Buchrezensionen

Werner Busch, Petra Maisak (Hg.): Füsslis Nachtmahr. Traum und Wahnsinn, Michael Imhof Verlag 2017

Wer kennt nicht den „Nachtmahr“ Johann Heinrich Füsslis? Und wer weiß wirklich über seine Entstehung und Bedeutung Bescheid? Stefan Diebitz hat ein anregendes Buch über einen wichtigen Künstler und sein berühmtestes Bild gelesen.

„Traum und Wahnsinn“ ist nicht allein der Untertitel dieses hochwertigen Katalogbandes, sondern zugleich das Thema des Buches. Ebenso treffend wäre aber auch „Kunst und Literatur“ gewesen, denn Füssli war ein sprachgewandter und hochgebildeter Maler mit engen, teils freundschaftlichen Beziehungen zu verschiedenen Dichtern seiner Epoche. So finden sich vor allem viele Berührungspunkte mit der englischen Literatur der Aufklärung und der (Schauer-)Romantik. Aber auch ohne die Kenntnis von Shakespeare oder der klassischen Literatur der Antike wird man viele seiner Bilder kaum verstehen können.

Ursprünglich war Johann Heinrich Füssli (1741- 1825), ein geborener Schweizer, trotz seiner schon früh auftretenden künstlerischen Begabung und trotz eines künstlerisch tätigen Vaters für die geistliche Laufbahn vorgesehen, studierte also Theologie und wurde auch 1761 als erst Zwanzigjähriger ordiniert; aber gleich seine Antrittspredigt provozierte, und nach einem weiteren Skandal war seine Karriere bereits wieder beendet. Also alles auf Null? Kaum.

Wie Petra Maisak betont, ist „seine künstlerische Entwicklung […] ohne dieses Fundament undenkbar“, denn es war seine literarische Bildung, von der er sich sein ganzes Leben lang thematisch und motivisch anregen ließ. Wie kaum ein Maler sonst war er ein gelehrter Künstler, polyglott und weit gereist, ein enorm breit gebildeter und sehr vielseitig interessierter Mann. Von Nachteil war der Umweg über die Theologie allerdings insofern, als Füssli deshalb weder eine Akademie besuchte noch eine seriöse Ausbildung als Maler durchlief. Gewisse technische Schwächen seiner Kunst wären unter anderen Umständen wohl gar nicht erst aufgetreten.

Das Buch richtet sich nicht allein an Kunsthistoriker, sondern ebenso an Leser, denn es beschäftigt sich intensiv mit der angelsächsischen, deutschen und auch französischen Literatur. So finden sich Essays von Literarhistorikern wie zum Beispiel Norbert Miller, der den bedeutenden französischen Romantiker Charles Nodier vorstellt, oder Roland Borgards, der sich mit psychologischen und literarischen Werken zum Thema „Traum“ beschäftigt. Bogards schreibt nicht allein über die Dichtung der deutschen Romantik – vor allem über Ludwig Tiecks Erzählungen –, sondern auch über so einflussreiche Bücher wie die Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft (1808) des Arztes und Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert, in denen es ganz wesentlich um das Hellsehen, um Träume und andere Themen geht, die für das Verständnis von Füsslis Gemälden wichtig sind und die sonst besonders in der Literatur der Romantik, zum Beispiel bei E.T.A. Hoffmann, eine große Rolle spielen.

Poetische und wissenschaftliche Literatur ist aber nur das eine Thema dieses Bandes; ein anderes die Nähe der Bilder zum Theatralischen. Denn vieles im Werk Füsslis wird präsentiert wie auf einer Bühne, wie Bildanalysen verdeutlichen können. Unter anderem zeigt es sich daran, dass das Bett – und nicht allein im „Nachtmahr“ – parallel zum Bildrand steht: eben wie auf einer Bühne.

Man könnte (oder vielmehr neigt man wirklich dazu) Füssli als einen Maler der Romantik ansehen, aber es sind nicht allein seine Lebensdaten, die ihn in das 18. Jahrhundert und damit in die Zeit der Aufklärung verweisen. In seinem einführenden Essay über das berühmteste aller Gemälde Füsslis, den ganz selbstverständlich auch den Einband schmückenden „Nachtmahr“, verweist Werner Busch immer wieder darauf. Füsslis Bild, schreibt er, „ist um einiges weniger gothic als ein Großteil der Forschung meint“. Aber so übersteigert die Darstellung des Alps in dem Gemälde auch sei, so Busch, „ihre Rechtfertigung erfährt sie über die naturwissenschaftlich adäquate Analyse des geschilderten Phänomens. Insofern ist Füsslis Bild aufklärerischer als es zuerst den Anschein zu erwecken scheint.“ Manches Detail in seinen Gemälden lässt sich als Allegorisierung oder Verbildlichung medizinischer Einsichten der Zeit deuten.

