Buchrezensionen

Anna Zika: Es ist kleines Frauchen. Naturbeherrschung durch »Weiblichkeit« – Blicke ins 19. Jahrhundert, VDG Weimar 2015

Das »kleine Frauchen«, die gehorsame und tätige Ehefrau, das ist uns als Ideal des 19. Jahrhunderts bekannt. Wie aber genau wurden Handlungsspielräume und weibliche Tugenden definiert? Gab es wirklich keinen Widerstand? Das hat Anna Zika untersucht und legt nun ihre Erkenntnisse vor. Stefanie Handke hat sich das Büchlein angesehen.

In sechs Kapiteln widmet sich Anna Zika dem Bild der holden oder weniger holden Weiblichkeit im 19. Jahrhundert. Für die Leserin und sicherlich auch für den Leser ist bereits der erste Blick in die Vorstellungswelten eines Johann Gottlieb Fichte, eines Jean-Jaques Rosseau, ja selbst eines Emile Zola ernüchternd, ja geradezu erschütternd: Fast immer galt es der Frau als angemessen, sich passiv, nachgebend, gehorsam zu zeigen, während ihrem männlichen Gegenpart eine aktive, selbstbestimmte Rolle zukommt. Die Autorin zeigt dabei auf, wie sich vermeintlich Annahmen, ja, nennen wir sie Vorurteile, mit einer vermeintlich natürlichen Anlage verbanden: So galten Frauen als körperlich, aber auch intellektuell schwächer, und die im 19. Jahrhundert aufkommende Gynäkologie scheint nach den Erläuterungen Zikas weniger eine medizinische Wissenschaft als vielmehr das ideale Rechtfertigungsinstrument für das Einsperren des braven Weibes ins Haus zu sein: Aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit samt Gebärmutter neige die Frau zur Hysterie, bräuchte klare Normen und Regeln und sei zum Gehorsam wie geschaffen. Zugleich erhob das 19. Jahrhundert aber die natürliche, geradezu angeborene Tugendhaftigkeit inklusive Geist, Tüchtigkeit und Selbstdisziplin zum Ideal der Weiblichkeit. Ein widersprüchliches Zeitalter, insbesondere eine widersprüchliche Argumentation, die Zika da nachzeichnet. Genau dies ist der Autorin bewusst, denn ihre Sprache ist dabei von einem humorvollen, manchmal geradezu kritisch-bissigem Unterton durchdrungen, der das Lesen nicht nur zu einem Wissensgewinn, sondern auch zu einem großen Vergnügen macht.

Das Frauenbild, das Anna Zika in ihrer Studie abbildet, ist entsprechend ausgestaltet: Die Frau des 19. Jahrhunderts hatte sich irgendwo zwischen den Extremen »gehorsames Anhängsel des Mannes« und »Herrscherin im eigenen Haus« ihren Platz einzurichten, ebenso zwischen kindlich-unschuldigem Püppchen und geistreicher Gesprächspartnerin. Diese Widersprüchlichkeit, aber auch die hohen Anforderungen mögen zum einen, wie die Autorin aufzeigt, in dem wohl noch diffusen Begriff der Liebe liegen, der sich erst allmählich herausbildete, zum anderen entdeckt das moderne Auge darin eine Tendenz zur »Domestizierung« des Weiblichen.

Zentral in der Diskussion um weibliche Rollenbilder war der Begriff der Tugend; hier schienen die Zeitgenossinnen fast strenger als ihre männlichen Vorbilder: Aus der Erziehung zu Gehorsam gegenüber dem Mann und einer Fürsorge für ihn und die Familie formten manche Autorinnen wie Sophie von Ahlefeld oder Wilhelmine Eberhard einen regelrechten Masochismus; Anna Zika entdeckte in ihrer Recherche sogar ein Beispiel, in dem die indische Tradition der Witwenverbrennung gelobt wurde! Dass dieses Extrem bereits bei den Zeitgenossen Widerspruch erfuhr, versteht sich bei allem Konservatismus fast von selbst und verständlich ist die Kritik, die Helene Böhlau ihrer Figur Henry Mengersen in den Mund legt: »Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen, dies langweilige, aufdringliche Sichopfernwollen, die Bestimmung erfüllen zu wollen.«
Den Herrschaftsverhältnissen, will man sie denn so nennen, entspricht dieses Ideal aber allemal und verpackt wurden diese eben in den Begriff der Tugendhaftigkeit, die einherging mit dem gleichzeitigen Trend zur Empfindsamkeit, in den sich die vermeintlich hysterische, sensible weibliche »Natur« bestens einfügte.

