaren Natur, sondern um so etwas wie ein naturanaloges Vorgehen: »Wir wollen bilden, wie die Pflanze ihre Frucht bildet, und nicht abbilden.« Typisch für seine abstrakten Formgebilde sind die fließenden Linien, die geschwungenen Silhouetten, die sich wölbenden Flächen, die schwellenden Volumina, die weichen Übergänge. Obwohl Arp früh mit für den späteren Surrealismus bedeutsamen Zufallsmethoden experimentierte, freundschaftlichen Umgang mit prominenten Surrealisten pflegte, sich an den Publikationen der surrealistischen Bewegung beteiligte und zeitlebens für »das Irreale, das Spiel, den Traum, das Unbestimmte« offen war, sind doch Zweifel angebracht, ob er im Sinne des von Breton 1924 verfassten Ersten Manifests des Surrealismus als lupenreiner Surrealist gelten kann.

Im Unterschied zur abstrakten Formensprache Hans Arps lassen sich die Bildwelten des 1904 im katalanischen Figueres geborenen Salvador Dalí umstandslos dem Surrealismus zurechnen, und zwar jener veristischen Richtung innerhalb der surrealistischen Bewegung, die sich einer virtuosen Maltechnik bedient, »die so realistisch und präzise ist wie die eines flämischen oder italienischen Meisters des 15. Jahrhunderts«, wie Alfred H. Barr, Gründungsdirektor des New Yorker Museum of Modern Art, einmal festgestellt hat. Insofern mögen die Bilder Dalís auf den ersten Blick akademisch anmuten, in inhaltlicher Hinsicht sind sie aber hochgradig innovativ, entsprechen sie doch, zumindest zum Teil, jenen von André Breton formulierten Maximen wie dem »Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis heute vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allgewalt des Traumes, an das absichtsfreie Spiel der Gedanken.«

links: Salvador Dalí, Einweihungsgänsehaut, 1928, rechts unten: Hans Arp, Pagodenfrucht auf Schale, 1934, Foto © Rainer K. Wick
links: Salvador Dalí, Einweihungsgänsehaut, 1928, rechts unten: Hans Arp, Pagodenfrucht auf Schale, 1934, Foto © Rainer K. Wick

1928, ein Jahr, bevor sich Arp und Dalí in Paris persönlich begegneten, stellte der Katalane fest: »Lassen wir Picasso beiseite. Wir werden lernen müssen, uns besser mit Arp zu verstehen, der uns mit fast unmerklicher Natürlichkeit ein äußerst weites Feld von Verwirklichungsmöglichkeiten auftut.« Deutlich wird in diesen erstaunlichen Sätzen nicht nur der Versuch Dalís, sich von Picasso, dem Übervater der Moderne, abzusetzen, sondern auch die große Wertschätzung, die der Katalane dem achtzehn Jahre älteren Arp entgegenbrachte. Hier liegt der Schlüssel zur großartigen Ausstellung in Rolandseck, die die beiden Künstler in dialogischer Form zueinander in Beziehung setzt und den Blick für die überraschenden Parallelen in ihrem Schaffen schärft.

oben: Salvador Dalí, Die Spektralkuh, um 1928, Foto © Rainer K. Wick, unten: Hans Arp, Ruhendes Blatt, 1959, Foto © Mick Vincenz
oben: Salvador Dalí, Die Spektralkuh, um 1928, Foto © Rainer K. Wick, unten: Hans Arp, Ruhendes Blatt, 1959, Foto © Mick Vincenz

So tauchen in frühen Dali–Gemälden mit so rätselhaften Titeln wie »Einweihungsgänsehaut« (1928) und »Die Spektralkuh« (um 1928) jene organischen Formen auf, die mühelos als Markenzeichen des bildnerischen Schaffens von Hans Arp identifizierbar sind. Irritierend mag allerdings sein, dass zum Beispiel im Fall der »Spektralkuh« das von den Kuratorinnen herangezogene Vergleichsbeispiel »Ruhendes Blatt« von Arp erst mehr als dreißig Jahre später datiert ist, so dass nicht von Einflüssen, sondern eher von Korrespondenzen die Rede sein kann. Dies bekräftigt auch Astrid von Asten im lesenswerten Katalogbuch, wenn sie von generellen Entsprechungen bezüglich der Vorstellungen und Visionen beider Künstler spricht.

links: Hans Arp, Torso, 1930, Foto © Rainer K. Wick, rechts: Salvador Dalí, Ohne Titel (Carry–Le–Rouet), 1930, Foto © Rainer K. Wick
links: Hans Arp, Torso, 1930, Foto © Rainer K. Wick, rechts: Salvador Dalí, Ohne Titel (Carry–Le–Rouet), 1930, Foto © Rainer K. Wick

