Meldungen zum Kunstgeschehen

3. Fotofestival Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg

Eine Biennale, die sich dem Medium Fotografie verschreibt, muss danach fragen, was das fotografische Bild in unserer Gesellschaft so wichtig macht. Die verschiedenen Ausstellungen werden zeigen, wie das fotografische Bild unseren Blick auf die Welt ordnet und strukturiert. Während die Bilder der Massenmedien diese Muster meist voraussetzen oder verfestigen, ist es insbesondere die künstlerische Fotografie, die jene Bildmuster hinterfragt, die der Journalismus, die wissenschaftliche und die private Fotografie etabliert haben.

Kann man heute noch Fotografien machen, die etwas völlig „Neues“ zeigen? Oder ist nicht vielmehr die Frage entscheidend, wie die vorhandenen fotografischen Bilder unsere Welt ordnen und mit diesen suggestiven Bildern unsere Wahrnehmung der Welt lenken? Die Menge der Bilder, die uns tagtäglich in den Medien, der Werbung, in den Zeitschriften und Nachrichten angeboten oder aufgedrängt werden, wächst seit der Erfindung der Fotografie ständig. In gleicher Weise vermehren sich auch die Bilder, die wir selber machen und auf unseren Festplatten ablegen.
Diese Welt der Bilder ist die Welt der Bilder: Aus ihren Formen geht die Welt hervor. Gerade die Masse der Bilder macht deutlich, dass sie bestimmten Mustern folgen, die das Dargestellte einer Ordnung unterwerfen. Dieser Konstruktionscharakter der Weltbilder bleibt meist verborgen.

Die Bilder der Kunst dagegen machen diese Ordnung selber bewusst – indem sie auf Bilder aus Bereichen wie Journalismus, Werbung oder Wissenschaft aufbauen. Eine Strategie, auf die Bilderflut zu reagieren, ist es, die Ordnung dieses Bildrepertoires, das unser Bildgedächtnis prägt, zum Thema zu machen. Wie greifen Fotografen vorhandene Bilder auf und rekombinieren sie? Existente Bilder werden zitiert, appropriiert und collagiert. Oder selbstreflexive Bildstrategien zeigen auf, warum eine Fotografie als „wahr“ oder „authentisch“ gilt.

Das Thema des Festivals ist unsere visuelle Alphabetisierung, deren Offenlegung wir den Fotografien der Kunst zu verdanken haben. Während sich das Oberthema dem Problem zuwendet, wie Fotografien den Blick auf Bilderordnungen werfen, werden sich die einzelnen Ausstellungen thematischen Feldern widmen, die unsere Frage besonders nachdrücklich stellen: Körper und Jugend, Krieg und Landschaftsaufnahme, Archiv und Absenz.

Programm

Mannheim

Körpermuster
Jugendliche sind begehrte fotografische Objekte, weil sich in ihrer Identitätssuche Entwürfe zeigen, die sie aus den Medien, aus der Mode, aus der Kunst oder aus einer Subkultur adaptieren. Es werden quasi gesehene Bilder „angezogen“. Dies können Bilder sein, die Zugehörigkeiten zu einer bestimmten Subkultur zeigen, oder Bilder, die die Codes einer sozialen Klasse ausstellen, es können Bilder der Kunstgeschichte sein oder fiktive Identitäten aus der Comic- und Mangawelt, die ihre Protagonisten zur Aufführung bringen.  
Ort: Jugendstil-Altbau der Kunsthalle Mannheim  

Joan Fontcuberta
Das Matterhorn ist seit seiner touristischen Entdeckung durch den Alpentourismus des 19. Jahrhunderts stets aus derselben Perspektive fotografiert worden. Die Ansichten von Sehenswürdigkeiten und Landschaften variieren selten. Bereits auf den Reisefotografien des 19. Jahrhunderts sehen sie ganz ähnlich aus wie auf unseren Ansichtskarten. Die Geschwister Reiss haben in den 1890er Jahren auf ihren Reisen in den Orient, nach Südamerika und Asien eine Sammlung von historischen Fotografien zusammengetragen, die Ausgangspunkt für eine erweiterte Arbeit von Joan Fontcuberta sein wird. In seiner Arbeit Orogenesis nutzt Fontcuberta ein Computerprogramm, das für die Simulation von Landschaften aus Kartenmaterial erfunden wurde. Fontcuberta ersetzt die Karten durch künstlerische Darstellungen von Landschaft und zeigt uns in seinen Bildversuchen Klischeevorstellungen von Landschaft und befragt damit die Aktualität des Genres des Landschaftsbildes.  
Ort: Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen  

