Buchrezensionen

Unter vier Augen. Sprachen des Porträts, hrsg. v. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kerber 2013

Ausgesuchte deutsche Schriftsteller, Intellektuelle und Kulturwissenschaftler wurden gebeten, sich Porträts aus der Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruh herauszusuchen und darüber zu schreiben. Herausgekommen ist ein Band voller Geschichten, Beobachtungen, Mutmaßungen, Charakterskizzen oder lyrische Inventionen. Walter Kayser hat ihn mit großer Begeisterung gelesen.

Was geht in einem Museumsbesucher vor, der in einer Mußestunde vor einen Menschen hintritt, der vielleicht vor Jahrhunderten gelebt hat und nun für ihn, wie ein fernes Spiegelbild, aus der Vergangenheit auftaucht und immer mehr an Präsenz gewinnt? Unweigerlich setzt ein stummer Dialog ein, der sich über einem Grundton erhebt, welcher vielleicht so umschrieben werden könnte: »Wer bist du? Und wer bin ich, im Angesicht deines Angesichts?«

Keine andere Kunstgattung dürfte deshalb wohl unmittelbarer zu einer solchen stummen Zwiesprache Anstoß geben. Denn Porträts symbolisieren unter allen Gattungen der Malerei am deutlichsten das, was Gemälde eigentlich immer versprechen: eine persistierende Wirklichkeit einer Welt außerhalb des Raumes und der Zeit, in der sich der Betrachter in jeder Hinsicht unvollkommen findet.
Ein solcher Dialog wird, ohne dass wir es uns meistens klar machen, recht paradox mit der Formulierung »Vier-Augen-Gespräch« oder »Gespräch unter vier Augen« umschrieben, als gebrauchten wir zum Sprechen nicht in allererster Linie den Mund.

Der Reiz dieses Buches liegt darin, dass es die inneren Stimmen der Museumsbesucher hörbar macht. (In der derzeit in Karlsruhe laufenden Ausstellung kann man ihnen, beschirmt mit einem Audioguide, tatsächlich zuhören). Ein weiterer, dass die Auswahl der zu Wort kommenden Verfasser intelligent getroffen wurde und sehr breit ist. Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit illustrem Ruf wie Herta Müller oder Martin Walser, Philosophen, Intellektuelle, Kunst- und Kulturwissenschaftlerinnen begegnen in ihren 50 Texten gemalten Menschen aus über 500 Jahren.

Die Spiel- und Stilregeln, nach denen sie das tun, waren vermutlich kaum im Vorfeld eingeschränkt worden, sodass eine erfreuliche Bandbreite an Textsorten entstand. Der Mut zahlt sich aus. Man könnte von einem essayistischen Grundcharakter sprechen, das heißt, dass der Anspruch auf methodische Exaktheit, wissenschaftliche Redlichkeit und terminologische Schärfe zugunsten von Subjektivität und Imaginationskraft zurücktritt. Natürlich ist es häufig so, dass in die Betrachtung des Bildes gründliche Recherchen einsickern und der Ton belehrend wird: Wer war der Dargestellte? Was kann man nicht sehen, gehört aber doch zu dem, was man wissen sollte, damit sich das Geschehene tiefer erschließt?

Sprach Thomas Mann vom Erzähler als dem »raunenden Beschwörer des Imperfekts«, so tritt hier die Tempusform des Präsens in den Vordergrund und mit ihr die Unmittelbarkeit der Begegnung, das Ereignishafte, was sich wie eine chinesische Papierblume entfaltet, die man ins Wasser wirft.

Der langjährige Direktor des Frankfurter Städels, zudem Vorsitzender des Badischen Kunstvereins und Gründungsdirektor des Museums Frieder Burda, Klaus Gallwitz, macht aus seiner Begegnung mit »Simone I« von Franz Gertsch eine originelle autobiografische Annäherung.Während der Kopf der Porträtierten uns seit 1982 in unverminderter Frische und fotorealistischer Distanzlosigkeit gegenübertritt, blickt der nunmehr gut 80-jährige Gallwitz mit dem gereiften Sinn für das Bilanzieren zurück. Die Wegstrecke, die er mit diesem Bild und dem genau gleichaltrigen Künstler gemeinsam zurückgelegt hat, wandert in die Betrachtung ein. Der Text wird zu einer Meditation und Erinnerungsarbeit in Zeitschleifen. Seine Abschweifungen und Ausführungen zur Technik, zu den Mumienbildnissen aus dem ägyptischen Fayum, zu den Augen des Mädchens, ihrem abwesenden Blick, ihrer merkwürdigen Dominanz führen nicht weg vom Bild, sondern rücken es immer näher. Hinter dem Bild scheint etwas auf, von dem wir in solchen Fällen wie von Menschen mit einer schwer fassbaren Aura sprechen: von der Präsenz, – als gäbe es eine Steigerungsform des Selbstverständlichen, der Anwesenheit im Hier und Jetzt.