Während aber Arps »Torso« von 1930 mit seinen konvex und konkav gerundeten, geschmeidigen Formen einem abstrahierenden Gestaltungswollen entspringt, tendiert Dalí zu selben Zeit zum Gegenständlichen, wie sein Gemälde »Ohne Titel (Carry–Le–Rouet)« aus dem Jahr 1930 mit dem gesichtslosen weiblichen Torso in der Bildmitte zeigt – ein Bild, das mit den scharfen Schlagschatten, der Bogenarchitektur am rechten Bildrand und der am Horizont angedeuteten Eisenbahn an Giorgio de Chiricos »Pittura metafisica« anschließt.

Salvador Dalí, Der Traum der Venus, 1939, Foto © Rainer K. Wick
Salvador Dalí, Der Traum der Venus, 1939, Foto © Rainer K. Wick

Und in dem monumentalen Tableau »Der Traum der Venus« (1939) mit den typischen weichen Uhren, der brennenden Giraffe und der Figur mit Schubladen und Hummer lässt sich, wenn überhaupt, eine Parallele allenfalls in dem Sinne festmachen, als hier das für beide Künstler essentielle, aber zu sehr unterschiedlichen Resultaten führende gestalterische Prinzip der Metamorphose eine bestimmende Rolle spielt.
Dalís Entscheidung für einen konsequent veristischen Surrealismus belegen in Rolandseck weitere spektakuläre Werke wie »Erleuchtete Lüste« (1929), »Metamorphose des Narziss« (1937) oder »Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen« (1944) mit liegender Aktfigur, der in der Ausstellung Arps abstrakte »Kleine Sphinx« von 1942 gegenüber gestellt wird.

Salvador Dalí, Metamorphose des Narziss, 1937, Foto © Rainer K. Wick
Salvador Dalí, Metamorphose des Narziss, 1937, Foto © Rainer K. Wick

Bei den zuletzt genannten Arbeiten Dalís handelt es sich um Leihgaben aus Hiroshima in Japan, New York in den USA, Chichester in England und Madrid in Spanien, und allein um sie zu sehen, dürfte sich ein Besuch des Arp Museums Bahnhof Rolandseck lohnen.

oben:Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen, 1944, Foto © Rainer K. Wick, unten: Hans Arp, Kleine Sphinx, 1942, Foto © Rainer K. Wick
oben:Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen, 1944, Foto © Rainer K. Wick, unten: Hans Arp, Kleine Sphinx, 1942, Foto © Rainer K. Wick

Den Schlusspunkt der überaus facettenreichen, mit Exponaten reich bestückten und klug inszenierten Ausstellung markiert im Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens die großformatige Dalí–Grafik »Beethovens Kopf« aus dem Jahr 1973. Schon um 1940 hatte sich der Künstler in einer kleinen, »Beethovens Schädel« betitelten Federzeichnung mit dem Komponisten auseinandergesetzt, den er als prototypische Erscheinung des Genies betrachtete und den er – surrealistisch verfremdet – in Gestalt einer Gewitterwolke darstellte. Interessant ist das spätere Blatt von 1973 vor allem deshalb, weil Dalí hier einen lebenden Tintenfisch benutzte, der seinen Farbstoff in der Manier einer Klecksografie auf dem Papier verteilte und dessen Spuren der Meister dann mit einigen gezielten Strichen zu einer Art fiktivem Porträt Beethovens vervollständigte.

Salvador Dalí, Beethovens Kopf, 1973, Foto © Mick Vincenz
Salvador Dalí, Beethovens Kopf, 1973, Foto © Mick Vincenz

Und auch hier drängt sich erneut der Brückenschlag zu Arp auf, der, wie oben angedeutet, schon 1917 als Dadaist in Zürich den – gesteuerten – Zufall als Gestaltungsprinzip entdeckt hatte und damit zu einem maßgeblichen Impulsgeber für den in den 1920er Jahren aufblühenden Surrealismus wurde.
Zu guter Letzt eine Anmerkung zum Untertitel der Ausstellung: »Die Geburt der Erinnerung«. Klingt gut, bleibt aber – passend zum Jahresmotto »Total surreal« –rätselhaft. Es handelt sich um ein verkürztes Dalí–Zitat, das vollständig wie folgt lautet: »Im Abschied ist [liegt] die Geburt der Erinnerung« – eine Sentenz, die gern für Traueranzeigen genutzt wird, aber ebenso am Ende eines erfüllenden Besuchs der aktuellen Sonderausstellung in Rolandseck stehen kann.

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