Rezensionen

Wolfgang Brückner: Die Hand für das Bildgedächtnis. Digitale Kulturtechniken der Verständigung. Schnell&Steiner 2019

Computer und Digitalisierung bestimmen die gegenwärtigen Kommunikationsmedien. Beide Begriffe stammen aus der «Sprache der Hände» und haben früh schon wichtige Lebensbereiche der kulturellen Existenz des Menschen mitbestimmt. Ein reich bebilderter Überblick veranschaulicht nun, wie die Hand durch alle Zeiten zur Verständigung eingesetzt wird. Walter Kayser hat sich die Publikation für PortalKunstgeschichte genauer angesehen und zeigt sich von der Vielzahl an Anregungen und Bedeutungszusammenhängen beeindruckt.

Cover © Schnell&Steiner
Cover © Schnell&Steiner

 «Stuhlbein», «Flussarm», «Schraubenkopf», «Bergrücken» – die Zahl der Metaphern ist Legion, mit deren Hilfe wir uns sprachlich die Welt erschlossen haben. Das Grundprinzip ist dabei offenkundig: Das Naheliegende und Vertraute wird als Bildspender genommen und in Analogie in ein fremdes, semantisch noch unerkanntes Feld übertragen, um so sprachlich Neuland zu besetzen. Kein Wunder also, dass eines der zentralsten Symbole die menschliche Hand ist. Nicht nur die allerersten Abzählreime in der Krabbelgruppe zeugen davon, sondern auch eine Fülle von Sprichwörtern und Redensarten. Vor den Begriff «Begriff» haben die Götter ganz wörtlich das «Be–greifen» gesetzt. Hand und Hirn korrespondieren miteinander, und die Fingerübungen von Geigern und Pianisten gelten auch den heutigen Neurologen als beste Vorbeugung gegen Alzheimer. Die Hand ist einfach, wie schon Aristoteles meinte, für den homo habilis das «Werkzeug der Werkzeuge». Unendlich ist deshalb auch die Zahl der Ausdrücke und Zeichen, die sich aus diesem Bild entwickelten und deren metaphorische Kraft so sehr verblasste, dass es uns kaum nich auffällt: Wir sprechen etwa davon, dass Wolfgang Brückners soeben erschienene wissenschaftliche Untersuchung überzeugen kann, weil sie «Hand und Fuß» habe.

Dass das Mobiltelefon wegen seiner wunderbaren «Handhabbarkeit» bei uns Deutschen (einem falsch verstandenem Englisch folgend) zu einem «Handy» geworden ist, dass ein Sachverhalt «an einer Hand» (respektive «an den 5 Fingern» derselben) abzuzählen ist, sind weitere Beispiele für die zentrale Stellung, welche dem Bild der Hand in der kulturgeschichtlichen Tradition zukommt.
Wenn also Brückner dieses Symbol in einem unglaublich breit gefächerten Tableau von Anwendungsbereichen nachgeht, dann leistet er dabei einen Beitrag, der nicht mehr und nicht weniger als einen Medienwechsel vom Körpergedächtnis zum System der Manuskriptkultur beschreibt. Apropos «Manuskript»: auch die neuen Leitbegriffe, mit denen man das allseits beschworene Ende der Gutenberg–Galaxis mit ihrer Tradition der Skriptorien und des Buchdrucks anzugeben pflegt, deuten noch versteckt auf die Hand und das Buch zurück. Denn sowohl das Wort «digital» wie auch das Wort «Computer» haben hier ihren Ursprung. Ersteres rührt vom lateinischen Wort für Finger («digitus») her und wird erst danach zur gestisch bezeichneten «Ziffer». Und als «Computisten» bezeichnete man vor Jahrhunderten die Gruppe von mittelalterlichen Astronomen und Mathematikern, deren vorrangige Aufgabe darin bestand, den genauen Termin des Osterfests mithilfe von Logarithmentafeln zu berechnen. Auch bei diesem bis zur Gregorianischen Kalenderreform des Jahres 1582 äußerst komplizierten Verfahren, das man eben in Kurzform «computus» nannte, waren so genannte «Merkhände» von entscheidender Bedeutung.

Wolfgang Brückner ist ein verdienstvoller Professor emeritus der Volkskunde an der ehrwürdigen Julius–Maximilian–Universität in Würzburg. Allerdings hat er dieses Fach immer so betrieben, dass er weit über die engen Grenzen einer Fakultät hinausging. Insbesondere die Kunstgeschichte hat ihm deshalb viel zu verdanken, schon mit seiner berühmten Habilitationsschrift aus dem Jahre 1966 «Bildnis und Brauch. Studien zur Bildfunktion der Effigies». Kulturgeschichte in einem umfassenden Sinn, das heißt Bildtraditionen, Kulturtechniken, Rechtsgeschichte, Frömmigkeitsbewegungen und ihre ikonografischen Ausdrucksformen verband er zu einem übergreifenden wissenschaftlichen Forschungsansatz. Auch die vorliegende Neuerscheinung mit dem etwas sperrigen Titel schreibt ältere Veröffentlichungen zum Bilddenken fort. Deshalb wohl ist im Laufe von Dekaden die Zahl der angesprochenen Zeugnisse schier unüberschaubar, nicht selten aus der fränkischen Heimat des Autors zusammengesammelt. Entsprechend großzügig ist aber auch das Buch vom Regensburger Schnell&Steiner–Verlag ediert. Die grafische Gestaltung mit beispielsweise modernen Vorsatzdoppelseiten verbindet das zentrale Motiv der Hand geschickt durch weit gespannte zeitliche Linien, die von völlig in Vergessenheit geratenen alten Druckgraphiken bis hin zum Cursormotiv der PC–Mouse führen.

