Ausstellungsbesprechungen

Von Camille Graeser und Timm Ulrichs zu Farbe und ›black box‹. 5 Jahre Museum Ritter

Im Oktober feiert das Museum Ritter in Waldenbuch sein fünfjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass soll ein Blick auf das »alte« Ausstellungspaar Camille Graeser und Timm Ulrichs sowie auf die kommende Schau zum Thema Farbe und Regine Schumann geworfen werden. Günter Baumann hat sich für Sie alles angesehen.

Am 9. Oktober wird das Museum Ritter in Waldenbuch sein fünfjähriges Bestehen feiern, unmittelbar vor der nächsten Ausstellungseröffnung zu einer Schau, die zum einen den eigenen Bestand unter das Thema Farbe stellt und sich zum anderen mit der Lichtkünstlerin Regine Schumann in die Black Box begibt. Vorerst aber geht das »alte« Ausstellungspaar zu Ende: erstens die Werkschau zum 70. Geburtstag des unerschöpflich findigen, vor Phantasie strotzenden, gewitzt-genialen und nach eigenem Empfinden dadaistisch-konstruktivistischen Totalkünstlers Timm Ulrichs; zum anderen der Werkstattblick auf das Werk des grandios experimentellen, seiner Zeit vorauseilenden und doch nüchtern-konzentrierten Camille Graeser. So unterschiedlich beide Künstler und ihre Arbeiten auch sind, beide dürften im Kanon ihrer Leitsterne Piet Mondrian verbucht haben, und beide neigen zu einer ordnenden Gestaltungskraft, die sich bewusst ist, dass erst in der kleinen Abweichung von der Ordnung die wahre Kraft und die nach menschlichem Maß genommene Perfektion in der Kunst liegt. Nicht von ungefähr setzte Ulrichs zwei Wortreihen ins Quadrat, deren erste das Wort »ordnung« sauber untereinander an-ordnet, deren zweite aber – o wie zauberhaft!! – das »un« der hinteren Silbe nach vorne zieht, um nicht nur die Reihe mit einer quasi unordentlichen Leerstelle versieht, sondern das neue, aus der Reihe tanzende Wort auch zum Inhalt des Werks macht; darüber hinaus spielt der Künstler mit der Reaktion des Betrachters, der seiner Seh- und Lesegewohnheit zufolge höchstwahrscheinlich, wenn nicht gar automatisch das Wort »unordn-g« passend ergänzt und somit eine inwendige Ordnung unterstellt, ohne die das Gehirn seine Arbeit nicht perfekt machen könnte.

Dass das Museum Ritter dem Konstruktivisten Ulrichs die größte Bedeutung einräumt, entspricht der Linie des Hauses. Und Camille Graeser folgt noch trefflicher den formalen Kategorien, wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass diese Ausstellung eine Übernahme aus dem Züricher »Haus Konstruktiv« ist, wo die Schau mit Entwurfszeichnungen bereits 2009 gezeigt wurde. Inspiriert von wissenschaftlicher Exaktheit näherte sich Graeser seinem gültigen Werk durch zahlreiche kompositionelle und farbtheoretische Variationen an, die einiges über die Bildfindung des Schweizers erkennen lassen. Nun ist das Museum Ritter vor fünf Jahren angetreten als Institution, die die Marke ihres Schokoladenimperiums auch museal über die Kunst vermitteln wollte: quadratisch, praktisch, gut. Dass sich das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem spannenden Reigen zur Gegenwartskunst entwickelt hat, ohne dass sich das Haus hätte untreu werden müssen, ist erfreulich und ein Segen für die Region. Das Quadrat hat es den Ausstellungsmacher(inne)n immer noch angetan, aber – Timm Ulrichs lässt grüßen – manche Abweichung haben zunehmend die Ausstellungen lebendiger werden lassen; konzeptionell sind die Präsentationen freilich mindestens so theoretisch fundiert wie praktisch ansehnlich; und »gut« ist ein Kriterium, das das Museum Ritter immer wieder hinter sich lässt: Die Ausstellungen sind besser als das, sie verbinden Familienausflug mit Kunstgenuss, durchdachte Konzepte und schön gestaltete Kataloge – im besten Sinne ist die Arbeit im Hause »solide«, will sagen, unaffektiert und ganz auf die Sache konzentriert. Daran dürfte auch die Zukunft wenig ändern, längst ist das Museum im Profigeschäft angekommen, das zuweilen erkennen lässt, dass ein privates (und vielfach prämiertes Vorzeige-)Unternehmen dahintersteckt, was die sympathische Ausstrahlung glaubhaft macht. Gespannt darf man sein, wenn sich das Museum nun gezielt der Farbe widmet: Arbeiten von Rupprecht Geiger, Gotthard Graubner, Imi Knoebel, François Morellet und Beat Zoderer werden u.a. mit von der Partie sein. Daneben taucht Regine Schumann, geboren 1961 in Goslar, ihre Leuchtobjekte ins tiefe Schwarzlicht. Bei aller geometrischen Präzision ihrer Licht- und Bildkästen lockt die Künstlerin den Betrachter durch ungewohnte Verknüpfungen ins raumgreifende Werk, das sich nicht mit der zweiten Dimension begnügt. Es ist vielschichtig, wie es einem bestens gereiften Museum angemessen ist.

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