Buchrezensionen

Yvette Mutumba: Die (Re-) Präsentation zeitgenössischer afrikanischer Kunst in Deutschland, 2009. Stuttgart: ifa 2008

Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) hat eine aufschlussreiche Studie herausgegeben. Diese Studie, geschrieben von der Autorin Yvette Mutumba, vermittelt einen sehr gut strukturierten Überblick über Ausstellungsprojekte mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst, die seit den 70er Jahren in Deutschland kuratiert wurden.

cover©ifa
cover©ifa

Yvette Mutumba benennt Initiatoren und Kuratoren, listet sämtliche Museen und Galerien sowie weitere Institutionen auf, die in den letzten Jahrzehnten zu diesem Thema gearbeitet haben. Neben in Deutschland lebenden Künstlern und Künstlerinnen mit afrikanischem Background werden ebenso deutsche Kulturschaffende vorgestellt, die sich um die differenzierte Repräsentation des aktuellen Afrika verdient gemacht haben. Eine Linksammlung und eine Publikationsliste vervollständigen die Anthologie für Fachleute und allgemein Interessierte.

Laut Vorwort will die Publikation ein Überblick sein und Ausstellungen sowie weitere Vermittlungsformen mit ihren Akteuren, Institutionen und Kunstschaffenden kommentieren. Aktuelle Probleme sollen benannt und eine Grundlage für Netzwerke geschaffen werden. Die Bestandsaufnahme ist inhaltlich eine solide Arbeit, die tatsächlich eine längst überfällige Zusammenfassung bietet. Dennoch fallen einige begriffliche Ungenauigkeiten auf. Die sicherlich wohlüberlegte Wortkombination „(Re-)Präsentation“ wird nie definiert und taucht im Buch erst wieder auf Seite 65 in der Überschrift zur britischen Kunstszene auf. An solchen Stellen wünscht man sich mehr Sorgfalt - zumal die Frage danach, wer was präsentiert und was die Arbeiten oder der Markt repräsentieren, durchaus spannend wäre.

# Page Separator #

Der Titel deutet darauf hin, dass sich Mutumba für den umstrittenen Terminus „afrikanische“ Kunst entscheidet. Die Autorin verweist auf den Panafrikanismus und führt als Begründung an, dass viele Menschen sich selbst eher als Afrikaner und Afrikanerinnen sehen. Sie würden sich wegen der künstlich gesetzten Grenzen nicht über nationale Identitäten definieren. Diese Aussage ist insofern etwas ungenau als sich in Afrika durchaus nationalistische Strömungen beobachten lassen. Außerdem ist dieser Begriff nicht nur unbeliebt, weil er die vielschichtigen Kulturen nivelliert – so wie sie es anführt - sondern vor allem, weil die Künstler zu Recht andere Begriffe fordern. Sie verlangen einen Diskurs, der sich stärker mit den inhaltlichen Aspekten ihrer Arbeit befasst und nicht fast ausschließlich die geografischen Perspektiven diskutiert. Den zu sehr mit Exotismen belasteten Terminus „afrikanisch“ doch zu verwenden, erscheint  als Abgrenzung von europäischer, amerikanischer oder asiatischer Kunst einerseits logisch. Andererseits muss immer erwähnt werden, dass Künstler und Künstlerinnen mit afrikanischen Wurzeln global agieren und somit nationale und kontinentale Zuschreibungen problematischer werden. Glücklicherweise wird diese Begriffswahl relativiert, da Mutumba sehr konsequent hinter jedem Künstler und jeder Künstlerin das Herkunftsland in Klammern schreibt.