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Beim Lesen dieser Texte dachte ich unwillkürlich an das Zeichen für Unendlichkeit, eine liegende Acht. Denn die Gattung des Porträts ist als Ankerpunkt und Materialisierung einer Beziehung zu verstehen, die sich zwischen Maler und Modell aufbaute und hin- und her sprang, wie elektrische Funken zwischen zwei Polen. Aber das ist nur die eine Seite. Die produktionsästhetische, in die unendlich viel eingewandert ist. Auf der diesseitigen, der rezeptionsästhetischen wird, um ein berühmtes Zitat Sartres über das Lesen abzuwandeln, das Betrachten des Bildes zum gelenkten Schaffen. Auch hier, zwischen dem abgebildeten Menschen und dem heutigen Betrachter, entstehen zirkuläre Prozesse von Befragung und Vergewisserung. Die sich allmählich verfestigen zu Eindrücken, zu Resonanzen. Die Texte zu den Karlsruher Bildern sind solche Resonanzen, geben Zeugnis von dem, was Malerei zum Klingen bringen kann. Sie sind im Besten lyrisch – nicht derart, dass sie in gebundener Sprache geschrieben wären, sondern im Sinne von verdichteten Bildern, von monologischer Introversion, – einem sich am Randbezirk der Sprache um Worte Bemühen.

Immer wieder gelingen den Autoren derart verdichtete Schlussfolgerungen, dass sich so etwas wie eine ästhetische Theorie abzeichnet. Etwa Martin Walser, welcher (wen wundert’s?) der Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder einen Monolog in den Mund schiebt, der eigentlich sein eigenes Bekenntnis (und, ganz nebenbei, eine Fortsetzung seiner bekannten Polemik gegen die Ignoranz gewisser Berufskritiker ist). Der Sinn für Schönheit und die Sucht nach Beschönigung der Wirklichkeit werden verteidigt, sie seien das Ergebnis eines Widerspruchs von Offenbarungsdrang und sensibler Verschwiegenheit. Oder Wilhelm Genazino, der ganz und gar subjektiv, ein Pressefoto seiner selbst neben das Porträt eines bärtigen Mannes aus dem frühen 16. Jahrhundert stellend, über die Kränkung im Missverhältnis zwischen Selbstbild und Außenwahrnehmung reflektiert und zu dem Schluss kommt: »Der Mensch erfährt im Abbild das Verhältnis zu sich selbst und darin Teile (nur Teile!) seiner Eigenart. Dieses Verhältnis zu sich selbst ist jedoch nicht abgebildet. Es muss von jedem Abgebildeten erfunden, das heißt fiktionalisiert werden. In dieser Tätigkeit ist das Misstrauen gegen die Kunst (und jede Art von Abbildung) begründet.«

Eine andere Dichterin, Brigitte Kronauer, geht an das Porträt einer unbekannten Frau, das ebenfalls ein niederländischer Meister des 16. Jahrhunderts angefertigt hat, so heran, als würde sie Schale und Schale eine Zwiebel häuten. Sie nennt ihr Gegenüber »Die Haubentaucherin« und entdeckt unter den verhärmten Zügen einer etwa gleichaltrigen Unbekannten, über das die »Fröste des Lebens« gezogen sind, Zug um Zug die weichen Seiten. Sie erwärmt sich für das auf den ersten Blick abweisende Äußere wie der legendäre Verführer Don Giovanni, der es auch verstand, »die tief verborgene Seele in den zwischen Stirn und Kinn herrschenden Verkrampfungen« aufzutauen und das wahre Wesen des Inneren zu lösen. Das Gesicht, diese »unterhaltendste Fläche auf der Erde«, wie Georg Lichtenberg es einmal in seinen »Sudelbüchern« nannte, gibt Anlass zu einem unglaublichen Spektrum an unterschiedlichen Weisen der Annäherung. Diese lassen sich nicht trennen in hie analytisch und historisch fundierte Objektivität auf der einen Seite und dort poetisch-projektive Fiktionalität auf der anderen Seite.

Das Wunderbare ist, dass dieses Buch die Einsicht vermittelt, dass beide Weisen zusammengehören, sich gar nicht trennen lassen, da sie gleichermaßen erhellend sind. Da gibt es Texte, die das Ergebnis einer offensichtlich akribischen Forschungsarbeit sind (etwa die Gemeinschaftsarbeit von Joachim Schädlich und seiner Tochter Anna oder auch die des Teams Christine Traber und Ingo Schulze, die ganze Familienarchive in Frankreich durchforstet haben). Aber wie blass und brav nehmen sich die klassischen Bildanalysen auch bedeutender Kunsthistoriker aus (Werner Busch, Hans Belting, Valeska von Rosen u.a.)!

Weitaus gewinnender findet der Rezensent die freien poetischen Entwürfe, – diese Briefe, Dialoge, Rollenmonologe. Neben dem im süffigen Tonfall bramabasierenden Philosophen Peter Sloterdijk nimmt sich das Collage-Gedicht Herta Müllers einfach viel origineller und gewagter aus. Es interpretiert nicht, sondern beantwortet den Zauber der Kunst durch Kunst.
Der Leser tut gut daran, sich den unvoreingenommenen Blick und die Freude an derart vielfältigen Herangehensweisen nicht verstellen zu lassen durch die äußerst lesenswerten Texte der Kuratoren, die einleitenden Bemerkungen zur Gattung und das Nachwort von Kirsten Voigt.

Kurzum: Dieses Buch und die derzeit in Karlsruhe laufende Ausstellung sind nicht das Resultat eines geschickten Einfalls, um den erstaunlich qualitätvollen Bestand an Porträts der Karlsruher Kunsthalle ins Bewusstsein zu rufen und aufzuwerten. Es ist weitaus mehr. Ganz persönlich würde ich sagen: Ich habe in den letzten Jahren kaum ein Buch in den Händen gehabt, das mir mehr Freude gemacht hätte.