Buchrezensionen

Stefan Zweifel/Juri Steiner (Hrsg.): Expedition ins Glück. 1900-1914 , Scheidegger & Spiess 2014

Der Beginn des 20. Jahrhunderts wird gemeinhin als Vorspiel zum Ersten Weltkrieg wahrgenommen. Unser Wissen um die »Urkatastrophe« führt häufig zur anachronistischen Sicht auf die Jahre 1900 bis 1914 als Vorbereitung des Unausweichlichen. Es ist dem Schweizer Nationalmuseum zu verdanken, dass mit der Begleitpublikation »Expedition ins Glück« zur gleichnamigen Ausstellung nun ein inspirierendes Panoptikum zeitgenössischer Sichtweisen aus der Vorkriegszeit zum Studium vorliegt. Unser Autor Lennart Petersen hat sich davon begeistern lassen.

Dieses großformatige und farbenprächtige Buch ist ein seltsames Mischwesen. Auf der einen Seite lässt es sich als ein Ausstellungskatalog verstehen, der als bleibende Handreichung für die im Juli abgeschlossene Schweizer Kunstschau »1900-1914. Expedition ins Glück« gelten kann. Dass sich der Titel der Ausstellung mit jenem des Kataloges deckt, mag ein deutliches Indiz dafür sein. Dabei ist dieses Buch viel mehr als nur die Dokumentation einer bereits wieder abgebauten Informationsdarbietung, mehr also als die Konservierung einer gewiss gut komponierten Exposition. Vielmehr ist es eine Lese- und Schaumappe, die den Ausstellungsanspruch, Perspektiven der Zeit vor dem Beginn eines Bewusstseins des Weltkrieges darzustellen, als eigenständiges Kunstwerk erfüllt. Es ist ein vielfältiges Sammelsurium verschiedenster Bild- und Textmaterialien, die sich untereinander auf das Trefflichste ergänzen und irritieren, sodass der Leser tatsächlich mehr den Eindruck einer epochalen Vielstimmigkeit als einer nachträglich geformten Meistererzählung erhält.

Die Herausgeber Juri Steiner und Stefan Zweifel haben ihr Augenmerk auf die Verwobenheit der Informationen, der Theorien, Ideen und Wahrnehmungen der Menschen gelegt. Das ist die große Stärke des Kataloges, die bereits beim ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis deutlich werden kann – kann, weil es einiger Einlesezeit bedarf, um die kluge Komposition des gesamten Buches zu erkennen. Der nur flüchtig Durchblätternde wird Kapitelüberschriften wie Kinopalast der Träume‹ oder »Der dunkle Kontinent unserer Seele« vielleicht als unnötige lyrische Verklausulierungen begreifen und auf die große Fülle unterschiedlichster Texte und Bilder mit jener Ablehnung reagieren, die man dem verschlungenen und verwachsenen Pfad entgegen bringt, wenn man eine asphaltierte Straße erwartet. Nichtsdestoweniger steckt bereits in den Überschriften des Inhaltsverzeichnisses das Handwerk der Collage, das Zusammendenken und Zusammenstellen parallel entstehender Elemente der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei sind die Kapitel selbst verbindend angelegt, sie gehen durch Überlappung der Bilder und Texte fließend ineinander über, statt ein enges und abteilendes Korsett zu sein. So wird beispielsweise die Kolonialgeschichte, zu der es eine Reihe von Abbildungen afrikanischer Artefakte und kolonialer Photographien zu sehen gibt, zwar mit einer kurzen Erläuterung Hobsbawms zum »Schwalbenzug des Imperialismus« eingeleitet, verknüpft sich aber gleichermaßen mit der Erfahrung der Fremde und des Exotischen, mit zeitgenössischer Problematisierung des Herrenmenschengestus und wird, ein Kapitel später, mit dem Thema »Fantasia Militaria« verknüpft, wenn zwischen dem Exponat einer Brieftauben-Kamera und einer Zeppelinphotographie noch eine vielfach von Metallsplittern durchstoßene kongolesische Holzfigur platziert wird.