Der Fokus auf das „Afrikanische“ zeigt sich sowohl positiv aber leider auch negativ bei der Auswahl der Institute. Es ist verständlich, dass sie zuerst die Museen, Kunstvereine und Galerien nennt, die sehr konzentriert zum Thema Afrika arbeiten. Das ist schließlich das Thema der Studie. Später folgen öffentliche Institutionen, die nur für bestimmte Ausstellungen zum Thema gearbeitet haben - von Kunstvereinen und bekannteren Museen über Stadtmuseen bis hin zu Ausstellungen in Rathäusern. Um so erstaunlicher ist es, dass sie Galerien mit transnationalem Programm, die u.a. Künstler mit afrikanischem Background zeigen, ganz außen vor lässt. Dabei übernehmen gerade sie die von den Künstlern und Künstlerinnen geforderte Arbeit, sie international auf dem Markt zu etablieren, ohne den großen Überbegriff Afrika extra zu unterstreichen. So wird z.B. Julie Mehretu (Äthiopien), die seit kurzem in Berlin lebt, bei carlier | gebauer in Berlin vertreten, genau wie Santu Mofokeng (Südafrika). Robin Rhode (Südafrika) ist zwar nicht mehr im Programm, war aber 2006 mit The Storyteller zu sehen.

# Page Separator #

Eine andere engagierte Galerie ist Kuckei+Kuckei in Berlin. Sie vertreten u.a. Guy Tillim, den sie Ende 2008 zusammen mit anderen südafrikanischen Fotokünstlern wie Pieter Hugo, Sabelo Mlangeni, Mikhael Subotzky und Nontsikelelo Veleko in A Look Away zeigten. Im gleich anschließenden zweiten Teil why not? von Anfang 2009 ergänzten sie die erste Ausstellung mit den Künstlern Avant Car Guard, Zander Blom, Michael MacGarry und Nandipha Mntambo um jüngste Entwicklungen in den Bereichen Skulptur, Installation, Performance und Konzeptkunst Südafrikas. In diesem Zusammenhang könnte auch die Galerie Eberhard Klinger in Görlitz genannt werden. Innerhalb seiner Weltkunstreihe (VII) wandte sich der Galerist 2003 dem afrikanischen Kontinent zu und zeigte Werke zweier bedeutender Künstler der Elfenbeinküste: Bruly Bouabré und Aboudramane. Ein anderer Ort, an dem seit Jahren Chéri Samba und Moké neben Arbeiten von Martin Kippenberger hängen, ist die Paris Bar in Berlin. Dort hängt auch ein Kippenberger-Porträt von Michel Würthle und Chéri Samba, das damals für die Ausstellung Around & Around entstand – eine wichtige von Achim Kubinski und Peter Herrmann kuratierte Ausstellung (Stuttgart, Douala, Berlin), die schon 1994 selbstverständlich westliche und nicht-westliche Künstler nebeneinander präsentierte.

Yvette Mutumbas Auflistung der Ausstellungen unter der Überschrift Ausstellungen zeitgenössischer afrikanischer Kunst in weiteren öffentlichen Institutionen wirkt stichpunktartig komprimiert, wie eine Aneinanderreihung. Es ist ein guter Querschnitt, aber die Ordnung dieses Textes ist nicht ganz nachvollziehbar und kritische Beurteilungen bzw. Zusammenhänge kommen viel zu kurz. Nach chronologischen Kriterien zu sortieren, wäre wohl am schlüssigsten gewesen. Da sie Ausstellungen in diesem Abschnitt erst ab dem Jahr 2000 aufführt, wird der Eindruck vermittelt, es habe vorher in Deutschland keine Präsentationen mit Künstlern und Künstlerinnen aus Afrika gegeben. Ein Beispiel für die Präsenz solcher Ausstellungen ist Grenzenlos / Zeitgenössische Kunst im Exil, die 1994 im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden stattfand und Künstlerinnen wie Nicole Guiraud (Algerien) und Waka Mebrathu (Äthiopien) zeigte. Neben der bereits erwähnten Ausstellung Around & Around ist die 7. Triennale der Kleinplastik von 1998 ein weiteres frühes Beispiel. Sie war damals die größte Ausstellung mit europäischer und afrikanischer Kunst, die bis dahin in Deutschland stattgefunden hat. Vor allem präsentierte sie nicht wie Magiciens de la Terre (1989) vorrangig die naiven Maler und Autodidakten, sondern auch Videokünstler wie Goddy Leye mit künstlerisch/ philosophischer Ausbildung.

