Meldungen zum Kunstgeschehen

Wertvoller Bombenschutt

Im Januar 2010 fand man auf einer Berliner U-Bahnbaustelle einige Skulpturen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einst von den Nazis als Entartete Kunst beschlagnahmte Werke. Wie sie dorthin kamen, ist nun durch einen Zufall bekannt geworden. Christian Müller weiht Sie ein.

Im Schutt des im Krieg zerstörten Gebäudes an der Königsstraße 50 wurden mittlerweile insgesamt sechzehn Skulpturen geborgen. Seit November 2010 werden sie im Neuen Museum Berlin ausgestellt, nachdem acht Werke identifiziert worden waren. Es handelt sich um verloren geglaubte Arbeiten, die von den Nationalsozialisten als Entartet angesehen und den Museen entzogen worden waren.

Lange war unklar, wie die gefundenen Kunstwerke in das Gebäude gekommen waren. Erste Vermutungen wiesen in Richtung des Wirtschaftstreuhänders Erhard Oewerdieck, der in dem Gebäude sein Büro hatte. Von ihm ist bekannt, dass er Verfolgte unterstützte, und möglicherweise habe er auch die Skulpturen vor der Vernichtung bewahren wollen.
Dann jedoch kam, wie Landesarchäologe Matthias Wemhoff in Deutschlandradio Kultur mitteilt, aus der Berliner Bevölkerung ein Hinweis auf eine Anordnung des Reichspropagandaministeriums von 1942: Die Exponate aus der Ausstellung »Entartete Kunst« sollten in den Lagerraum des Ministeriums in der Königsstraße 50 verbracht werden. Der Informant sei zufälligerweise bei Filmrecherchen zu den diffamierten Kunstwerken auf die Adresse gestoßen.

In dem Gebäude befand sich eines der Depots des Ministeriums, von denen aus die ungeliebten Kunstwerke gegen Devisen verkauft oder vernichtet wurden. Höchstwahrscheinlich lagerten damals noch mehr Werke im Gebäude, wie Meike Hoffmann, die Leiterin des Forschungsprojekts zur Entarteten Kunst an der FU Berlin der Berliner Zeitung mitteilte: Sie geht von 200 bis 300 Gemälden, Grafiken und Skulpturen aus, die in dem Depot ankamen.

Der Großteil dieser Kunstwerke dürfte einem Bombenangriff 1944 zum Opfer gefallen sein. Das Haus an der Königsstraße 50 wurde damals getroffen und brannte vollständig aus. Nur wenige im Keller lagernde Arbeiten aus feuerfesten Materialien überlebten die Feuersbrunst. Natürlich blieben der Brand und der jahrzehntelange Aufenthalt im Schutt nicht ohne Folgen: Die Skulpturen sind angeschlagen, ein bronzener Reiter von Fritz Wrampe ist durch die Hitze verformt.

Unter den Arbeiten aus Bronze, Stein und Keramik befinden sich Werke von Otto Baum, Karl Ehlers, Otto Freundlich, Richard Haizmann, Karl Knappe, Will Lammert, Marg Moll, Karel Niestrath, Emy Roeder, Edwin Scharff, Naum Slutzky, Milly Steger, Gustav Heinrich Wolff und Fritz Wrampe.

Die Ausstellung der Skulpturen im Neuen Museum Berlin läuft noch bis zum 18. März. Danach werden sie vom 22. April bis 1. Juli in Hamburg und von 24. Oktober bis 13. Januar in München gezeigt.

Diese Seite teilen