Fortsetzung von Seite 1

Die Quellen, aus denen Steiner und Zweifel schöpfen, sind vielfältig und wohl ausgewählt. Auszüge aus Thomas Manns »Zauberberg« sind ebenso zu lesen wie Passagen aus Nietzsches »Zarathustra« Kafkas Tagebüchern, einiges aus Musils »Mann ohne Eigenschaften«, dazu noch Jarry, Scheerbart, Ball, Proust und weitere. Flankierend kommt Sigmund Freud sowohl in seinen theoretischen Schriften als auch durch einige seiner Traumdeutungen zu Wort. Es folgen erläuternde Abschnitte aus der aktuellen Wissenschaft, namentlich sowohl aus Philipp Bloms »Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914« als auch aus Christopher Clarks »Die Schlafwandler«, wobei sich diese Art der wissenschaftlichen Verortung glücklicherweise in engen Grenzen hält. Das bedeutende Übergewicht liegt bei zeitgenössischem Material, dem auch eine Vielzahl bildlicher Quellen und abgelichteter Exponate zuzuordnen sind. Hier finden sich einerseits die bekannten Künstler der sich zu Beginn des Jahrhunderts fein verästelnden Geistesströmungen, genannt seien beispielsweise Klimt, Schiele, Hodler und Schönberg; andererseits aber auch technische Bildstrecken mit sowohl künstlerischen als auch dokumentierenden Photographien, Filmstills und Plakaten, Röntgenaufnahmen, Skizzen und Comics. Es ist ein genussvoller Griff tief in die Truhe jeglicher Geschichte, eine leidenschaftlich erstellte Sammlung miteinander verknüpfbarer Realien einer kurzen Epoche des Drängens und Taumelns, der Klarheit und des Rausches.

Eine Besonderheit der vorliegenden Publikation ist ihre Schweizerische Perspektive, die mancherorts unerwartete Blickwinkel erzeugt. Dies gilt besonders für das von Andreas Spillmann geführte Interview mit Ruth Dreifuss und Jakob Tanner »Über das ›Neue‹ vor dem Ersten Weltkrieg«. Die hierbei entstehenden Darstellungen und Beurteilungen über die Schweizer Geschichte dürften dem deutschen oder österreichischen Publikum ungewohnt und damit eine Bereicherung sein. Man merkt rasch, wie sehr man daran gewöhnt ist, die Vorkriegszeit entweder aus den Augen der Mittelmächte oder der Entente zu betrachten.

»Expedition ins Glück« ist schon vom Titel her keine wissenschaftliche Abhandlung und erhebt auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr ist es das, was man sich unter dem ergrauten Begriff der Expedition noch vorzustellen vermag: das sich Hineinbegeben in eine fremde und unbekannte Welt, voller Bereitschaft, sich von den Unerklärlichkeiten beeindrucken und auch abschrecken zu lassen. Die Erklärung wird weder gesucht noch erwünscht, viel eher treibt einen die Hoffnung auf das Außergewöhnliche, das Neue und noch nicht Gesehene. Man will ablichten, sammeln, zusammentragen, um später – zurück im heimischen Arbeitszimmer unter dem Licht einer grün beschirmten Lampe – das Aufgelesene und Abgelauschte zu sortieren und einzuordnen. Wenig anders verhält es sich mit dem Katalog von Steiner und Zweifel, von dem man sich keine Exaktheit, keine stehende Erklärung versprechen darf, sondern in den man hineingehen muss mit den grenzenlosen Hoffnungen eines Forschungsreisenden – man wird nicht enttäuscht werden.

Im dem sich dem Ende zuneigenden, großen Gedenkjahr 2014 ist es Mode, nach Parallelen zwischen dem beginnenden 20. und 21. Jahrhundert zu suchen. Entsprechend vulgäre und infantile Prognosen und Prophezeiungen über die kommende Zeit sind bisher zu lesen gewesen, inklusive der politischen Kriegsschablone, in der nach einhundert Jahren wieder ein gefährliches Russland als Feind im Osten Gewehr bei Fuß stehen soll. Die Wiederholungen der Geschichte, die nicht zu leugnen sind, liegen jedoch weniger derart unterkomplex auf der Hand, sondern finden sich vielmehr in den Daseinsstrukturen und Lebenserfahrungen der menschlichen Kreatur, die in ihrer Existenz die wohl einzige Konstante ihrer eigenen Geschichte ist. Ist man bereit, der »Expedition ins Glück« zu folgen, wird man die feinen Parallelen in den Nervensystemen der Gesellschaften entdecken, die das Heute mit dem Damals in fruchtbarer Weise vergleichbar machen. Dies ist der doppelte Erfolg dieser Publikation, dass sie sowohl ein Panorama des Gewesenen gibt, als auch Rückschlüsse auf die Entgrenzung der Gegenwart ermöglicht.