# Page Separator #

Und auch 1998 fand in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie Stuttgart, dem Württembergischen Kunstverein und vielen anderen (insgesamt 12 Museen und 10 Galerien) eine weitere Ausstellung statt: Vielfaches Echo – Zeitgenössische Kunst zwischen den Kulturen. Diese Ausstellung thematisierte schon damals die heute sehr aktuelle Debatte um transkulturelle Tendenzen und betonte gerade nicht den einen Ort der Herkunft in Afrika, sondern das Arbeiten zwischen den Kulturen. Zusammen mit anderen internationalen Künstlern und Künstlerinnen waren Aboudramane (Elfenbeinküste, Abidjan/Paris), Sokari Douglas-Camp, (Nigeria, Calabar/London), Kwesi Owusu-Ankomah (Ghana, Takoradi/Bremen), Lawson Oyekan (Nigeria, Ibadan/London) und Chéri Samba (Kongo,Kinshasa/Paris) vertreten.
 

Im nächsten Kapitel 2.1.3 "Zur Präsentation zeitgenössischer afrikanischer Kunst in ethnologischen Museen" benennt Mutumba kurz die Probleme der Exotisierung, die entstehen, wenn aus ethnologischer Perspektive Zeitgenössisches aus Afrika präsentiert wird. Sie fordert zu Recht, den inneren Konflikt solcher Institute offen zu thematisieren. Aber sie vergisst in ihrer weniger als zweiseitigen Aufzählung das Münchner Museum für Völkerkunde, das seit 2002 unter der Leitung von Stefan Eisenhofer verstärkt Werke zeitgenössischer afrikanischer Künstler u.a. von Romuald Hazoumé, Massimo Wanssi und Simonet Biokou präsentiert und intensiv über zeitgenössische Kunst forscht. Ausstellungen, wie „Genocide Monument“ von Kofi Setordji zeigen, dass sich Museen wie dieses längst um institutionenübergreifende Projekte bemühen.

Yvette Mutumbas Liste mit in Deutschland lebenden Künstlern und Künstlerinnen afrikanischer Herkunft fasst einige der wichtigen zusammen. Von so einer Liste kann man sicher keine Vollständigkeit in dem Sinne erwarten, dass sie alle Kunstproduzenten afrikanischer Herkunft in jedem Ort Deutschlands ausfindig macht. Viele der erfolgreichen und aktiven Positionen hat sie benannt und einige weniger bekannte ebenso. Allerdings müsste diese Liste unbedingt um Ransome Stanley (Nigeria) ergänzt werden, der in München lebt und sich in seinen Gemälden mit black identity befasst. Weitere mögliche Ergänzungen wären u.a. Daniel Kojo Schrade, Chia Raissa Gildemeister (Elfenbeinküste) und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung (Kamerun). 
 
Trotz aller Ergänzungen, die noch vorgenommen werden könnten, und trotz des Wunsches, einige Zusammenhänge herauszuarbeiten und noch kritischer zu diskutieren, ist diese Studie eine willkommene Zusammenfassung über die Präsenz zeitgenössischer afrikanischer Kunst in Deutschland. Obwohl sie eher eine Liste als eine kritische Einschätzung ist und für Beurteilungen des Marktes wenig Raum blieb, kann diese 90-seitige Publikation eine wichtige Basis zum Aufbau des noch auszubauenden Netzwerks sein. Es ist ein Buch, das jeder kennen muss, der mit Künstlerinnen und Künstlern afrikanischer Herkunft arbeitet, denn es bietet auf alle Fälle den angestrebten Wegweiser und bildet eine elementare Arbeitsgrundlage.

Weitere Informationen

Die Studie ist direkt über die Homepage des Instituts für Auslandsbeziehungen erhältlich.

Diese Seite teilen