Buchrezensionen

Wolfgang Herles: Susanna im Bade, S. Fischer Verlag 2014

In seinem jüngst im S. Fischer Verlag erschienenen Roman »Susanna im Bade« durchleuchtet Wolfgang Herles auf spannende und äußerst unterhaltsame Weise den Kunstbetrieb. Als Lesevergnügen für den kommenden Sommer beginnt die Geschichte mit einem erotischen Funken, der dann in eine kriminalistische Flamme übergeht und schließlich ganz Feuer fängt. Verena Paul hat sich gut unterhalten gefühlt.

Bereits bei der Betrachtung des Covers werde ich in zweifacher Hinsicht aufmerksam: Zum einen prägt sich eine anmutig ausschreitende, nackte Frauengestalt mit flammend roten Haaren – ein Bildausschnitt des Gemäldes »Red Nude« von Alex Katz – in meine Netzhaut, zum anderen weckt der Werktitel, der auf die biblische Erzählung des Propheten Daniel verweist, mein Interesse. Insofern wird bereits vor Beginn der Lektüre deutlich, dass dieser Roman vielschichtig und anspielungsreich ist und auf unterschiedlichsten Ebenen gelesen werden kann.

Der Plot: Der Kunstsammler Dr. Johannes (›Hans‹) Achberg ist der Schönheit – ja, man könnte sagen: mit Leib und Seele – verfallen. Denn seine Leidenschaft richtet sich nicht nur auf Frauenbildnisse, sondern ebenso auf betörend schöne lebendige Exemplare. Als wunderbare Verkörperung weiblicher Schönheit erscheint ihm die Kunstagentin Susan Palmer, die er auf der Biennale in Venedig kennenlernt. Schwärmend bekennt Achberg: »Die Kunst ahmt die Schönheit des Lebens nur nach, interpretiert sie, idealisiert sie. Wahre Schönheit ist nie absolut. Außer bei Susan vielleicht.«

Doch unser Protagonist hat handfeste Probleme: Erstens zeigt sich die Angebetete distanziert, zweitens ist Achbergs Vermögen im Zuge der Finanzkrise geschrumpft und gibt dem passionierten Sammler nicht mehr die gewünschte Freiheit und drittens behauptet eine Erpresserin von seinem unversteuerten Geld in Lichtenstein zu wissen. Nicht zuletzt bereitet Achberg der Tod eines Freundes, ebenfalls Kunstsammler mit Verbindung zu Susan und einem Schwarzgeldkonto in der Schweiz, sowie das Verschwinden eines weiteren Freundes aus dem Kreis der sogenannten ›Venedig-Connection‹ Sorgen. Dabei findet er in Klara eine Stütze, die aber erkennen muss: »Ich bin dir nicht schön genug, Hans, darin besteht deine Tragödie.«

Hans Achberg ist ein Getriebener. Ruhelos strebt er nach Schönheit und sucht sich doch gleichzeitig panisch der Strafe für seine Steuerflucht zu entziehen. Insofern erstaunt es nicht, wenn er erklärt, dass es in der Kunst »nicht um Moral« gehe, Klara ihm aber in Bezug auf die verschiedenen künstlerischen Darstellungen der biblischen Susanna entgegenhält: »Habt ihr das gehört! In der Kunst geht es nicht um Moral! Dann ist es keine Kunst. Oder Kunst, die nichts wert ist.« Allerdings steht die Freundin Hans bei, auch als er am Ende »die Justiz am Hals hat«. Denn Klara weiß, dass sie den Süchtigen »in seinem schwächsten Moment« nicht hätte sich selbst überlassen dürfen.

Wolfgang Herles versteht spannend zu erzählen, auch wenn manche Partien (primär der Lobgesang Achbergs auf Susan) allzu pathetisch verwässert erscheinen. Insgesamt aber überzeugt der Autor durch originellen Anspielungsreichtum, pointierte Bildbeschreibungen und fulminante Interpretationsspielräume, die die Handlung wunderbar tragen. Dass gleichzeitig die Freiheit des Lesers gewahrt bleibt (ob er nun in tiefere Sphären der Kunst eindringen oder eine unorthodoxe und spannende Geschichte lesen möchte), macht die Qualität dieses Romans aus.

Resümee: Mit »Susanna im Bade« gelingt Wolfgang Herles eine erotisch knisternde, kriminalistisch zündelnde und ästhetisch Feuer fangende Geschichte, die zum genussvollen Lesen ebenso einlädt wie zum kunst- und kulturhistorischen Fährtenlesen. Ein rosenwangig kaltherziges, subtil gewaltiges Lesevergnügen, das ich Ihnen für laue Sommerabende gerne empfehlen möchte!