Buchrezensionen

Andreas Beyer: Die Kunst – zur Sprache gebracht, Wagenbach 2017

Über Kunst sprechen, das ist ebenfalls eine ganz eigene Kunst. Andreas Beyer ist einer jener Kunsthistoriker, die den Spagat zwischen Wissenschaft und sprachlicher Schönheit meistern. In dem Sammelband finden sich Essays dieses »Sprachkünstlers«. Andreas Maurer hat reingelesen.

Es ist ein altes Problem: Jene die sich in der Kunst auskennen, finden oft nicht die passenden Worte und jene die sich ausdrücken können, haben keine Ahnung von der Kunst. Der engagierte Kunsthistoriker Andreas Beyer vereint in sich jedoch die positivsten Ausprägungen beider Eigenschaften. Zuletzt Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris ist der Autor einem breiteren Publikum wahrscheinlich aus dem Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« bekannt, wo er regelmäßig mit Texten zu Gast ist.

Seit jeher ist es Beyers auferlegtes Ziel, das Medium des Sichtbaren ins Wort zu übersetzen und mit Hilfe seiner Schriften weitere Gespräche anzustoßen die wiederum auf Bilder zurückführen. Kunst soll zur Sprache gebracht werden. Unter diesem Titel vereint das nun bei Wagenbach erschienene Buch acht beispielhafte Aufsätze und Vorträge aus den letzten fünfundzwanzig Forschungsjahren des »Sprachkünstlers«. Selbstverständlich mit Bildern.

Kunsthistoriker sollten Spezialisten der Formulierung sein, schließlich ist es eine ihrer wesentlichen Aufgaben, den Kunstwerken eine Stimme zu geben. Bekanntlich ist aber ein harmonisches Miteinander von Lesen und Sehen alles andere als selbstverständlich. Sogar der Fachmann greift wahrscheinlich nicht des Lesegenusses wegen zum kunsthistorischen Buch, sondern vielmehr, um besser oder mit tieferem Verständnis zu sehen, oder einfach der Abbildungen wegen. Kunsthistorisches Tun ist laut Beyer aber vor allem ein Sprechen und dadurch immer auch ein Zeigen, eine Geste.

Angekommen im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit sind Kunstwerke jederzeit in bester Qualität und Auflösung verfügbar, damit verbunden auch eine Verbildlichung aller Diskurse darüber. Die Kunstgeschichte selbst wurde ihrer Beschreibungspflicht enthoben. Verstummen wird die Disziplin aber nicht, denn im Umschreiben (nicht im Um–Schreiben), im Auswählen, Kombinieren und Sichtbarlassen, sowie im Zeigen und seiner beständigen Reflexion sieht Beyer die zukünftige Artikulation der kunsthistorischen Sprache.

Das Buch bietet nun den LeserInnen spannende Einblicke in Beyers breites Spektrum an Themen auf dem Feld der Forschung. Allen gemeinsam: Die Kultur des sprachlichen Ausdrucks und dessen Entwicklung innerhalb der Kunsthistorik. Eigentlich ist es aber nicht nur der Autor der sich auf den Seiten zur Kunst äußert, vielmehr fungiert Beyer als ein Medium für jene Sprachkünstler welche den Weg der Beschreibung schon vor ihm gefolgt sind: Giorgio Vasari schrieb über Leonardos Lehrer Andrea del Verrocchino, Künstler des 19. Jahrhunderts verfassten (nicht immer positive) Texte und Gemälde über Kollegen, Johann Wolfgang von Goethe transformierte die Kunst Michelangelos in seinen »Egmont«, Karl Friedrich Schinkels Eindrücke aus Paris fanden in seiner Kunst ihr Echo, Rudolf Borchardt sinnierte in einem Essay über den Typus der »Villa«, Grenzen der Deutbarkeit von Kunst bespricht ein Vorbild–Text über die Geistesgegenwart der Ikonologie und schließlich bringt Beyer Franz Marc und Wassily Kandinsky noch mit Aby Warburg in Verbindung. Eine thematische Vielfalt, welche nicht nur im Forschungsfeld eines Kunsthistorikers, sondern auch innerhalb einer einzelnen Publikation ihres Gleichen sucht.

Ihre eigentliche Erfüllung findet die sprachliche Annäherung an Kunst vermutlich aber immer erst im Gespräch. Das weiß auch Beyer und fördert und befeuert nach wie vor mit unablässigem Einsatz den persönlichen Austausch über Bilder. Für das Buch entschied man sich daher die Worte Beyers nicht unkommentiert stehen zu lassen. Weitere Stimmen ergänzten in der Folge seine Aufsätze und Vorträge und zeichnen die Umrisse eines Gesprächs. Acht WegbegleiterInnen des Autors (Horst Bredekamp, Peter Geimer, Dario Gamboni, Alexander Markschies, Achatz von Müller, Ernst Osterkamp, Beate Söntgen und Sigrid Weigel) folgten der Einladung des Verlages, vertieften sich in Beyers Zeilen und antworteten in kurzen persönlichen Kommentaren. Die so entstandenen Dialoge zeigen, wie die Sprache in der Annäherung an das Bild, produktiv herausgefordert wird, wie Möglichkeiten im Nachdenken über Kunstwerke ausgeschöpft und erweitert werden und wie treffende sprachliche Ausdrücke den Blick für bisher Übersehenes öffnen.

Beyers Kunstfertigkeit der Formulierung ballt sich nicht in allgemeingültigen Lösungen, sondern versucht den Reichtum der feingliedrigen Möglichkeiten praktisch zu erproben. Das Ergebnis: ein glückliches Zusammenspiel von Bild und Sprache. Zwar widersetzen sich Beyers Reden und Schriften dem modischen Jargon und den starren, sperrigen Formulierungen (die wissenschaftlicher Prosa oft eigen sind), kunsthistorische Laien werden mit den Texten wohl dennoch weniger Freude haben. Fachwissen wird in jedem Fall vorausgesetzt. Jene, dich sich an die Inhalte wagen und noch tiefer in die Materie eindringen wollen, finden im hinteren Teil der Publikation Anmerkungen zu den Fußnoten und der erwähnten Literatur. Lästiges Hin- und Herblättern leider inklusive. Nicht immer ist klar ersichtlich, wann und wo welcher Text oder Vortrag Beyers genau gehalten oder publiziert wurde. Abbruch tut das den Sprachgebilden keinen, allesamt sind sie zeitlose Lektionen der Könnerschaft eines Kunsthistorikers der Gegenwart.