Till-Holger Borchert/Peter Carpreau/Stephan Kemperdick: Dieric Bouts - Bildermacher. Belser Verlag

Der Maler Dieric Bouts (1410/1420 Haarlem–1475 Leuven) darf aufgrund seiner perspektivischen Arbeitsweise als Revolutionär gelten. Als Untertitel bezeichnet das Buch des Belser Verlages den flämischen Künstler treffend als „Bildermacher“. Das Buch über Bouts macht klar, dass es um die Wahrnehmung jener Kunst als Gegenstand in einer imaginären Welt der Spiritualität geht. So stellen die Experten:innen/Autoren:innen die spannende Frage, was uns Gemälde des 15. Jahrhunderts sagen und vor allem „was wir heute daraus machen“. Melanie Obraz hat sich dieser faszinierenden Aufgabe gestellt.

Cover © Belser Verlag
Cover © Belser Verlag

Geheimnisvoll sind die ersten Jahrzehnte des Lebens von Dieric Bouts, da unbekannt ist, wer ihn unterrichtete und wo er gearbeitet hat. Das Buch spiegelt die politische und soziale Thematik des 15. Jahrhunderts in Leuven wider und untersucht die Möglichkeiten, die sich an der Universität Leuven ergaben. Dabei steht das damit einhergehende Fluidum eines gesellschaftlichen Neubeginns ebenso im Zenit wie die Umsetzung jenes Flairs in den Kunstwerken. Erwähnenswert ist, dass Bouts seine Malweise und Interpretation im Umfeld der Universität entwickelte. Erstaunlich auch, dass der Künstler in dem konservativen Kreis der Universität, die Aristoteles noch lang als wissenschaftliche Grundlage propagierte, eine höchst visionäre und eigene Mal– und Sichtweise entwickelte. Bouts sah sich inmitten eines intellektuellen Klimas, welches speziell von den bedeutenden Bibliotheken in Leuven und vor allem von der 1129 gegründeten Parkabtei in Heverlee mit ihrer Bibliothek geprägt wurde. Klassische Autoren der Antike und jene wissenschaftlichen Werke, die an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit stehen, vergegenwärtigen den Wandel einer Zeit, die nach einer innovativen Interpretation in der Kunst geradezu schmachtet.

Es ist vor allem das künstlerische Umfeld eines Rogier van der Weyden (1399/1400- 1464), welches auch die Arbeiten des Dieric Bouts beeinflusst. Doch auch Maler wie Petrus Christus (1410-1475) und Albert van Outwarter (1415-1475), bekunden eine Dichte der künstlerischen Möglichkeiten, die Bouts zu nutzen wusste. Die Autoren:innen der vorliegenden Publikation gewähren einen facettenreichen Blick in jene Zeit des 15. Jahrhunderts, die in der Gegenwart meist nicht als Aufbruch wahrgenommen wird. Hier ist die Perspektive entscheidend, von welcher Bouts Kenntnis hatte und die er in eigener Interpretation anwandte. Dadurch gewann seine Kunst eine Tiefenwirkung, die auf die Betrachter:innen jener Zeit einen immensen Eindruck gemacht haben muss. Aber auch das Publikum der Gegenwart ist von den Werken Bouts berührt, gerade weil es ihm gelingt den Blick von der Bildmitte aus auch an die Ränder und in die Nischen seiner Gemälde zu führen. Obwohl die Geschichte der Perspektive bereits in der Antike bei Euklid (um 300 v. Chr.) beginnt und sich über Cimabue (1240/50- 1300/1302) und Giotto (1266/67-1337), Filippo Brunelleschi (1377-1446), Massacio (1401-1428) und den Architekten Leon Battista Alberti (1404-1472), der das perspektivische Zeichnen in seinem Werk De pictura überlieferte, stets weiter entwickelte, zeigt Bouts darin ein Charakteristikum.

Die Glückseligen auf dem Weg ins Paradies  Lille, Palais des Beaux-Arts, Inv.-Nr. 820  Foto: Lille, Palais des Beaux-Art 
Die Glückseligen auf dem Weg ins Paradies  Lille, Palais des Beaux-Arts, Inv.-Nr. 820  Foto: Lille, Palais des Beaux-Art 

So gelingt ihm eine Dreidimensionalität, in welcher die Betrachter:innen in das Bildthema hineingezogen werden, gleichsam daran teilnehmen. Dramatische Felsformationen, die ohnehin in den Augen der Bevölkerung um Leuven, die eher an das Flachland und niedrige Erhebungen gewöhnt waren, eine gesteigerte Aufmerksamkeit entfachten, konnten darüber hinaus ein gesteigertes Interesse und Erleben ermöglichen.