Nicht vergessen werden darf natürlich auch die Sexualität in der Argumentation der Herren und Damen des 19. Jahrhunderts. Diese galt es zu domestizieren und selbst während der Ehe sollte sie in enge Bahnen gelenkt werden, um einer tugendhaften Lebensweise auch ja nicht im Wege zu stehen. Entsprechend war es in gutbürgerlichen Haushalten üblich, Schlafgemächer von Hausherr und -herrin zu trennen und stattdessen die bis heute in unserem Bild der Zeit fest verankerte abendliche Geselligkeit mit Handarbeiten, heiter-geistreichen Gesprächen und interessanter Lektüre zu pflegen. Sexuelles Verlangen aber hatte in dieser Welt der von Zika an anderer Stelle so treffend bezeichneten »Tugendterroristinnen« keinen Platz, bestenfalls als abschreckendes Beispiel. Mit Liebe hatte es gleichsam überhaupt nichts zu tun, wenn diese eher als ein Gefühl begriffen wurde, das als Grundlage für weibliche Gehorsamkeit, Treue und Fürsorge diente.

Zu den weiblichen Tugenden zählten freilich auch die Haus- und Handarbeiten, denen sich eine Dame zu widmen hatte. Damit waren nicht nur die alltäglich anfallenden Arbeiten von Wäsche bis Küche gemeint, die in den entsprechenden Kreisen selbstverständlich an Bedienstete delegiert wurden, sondern auch Handarbeiten: Vom Anfertigen der eigenen Aussteuer bis zur Anfertigung reizender Accessoires – gestickt, geklöppelt, gestrickt – reichte das Spektrum. Diese klare Abgrenzung zur männlichen Sphäre des Geldverdienens und Außer-Haus-Arbeitens sieht Zika als ein Produkt der wirtschaftlichen Entwicklung hin zu einer kapitalistischen Wirtschaftsweise. Gleichzeitig ermöglichte diese eine weitere Aufgabenteilung, in der die Gattin die wirtschaftlichen Grundlagen dazu zu verwenden hatten, den Reichtum des Haushalts angemessen abzubilden, indem sie für angemessene Bekleidung sorgte, einrichtete und reizende Wohnaccessoires arrangierte.

All das führt, wenn es um Weiblichkeit geht, unweigerlich zur Frage nach der Mode. Als Kommunikationsmedium für das Selbstverständnis, aber auch für die von außen herangetragenen Erwartungen an die Frau, war sie unvermeidlich. Hier manifestierte sich stets auch das Innere der Dame. In den entsprechenden Modezeitschriften wurden neben den Beschreibungen des Erscheinungsbildes daher auch Charakter und Verhalten der abgebildeten Damen dargestellt – ein Grund, warum diese eine aufschlussreiche Quelle darstellen. Die Modejournale bedeuteten daher auch mehr als nur reine Äußerlichkeit, nein sie versprachen »Möglichkeiten individuellen Glücks aufzuzeigen«.

Wenn Weiblichkeit im 19. Jahrhundert also vor allem auf ein Dasein im und um das Haus, auf Äußerlichkeiten und freundliche Geselligkeit bezogen wurde – welchen Bildungskanon hatte man da anzusetzen? Freilich einen, der wenig auf höhere Bildung ähnlich der an Gymnasien und Universitäten setzte als vielmehr auf häusliche Erziehung, einhergehend mit dem Erwerb eleganter Fremdsprachen und Grundlagen für geistreiche Gespräche: Geschichte und Literatur, Musik. Diese spielten aber nur insofern eine Rolle, als sie dem Mann eben eine Gesprächspartnerin zur Seite stellen sollten – und im Notfall begriff sich dieser gleich selbst als »Erzieher« seiner Gattin, deren Lektüre er anleitete und deren Fragen er beantwortete.