Der Internetblog ist vielleicht die heute populärste Form der Bildersammlung, die auf der Vernetzbarkeit von Daten basiert – das „selbe“ Bild, das „selbe“ Video kann immer wieder in unterschiedlichster Weise im Kontext eines weiteren Blogs verwendet werden. Der Blog ist zugleich das globale Bildarchiv einer privaten Interessengemeinschaft. Ganz unterschiedliche Bilder nehmen im Blog ein einheitliches Format an, und es ist das Nacheinander, die visuelle Assoziationskette der Bilder, die seinen Reiz ausmachen. Auf die Vielzahl und Vielfalt der Bilder reagiert der Blog mit ihrer Formatierung. Wir haben die Blogger von vvorks eingeladen, eine Bildersammlung als begehbaren, dreidimensionalen Blog im öffentlichen Raum auf dem Alten Meßplatz in Mannheim zu bauen.    
Ort: Alter Meßplatz Mannheim


Ludwigshafen

Bilderkrieg
Der Krieg wird hierzulande vor allem durch die Medien vermittelt, auch wenn deutsche Truppen am Kriegsgeschehen beteiligt sind. Der Kriegsberichterstatter zeigt uns stellvertretend Bilder vom Kriegsschauplatz. Aber auch die bildjournalistischen Fotografien vom Krieg bilden den Krieg nicht einfach ab, sondern schaffen ein Bild des Krieges, dessen Logik einem Regelwerk politischer und publizistischer Vorgaben folgt: Von politischen Stellen freigegebene Bilder oder die Bilder des „eingebetteten“ Journalismus zeigen eine gesäuberte Version des Krieges ohne Tote. Gräuelbilder, so etwa eine Regel der Presse, die Susan Sonntag thematisiert, dürfen immer nur den fremden „Anderen“ zeigen. Diese Bildmuster, die von den Medien erzeugt werden, sind Thema verschiedener Künstler, die mit diesen Bildern arbeiten, deren Mechanismen in Frage stellen oder vorführen und so die Bilderpolitik analysieren. Die scheinbare Möglichkeit, alles sehen zu können, provoziert die Frage nach dem, was nicht sichtbar, aber doch über Verweise oder Anspielungen vorhanden ist, oder nach dem, was uns erst gar nicht gezeigt wird, etwa weil es politisch kompromittierend oder geheim ist. Daran schließt sich die Frage nach der Ethik von Bildern an, nach den Regeln dafür, was auf Bildern gezeigt oder nicht gezeigt werden darf.  
Ort: Wilhelm Hack Museum  

Bilder sammeln
Fotografen, die sich mit der Lesbarkeit und Ordnung von Bildern beschäftigen, werden zu Bildersammlern. Die Bildarchive die herangezogen werden, sind die privaten Familienalben, die Kunst- und Fotobildbände und die Archive des Internet oder der Nachrichtenmedien. Die unterschiedlichen künstlerischen Zugänge und Ordnungen des Sammelns werden im Mittelpunkt der Ausstellung stehen.  
Ort: Kunstverein Ludwigshafen  
 

Heidelberg

Absenzen
Museumswände ohne Bilder, unheilschwangere Tatorte ohne Opfer und Indizien, dicht bebaute, hochmoderne Städte ohne Bewohner: Hier geht es um die Präsenz des Abwesenden. Die Bilder des Verschwundenen fragen danach, was in unseren Bildarchiven erinnert und was vergessen wird und damit unsichtbar bleibt. Das Bild ist hier nicht Abbild, sondern Medium einer Abwesenheit, welche den Betrachter auffordert, die Leerstellen mit Bildern zu füllen, die wir in unserem visuellen Bildgedächtnis abgespeichert haben. Eine andere Spielart dieser Durchkreuzung der Gewohnheiten fotografischer Repräsentation liegt in der Darstellung des Undarstellbaren: So zeigen Porträts spiritistischer Sitzungen Dinge, die sich zwar sprachlich bezeichnen, nicht aber bildlich darstellen lassen: Seelen oder Auren. 
Ort: Kunstverein Heidelberg

PORTFOLIO-REVIEW am 04./05.09.2009
Die große Nachfrage und der Erfolg des Portfolio-Review des letzten Festivals versprechen die Veranstaltung auch 2009 zu einem der programmatischen Highlights des 3. Fotofestivals Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg zu machen.
Der zweitägige Portfolio-Review bietet am Eröffnungswochenende (04./ 05.09.2009) Fotografen die einzigartige Möglichkeit, ihre Arbeiten namhaften internationalen Ausstellungskuratoren, Kunstkritikern, Herausgebern von Fotozeitschriften und Verlegern zu zeigen. Der Portfolio-Review wendet sich an Studierende im höheren Semester, Absolventen von Kunsthochschulen, an Künstler und Fotografen und gibt ihnen die Möglichkeit von eins zu eins Gesprächen mit den Reviewern Ihrer Wahl. Wir alle sind darauf gespannt, mit Ihnen in einen Dialog zu treten. Das Zusammentreffen ist Impuls zur persönlichen Weiterentwicklung jedes einzelnen Teilnehmers und kann im besten Fall Wegbereiter für zukünftige Ausstellungen und Veröffentlichungen sein.

Im Anschluss an das Reviewing wird eine Auswahl der Teilnehmer auf der Website des Fotofestivals präsentiert werden und drei Teilnehmer erhalten die Möglichkeit, ihre Arbeiten in der Mannheimer S null neun Pilotgalerie zu zeigen.