Die vielleicht befremdliche Wirkung, die von jenen Werken ausging, konnte dennoch eine Freiheit suggerieren, die mit einer Aufbruchstimmung in Einklang stand. Die Kraft und die Möglichkeiten des Menschen als ein Ich sind hier von Interesse. Der Autor Peter Carpreau stellt den Bezug zu Welten in Fantasy- und Science-Fiction-Filmen wie etwa Star Wars her. Das World Building – dieses Erschaffen von (imaginären) Welten - kann bei Dieric Bouts bereits festgestellt werden. Damit zeigt sich, dass die Betrachter:innen in ihrer Fantasie gefordert sind, weitere Wege zu gehen, die Bildaussagen stets einer Neuerung zuzuführen. Der inhärenten Bilderzählung wird dadurch eine Spannung verliehen, die sich immer weiter ausbilden kann und so grenzenlos wird.

Das Martyrium des heiligen Erasmus mit den heiligen Hieronymus und Bernard  Leuven, M Leuven (Sint-Pieterskerk), Inv.-Nr. S/57/B  Foto: artinflanders.be, Dominique Provost 
Das Martyrium des heiligen Erasmus mit den heiligen Hieronymus und Bernard  Leuven, M Leuven (Sint-Pieterskerk), Inv.-Nr. S/57/B  Foto: artinflanders.be, Dominique Provost 

Die Realität scheint für einen Augenblick ausgeschaltet, stattdessen spinnt sich ein Band des Verstehens zwischen Kunstwerk und Rezipient:in. Bouts schafft Räume, in denen auch zeitgenössische Betrachter:innen die Bildteile neu zusammenzufügen und auf diese Weise ein eigenes, ihrer Gegenwart entsprechendesBild erschaffen können . Dabei steht der rein klassisch-historische dem transhistorischen Weg gegenüber. Demnach gibt nicht der Künstler seinem Werk eine Bedeutung, sondern die Betrachter:innen mit ihrer spezifischen Anschauung. Damit bekundet sich eine phänomenologische Wende bei der Gegenüberstellung eines Werkes mit seinem Publikum

Bouts legt es darauf an, dass sein Publikum sich in all den Jahrhunderten ein eigenes Bild macht – ebenso wie er es als Bildermacher selbst verwirklicht hatte. So nimmt auch die Ikonografie der Madonna direkten Bezug zu unserer Gegenwart, in welcher oft Ikonen der Popkultur die Macht und Vermittlerrolle einnehmen, die sich dann auf das Publikum und den Filmstar, den umjubelten Star einer Szenerie beziehen.

Die Verdammten  Lille, Palais des Beaux-Arts (Leihgabe des Musée du Louvre, Paris), Inv.-Nr. 1808 (Louvre RF 1113)  Foto: Lille, Palais des Beaux-Art 
Die Verdammten  Lille, Palais des Beaux-Arts (Leihgabe des Musée du Louvre, Paris), Inv.-Nr. 1808 (Louvre RF 1113)  Foto: Lille, Palais des Beaux-Art 

In diesem Buch über Bouts wird der transhistorische Weg der Kunstauffassung und des Kunstverstehens eingehend vorgestellt und in gewisser Weise auch favorisiert. Peter Carpreau betont in seiner Einführung, dass es zwei Wege gibt: Entweder wir fragen danach was und warum der Maler Bouts das tat, was er tat oder wir fragen danach, was und warum uns heute noch seine Malerei fasziniert. So zeigen sich auch die bewusst unvollständig gestalteten Räume in den Bildwerken bei Bouts als Anstoß zu einem Weiterdenken, einem Öffnen des Weltblickes.

Jedes vorgestellte Gemälde wird in Details nochmals abgebildet wodurch sich eine völlig neue Weise des Zugangs eröffnet. Bouts ist also auch der Maler der detailreichen Stille, die nicht ereignislos oder leer, sondern eine überaus reichhaltige Fülle aufweist, die geradezu weitere Interpretationen herausfordert. Damit ist ein imaginäres sich-Versenken in den Augenblick der Tiefe des Gemäldes gegeben. Ratio und Fiktion gehen ineinander über und kreieren von Neuem einen Raum innerhalb der Kunst.

Die Autoren des Buches Marc Derez, Michiel Verwej, Stephan Kemperdick, Inigo Bocken, Valentine Hendriks, Didier Martens, Till-Holger-Borchert, Peter Carpreau, Gust Van den Berghe, Jordan Marie Booker bringen die Kunst des Diric Bouts den modernen Betrachtern:innen nahe und deuten Bouts als den „Horizontenerweiterer“, als der er im Vorspann genannt wird.


Titel: Dieric Bouts - Bildermacher
Herausgeber: Carpreau, Peter
Autor:innen: Marc Derez, Michiel Verwej, Stephan Kemperdick, Inigo Bocken, Valentine Hendriks, Didier Martens, Till-Holger-Borchert, Peter Carpreau, Gust Van den Berghe, Jordan Marie Booker
Verlag: Belser
Seitenzahl: 239. 150 farbige Abbildungen.
Sprache: Deutsch
ISBN-978-3-7630-2915-0

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