War das aber wirklich alles? Gaben sich Frauen in einer Zeit der Aufklärung wirklich mit Haushalt, Sticken und hübschen Kleidern zufrieden? Mitnichten! Immer wieder findet die Autorin Beispiele dafür wie sich Frauen gegen diese Zuschreibungen werten. Helene Böhlau kommunizierte ihre feministische Haltung in ihren Romanen, allen voran »Halbtier« (1899) und ließ ihre Protagonisten gegen das Unterwürfigkeitsideal antreten. Louise Otto hingegen machte die Bildungsmisere der Frauen ihrer Zeit zum Thema: einerseits hätten die Frauen auf Nachrichten zu warten (in den Zeitungen oder aus den Clubs und Vereinen von ihren Männern mitgebracht), andererseits fehlte nicht wenigen Frauen auch die notwendige Bildung, »die sie zum sinnvollen Gebrauch der ausliegenden Zeitungen befähigt hätten«. Auch versuchte sie den Männern die Gleichberechtigung ihrer Gattinnen schmackhaft zu machen, indem sie darauf verwies wie sehr es die Hausherren entlasten würde, wenn sie ihren Ehefrauen mehr Verantwortung übertrügen – allein, Erfolg hatte sie damit nicht.

Die Märzrevolution von 1848 bot schließlich ebenfalls Hoffnung auf Besserung an, immerhin formierte sich im Zuge dieser auch eine Frauenbewegung ab 1849 und auch bereits in der Französischen Revolution hatten sich Kämpferinnen hervorgetan. Freilich waren diese aber nicht sehr beliebt – und am Ende blieben die Damen erfolglos, wurden gar von den mitkämpfenden Männern regelrecht beschimpft und bestenfalls verständnislos beäugt. Die gehässigen Kommentare, die Anna Zika hier aufführt, sind ernüchternd: Von Langeweile ist da die Rede, weil der geliebte Gatte ja für's Vaterland kämpfe, von der großzügigen Erlaubnis zu Spenden und Nähaktionen. Stattdessen erinnerte man die Damen an ihre Haushaltspflichten und daran, dass sie als Patriotinnen doch beim Einkauf auf heimische Waren achten könnten. Ein Bewußtsein für die politische und rechtliche Unmündigkeit der Frauen bildete sich zwar heraus, doch weder das Konzept einer geistig gleichberechtigten Gefährtin des Mannes noch die Revolutionskämpfe an sich brachten eine Verbesserung. Man argumentierte eifrig mit der körperlichen und geistigen Schwäche des Weibes, liberale Kreise blieben letztlich unter sich und gebildete, selbstbewusst tätige Frauen blieben Exotinnen. Einige wenige Erfolge konnten kaum über die tatsächliche Stellung der Frau hinwegtäuschen. Wenn überhaupt, so konnten sich gebildete und wohlhabende Damen eifrig im Bereich der Wohltätigkeit engagieren und so immerhin im Rahmen der gesellschaftlichen Tugenden außer Haus tätig werden.

Anna Zikas Fazit ist also durchaus deprimierend: Genormte Rollenbilder blieben den Frauen des 19. Jahrhunderts bei allem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichem Aufbruch erhalten, ihre Handlungssphäre war nach wie vor beschränkt auf häusliche und wohltätige Aufgaben. Erst die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts änderten das. Jedoch: Taten sie das wirklich? Immer wieder streut die Autorin in ihren Text nämlich Zeitkritik ein; von modernen Frauenzeitschriften, die ebenso wenig politisch Stellung beziehen wie das »Journal des Luxus und der Moden« über High Heels, die den Bewegungsrahmen der modernen Frau doch arg behindern bis hin zum Problem, nach der Geburt eines Kindes wieder in den Beruf einzusteigen. So stellt sie einen Bezug her zwischen der modernen Leserin und ihren Großmüttern und zeigt eindrucksvoll auf, dass sich ein Teil dieser Weiblichkeitskonzepte bis in die Gegenwart gerettet hat. Zugleich glänzt Zika durch eine eingehende Quellenarbeit, große Sachkenntnis und die bereits erwähnte klare, zuweilen kritische Sprache. Ein wirklich gutes Buch!

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