Nicht allein der mit Abstand längste, sondern auch der wichtigste Beitrag ist der Eingangsessay von Werner Busch, der die Verflechtungen des „Nachtmahr“ mit der Literatur wie mit Kunst und Wissenschaft nachzeichnet. Busch kommt eingangs auf eine Kleist-Verfilmung zu sprechen, in der die Hauptdarstellerin eine Position einnimmt wie die Träumende in dem Gemälde, und zeigt dann, wie der auf der Brust der Schläferin hockende Gnom verstanden werden will (oder doch zumindest jederzeit verstanden werden kann): nämlich als Hinweis auf den Inkubus, „der verruchten Geschlechtsverkehr mit den von ihm heimgesuchten Frauen und Mädchen hat“. Und so behandelt dieser Essay des eminent belesenen Autors die Kunst- wie die Sittengeschichte, denn es spielt bereits der Hexenhammer von 1486 eine wesentliche Rolle – nicht allein für Füssli, sondern bald darauf für Baldung Grien, in der Romantik für Kleist und überhaupt für viele der Autoren und Künstler, deren Kenntnis man Füssli unterstellen darf. Diese sind so zahlreich, dass es überhaupt keinen Sinn zu machen scheint, einzelne Einflüsse herauszuheben. Aus ihrer enormen Fülle griff sich der Künstler das, was ihm wichtig war, und gestaltete es in seiner sehr eigenen Weise.

Die Beziehung zwischen Literatur und Bild im Werk Füsslis kennt aber zwei Richtungen; es war nicht allein so, dass Füssli sich von der europäischen Literatur seit Homer inspirieren ließ, sondern er regte auch seinerseits an, nämlich zunächst – aber gewiss nicht allein – Erasmus Darwin, der in etlichen Zeilen seines Lehrgedichtes „The Botanic Garden“ auf den „Nachtmahr“ einging. Darwin und Füssli waren miteinander bekannt oder sogar befreundet, und es gilt als möglich, dass in der ersten Ausgabe des „Botanic Garden“ der sehr erfolgreiche „Nachtmahr“-Stich eingelegt war.

In noch einer anderen Hinsicht gibt der Essay von Werner Busch die Thematik vor: Er fragt nämlich, ob Füsslis Bild Züge der Karikatur aufweist, und die Beziehung zwischen dem berühmten Gemälde und seiner „Pathosformel“ und der Geschichte der Karikatur wird in einer ähnlich gegenläufigen Weise behandelt wie die Beziehung zwischen Bild und Literatur. In einem zweiten Beitrag konzentriert sich der Autor unter dem Titel „Zur Dialektik der Karikatur“ auf deren Geschichte nicht allein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zunächst zeigt er in seinem hier vor allem sozial- und kulturgeschichtlich argumentierenden Essay, wie die neuzeitliche Karikatur aus der Vereinigung zweier Bildtypen entstand, dem individuellen Porträt und einer szenisch angelegten Satire. Dann dehnt er in der zweiten Hälfte seines Beitrages die Wirkungsgeschichte des „Nachtmahr“ auf die tagespolitische Karikatur aus, denn der gebogene Leib der vom Alp gequälten Frau prägte sich dem Gedächtnis wohl jedes Betrachters ebenso ein wie das aus blinden Augen starrende Pferdehaupt. So konnten Karikaturisten daraus ihren Honig saugen und Füssli zitieren oder seine Motive abwandeln.

Besonders wichtig ist Busch ein Blatt von 1816 aus der Feder von George Cruishank, das unserer Unbekanntheit mit den Protagonisten wegen einer ausführlichen Erläuterung bedarf. Karikiert wird in der kolorierten Radierung eine Kampagne des Londoner Bürgermeisters gegen die Prostitution. Busch, dem es um die künstlerische Dimension des Blattes geht, hebt hervor, dass es Cruishank gelungen ist, „alles und jedes aus Füsslis Bilderfindung“ zu transferieren, sodass er „am tagespolitischen Beispiel generell über die Kunst und ihre Sprachmöglichkeiten“ reflektiere.

Der Katalog präsentiert eine Fülle von interessanten Illustrationen – besonders Zeichnungen und Studien Füsslis, zum Beispiel solche, die die von Maisak in einem längeren Beitrag erzählte „Genese des Nachtmahrs“ dokumentieren. Dazu enthält er wesentliche Beiträge zur Vor- wie zur Wirkungsgeschichte des Gemäldes sowie zur kulturgeschichtlichen Einordnung der Thematik. So können nicht allein Kunst-, sondern auch Literar- und Kulturhistoriker von der Lektüre des Bandes profitieren, den man nur wärmstens empfehlen kann.

Titelangaben

Werner Busch, Petra Maisak (Hg.)
Füsslis Nachtmahr. Traum und Wahnsinn
Michael Imhof Verlag, ISBN: 978-3-7319-0445-8, Ladenpreis: 39,95 €