Rezensionen

Thomas Hildenbrand: Vom Stürzen und Fliegen. Schnell & Steiner Verlag

Seine Holzskulpturen sind von erstaunlicher Leichtigkeit. Kraftvoll und schwelgerisch, aber auch brüchig und fragil spannen seine Menschenbilder einen Bogen vom gotischen Schnitzaltar bis zur Popkultur unserer Tage. Thomas Hildenbrand (*1980) beschäftigt sich intensiv mit Werken historischer Bildhauerei und deren Technik und hat daraus eine eigene, zeitgenössische Bildsprache entwickelt. Zu sehen in einer aktuellen Monographie, rezensiert von Melanie Obraz.

Cover © Schnell & Steiner
Cover © Schnell & Steiner

Sinnlichkeit, Formsprache und Bildlichkeit prägen das Werk des Holzbildhauers Thomas Hildenbrand (*1980). Aus Holz, aber eben auf keinen Fall hölzern sondern dem Leben zugetan, zeigen sich die Figuren dem Betrachter.
Die Arbeiten Thomas Hildenbrands werden von Jürgen Lenssen in der Einleitung zum Bildband »Vom Stürzen und Fliegen« einfühlsam beschrieben und zugleich in ihren kunsthistorischen Kontext eingebettet, schnell finden der Werdegang und die Absichten des Künstlers als Holzbildhauer, auf diese Weise den Weg zum Leser und zum Betrachter. Man fühlt gleichsam, wie sehr der Künstler mit »Sensibilität und Zärtlichkeit« dem Werkstoff Holz zugetan ist und sich dabei auf den Menschen fokussiert, der in Anbetracht seiner spirituellen Fähigkeiten das eigene Selbst, sein Ich neu erfährt.
Im Interview stellt Alfred Godulla die Intention, Hildenbrands Kunst–Wollen vor und zeigt, in welcher Weise der Künstler seine Figuren als Suchende in ihrem Menschsein abbildet. Es ist die besondere Spezies »Mensch«, die in einer zarten Kraft präsent ist und darin wirkt, als würde sie über der Zeit stehen. Offen spricht Thomas Hildenbrand hier von seiner Prägung als evangelischer Christ, seine daher wohl herrührende »Bildsehnsucht«, die Bedeutung der Flügel die seine engelartigen Figuren auszeichnen sowie von seiner »Liebe zur Barockskulptur«.

Risse und Unebenheiten bleiben in seinen Plastiken bestehen, denn Thomas Hildenbrand geht es nicht um das glatte und perfekt Anmutende – darin zeigt sich auch die starke Betonung der handwerklichen Fähigkeit. Offenheit ist entscheidend, der Betrachter soll und kann sich die Figuren selbstständig zu Ende denken. Die Ansicht erfährt dadurch im Auge des Betrachters eine Verstärkung, denn – so Hildenbrand – »Ich selbst halte es für vermessen, dem Betrachter eine Botschaft zu diktieren«.
Als Ergebnis zeigt sich das Menschenbild hier in einer einmaligen Präsenz, die im Blick der Allmacht der religiös inspirierten Skulpturen bemerkbar ist. Sowohl Trauer als auch ein tiefes Gefühl der Zuversicht werden in den Holzskulpturen wie auch in den Terrakotta– und Gipsfiguren sichtbar.
Thomas Hildenbrand erklärt in und mit seinen Arbeiten wie eine elegante Rauheit in Zartheit übergehen kann: Christus, Engel und der Mensch betonen die Hingabe an den Augenblick der spirituellen Verzückung. Ruhe und Dynamik sind den Skulpturen gleichermaßen eingeschrieben. Hildenbrands Skulpturen sind daher weit mehr als geschnitztes Holz, sie sind Bild, eine Begegnung zwischen Mensch, Engel, Gott/Gottessohn und Pietà.

Abstraktion kennt Hildenbrand scheinbar nicht, er führt den Menschen wie auch die Gesamtheit des Weltlichen wieder in das Feld der Skulptur hinein.
Da sie weder belehrend noch des–illusionistisch ausgerichtet sind, entfernen sich seine Arbeiten von modernen und postmodernen Vorbildern. Die Werke sind in einer geradezu prägnanten Weise auf den Betrachter ausgerichtet. Wiederkehrend: das vom Wind/Lufthauch bewegte Tuch, der Schal, der Schleier – eine Verbindung und zugleich ein Gegensatz zur festen Skulptur. So manifestiert sich an und um die Skulpturen ein Raum, ein Fluidum der Leichtigkeit, das dem Fliegen eigen ist und dem Absturz, und damit jedem Stürzen den Schrecken nehmen kann. Diese Eigenschaften dominieren auch die Skulptur »Bonaparte«, die in der Monographie von Roland Boehm vorgestellt wird.
Offensichtlich basiert das Werk auf dem berühmten Porträt von Jacques Louis David aus dem Jahr 1801 (Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard). Doch auch wenn der schwarze Rahmen geblieben ist, Napoleon wurde in dieser Arbeit ausradiert, allein der verbliebene Hengst Marengo und der Mantel deuten auf den historischen Augenblick und die Bildvorlage hin.

Hiermit tritt die Leichtigkeit und die künstlerische Unschuld zu Tage, die sich in einer ureigenen Sprache der Kunst vom Inneren her bekundet. Hildenbrand vollzieht gleichsam seine Kunst mit der Hand als Übersetzer einer Emotion in ein Material – in Lindenholz, Terrakotta, Gips. Und so stellen die Skulpturen in fast schon sakraler Manier, die entscheidenden Fragen an das Menschsein. Die Werke konstituieren sich im Betrachter, werden erst im Auge des Rezipienten zum »Spirituellen«. Stets ist sich der Künstler der visuellen Macht der Skulptur bewusst und fordert damit die Betrachter aktiv auf, mit seinen Arbeiten in einen Dialog zu treten. So werden in Hildenbrands Kunst nicht ausschließlich religiöse, sondern vor allem ästhetisch–diskursive Aspekte angesprochen – z.B. »Rabenlandschaft«, »Großer Schwarm mit Kugel und Papier«, »Rabenflug«.

Die eigene künstlerische Selbstfindung korrespondiert mit den Wünschen, Sehnsüchten und Erwartungen der Betrachter. Wallende Tücher, Schleier deuten seelische Befreiungen an, ebenso die Vergänglichkeit menschlichen Strebens.
Die Figuren werden aber nie nur auf die eigene Körperlichkeit zurückgeworfen, sondern scheinen in einem Vorgang des Strebens, zwischen Raum und Zeitlichkeit zu schweben. Hildenbrands Werke sind darauf angelegt, gleichermaßen Heiligkeit und Spiritualität zu atmen, ihre gestische Körpersprache verdichtet sich zur Illustration des Skulpturalen – beispielhaft zu sehen in der ca. 95 cm großen Schnitzarbeit »Kokon«, in welcher die Ästhetik der Weiblichkeit, des Femininen, zum Ausdruck gelangt.
Thomas Hildenbrand gelingt es, den Betrachter auf emotionaler Ebene zu erreichen, indem er neue dynamische Verknüpfungen zwischen Gotik, Barock und Moderne erschließt. Die Texte des Buches werden dem Leser bilingual, in deutscher und englischer Sprache angeboten.


Thomas Hildenbrand: Vom Stürzen und Fliegen.
Verlag: Schnell/Steiner, Regensburg 2020
167 Seiten
ISBN 978–3–7954–3554–7

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