Jeglicher Bildung ist das Wort «Bild» eingeschrieben. Unter den optischen oder haptischen Motoren unserer Geisteskräfte ist die Hand das naheliegendste. Dass Hände zudem bekanntlich «sprechen» und «beredt» sein können lässt sich auch aus dem lateinischen Wort «dicere» erschließen, welches sowohl «sprechen» als auch «darstellen» bedeuten konnte.
Wolfgang Brückner verfolgt die Zeichen– und Bedeutungsvielfalt der Hand in einem weitgespannten Bogen durch die Kulturgeschichte. Der Weg bis in die Gegenwart ist vor allem auch ein Profanisierungsweg. Für einen Kunstgeschichtler ist vieles davon eine geläufige Bildsprache, auf welche er/sie aber doch immer wieder bewusst hingewiesen werden muss, damit ihm dann zahlreiche Belege als Ergänzungen in den Sinn kommen. Die berühmte Hand der Kolossalstatue von Kaiser Konstantin zum Beispiel, deren (jüngst ergänzte) Fragmente im Hof der Kapitolinischen Museen in Rom zu sehen sind, geht zurück auf die Hand des thrakisch–phrygischen Gottes Sabazios. Denn eine Hand galt als Ausweis von Macht, insbesondere des verborgenen Gottes, der nicht abgebildet werden durfte. Erst später wurde sie als «Geste der sichernden, weisenden und segnenden Kraft des [vergöttlichten] Herrschers» gebräuchlich und im Typus des Christos pantokrator oder Christos didaskalos, des Allbeherrschers und Lehrers, variiert. Die Hand als Machtzeichen ist noch gegenwärtig in der Redensart «sich in jemandes Hand befinden» oder auch im Psalm 31,6, den der Gekreuzigte zum Himmel schickt («Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist»). Die manus oder auch dextera dei (oder patris) ist das wichtigste Bild für Gottvater vom 4. bis 13. Jahrhundert.
Man denke etwa an die vielen Hände, die bei Dedikations– und Krönungshandschriften aus den Wolken kommen, einem Märtyrer die Siegespalme reichen oder ihn zu sich in die himmlische Sphäre hinaufziehen (ein berühmtes Beispiel wäre hier etwa das auf dem Höhepunkt der dynastischen Krise um 1188 entstandene Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England).

Unübersehbar sind die Hinweise und Beispiele, die der Verfasser anspricht: Hand– und Armreliquiare, die betenden Hände und die verschiedenen Bedeutungen, die man in unterschiedlichen Konfessionen mit dem Sich–Bekreuzigen verbindet, die Levi–Hände auf jüdischen Grabsteinen, die Schwurhand in der Rechtsgeschichte, Adam Smith‘s berühmte Abstraktion der «unsichtbaren Hand» im Wirtschaftsgeschehen, der Handkuss und die Kusshand, die Damenhandschuhe, die man auf obskurem Weg mit der Jungfrau Maria in Verbindung brachte. Ein Grundgedanke wird dabei immer wieder ins Bewusstsein gerückt: Wie sehr gerade die Volksfrömmigkeit dazu neigt, verordnete Glaubensinhalte in die Breite zu diffundieren, indem sie sich Zwischenmedien erschuf, anhand derer abstrakte Theologie und Komplexität reduziert werden konnte. In einer Neigung zu einem uferlosen Analogisieren und Korrespondieren blieb im Naheliegendsten, eben der sprichwörtlichen «Hand vor den eigenen Augen», die man im Dunkel nicht mehr sehen kann, so ein Spiegel des Heils anschaulich gegenwärtig.

Vieles wird nur gestreift, die Fatme/Fatima–Hand mit dem blauen Auge als apotropäischem Amulett etwa. Aber ein Blick in außereuropäische Kulturen, so lohnend er gewesen wäre (man denke nur an die mehr als hundert Mudra–Gesten, mit denen der Buddha abgebildet wurde), hätte noch mehr ins Uferlose geführt. Einen verhältnismäßig breiten Raum nehmen die Kapitel ein, die Brückner den Merkhänden widmet. Gemeint sind die mnemotechnischen Handdarstellungen, die als Rechenhilfe, Beichtspiegel, monastische Devotionstechnik zu Betrachtungsübungen, zur musikalischen Tonschrittangabe, zu katechistischen Unterweisungen, Meditationsanleitungen oder rhetorischen Argumentationsauflistungen dienten. Hier, bei der populären Gebrauchsgrafik der Frühen Neuzeit, ist Brückner sozusagen in seinem Element. Auch dabei ist das Prinzip immer wieder das gleiche: Die geöffnete (zumeist linke) Hand kann am Überschaubaren ein System von Bezügen, Stimmigkeiten und Korrespondenzen entfalten, so dass ein Netz von Gedankenfäden gewoben wird, wobei die einzelnen Finger in ihrem Repräsentationscharakter unterschieden und noch in ihren Gliedern und unterschiedlichen Abschnitten ausdifferenzierend einbezogen werden.

Nach so viel theologisch überfrachtetem Bedeutungssinn schließt das Buch mit einem kurzen Ausblick auf politische Handbedeutungen: die stolz gereckte marxistische Faust und das faschistische Ritual des straff emporgestreckten Arms, das eigentlich alles andere als ein «deutscher Gruß» war, ließ er sich doch über die italienischen Schwarzhemden auf in die römische Antike zurückführen. Betrachtet man, wie sehr moderne Werbung und Signographie der Gegenwart Handabbildungen auf ihren bloßen Signal– und Zeigecharakter reduziert haben, so erscheint die Symbolgeschichte der Hand auch als ein Prozess der Verkümmerung von Sinnbezügen.