Ausstellungsbesprechungen

Arnt der Bilderschneider – Meister der beseelten Skulpturen. Museum Schnütgen, Köln, bis 20. September

Außerordentliche Lebendigkeit und thematische Vielfalt kennzeichnen die Bildschnitzereien von Meister Arnt Beeldesnider (vor 1450–1492). In großer Kunstfertigkeit verleiht er seinen Figuren Persönlichkeit, sodass sie in ihrer individuellen Ausführung beeindrucken. Zudem gilt er als der Begründer einer reichen Bildschnitzerschule am Niederrhein. Das Kölner Museum Schnütgen widmet ihm nun die erste monographische Ausstellung. Dietmar Spengler hat sie für PortalKunstgeschichte besucht.

Engel mit den Arma Christi, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, um 1477, St. Viktor, Xanten, Foto: Stephan Kube, Greven
Engel mit den Arma Christi, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, um 1477, St. Viktor, Xanten, Foto: Stephan Kube, Greven

Noch hatten sich die feministischen Theologinnen nicht über das männlich dominierte Gottesbild hergemacht, noch hatte der Name Riemenschneider im Rheinland kein Echo gefunden, da machte ein Bildschnitzer in Kalkar am Niederrhein namens Arnt Furore mit seinen volksnahen derb–realistischen Figuren. Anregungen kamen ihm aus den Utrechter Bildhauerwerkstätten und aus zeitgenössischer Druckgrafik. Nach Brüssel und Köln sowie ins niederländische Zwolle, wohin er bald übersiedelte, lieferte er Bildwerke.
Vom Meister, dessen Namen 1460 erstmalig dokumentarisch erwähnt wird, sind große und kleinere Altarretabel sowie zahlreiche einzelne Figuren erhalten. Einige davon befinden sich noch an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort in verschiedenen Kirchen am Niederrhein und den heutigen Niederlanden.
Für die ehe­ma­li­gen Kle­ver Mi­no­ri­ten­kir­che St. Ma­riä Emp­fäng­nis, der heu­ti­gen ka­tho­li­schen Pfarr­kir­che, schuf er das berühmte Chor­ge­stühl mit seinen groben Drolerien. Beachtenswert sind auch die in der Kalkarer St. Nicolaikirche veristisch gearbeitete Grablege Christi (ca. 1487), vor allem aber der Georgs–Altar (1483–87). Arnt arbeitete nicht nur in Holz; auch Steinskulpturen und Goldschmiedearbeiten kommen aus seiner Werkstatt. Nur durch seinen unverwechselbaren Stil ist es möglich, das Werkschaffen des Künstlers zu überschauen.

Georgsaltar, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1483–1487, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven
Georgsaltar, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1483–1487, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven

Das Kölner Museum Schnütgen widmet dem Werk des Meisters »Arnt, der Beeldesnider« nun eine erste monografische Ausstellung. In acht Räumen werden rund 60 Werke des zwischen 1460 und 1491 tätigen Künstlers präsentiert. Farbig gefasste Reliefbilder sine ebenso zu sehen wie zahlreiche größere und kleinere Einzelfiguren von Engeln, Heiligen und anderen biblischen Figuren. Leihgaben kommen aus dem Pariser Musée de Cluny, aus dem Amsterdamer Rijksmuseum, vor allem aber aus niederrheinischen Kirchen.
Als Highlight zeigt die Kölner Ausstellung den ca. fünf Meter breiten Georgs–Altar aus Kalkar, der mit farbig gefassten Sze­nen aus der Le­gen­de des hei­li­gen Drachentöters und zwei bemalten Flügeln aufwartet.
Vor der Phantasiekulisse Kalkars präsentiert breitet der Altar mehrere kleine Narrative aus, die als Rahmenhandlung der Taten und des Martyriums des Ritters zusammen geschaut werden sollen. Die neun Szenen kulminieren in dem mittig dargestellten Sieg über den Drachen: St. Georg auf ungelenkem Pferdchen, die kniende Königstochter daneben, befreit aus den Klauen des Ungeheuers. Im Abgang sieht man Georg zur Stadt reitend, begleitet von der Königstochter Aja, den geschlagenen Drachen führt sie an der Leine.

Georgsaltar, (Detail), Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1483–1487, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven
Georgsaltar, (Detail), Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1483–1487, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven

Im Übrigen ergeht sich der Bildschnitzer in den diversen Folter– und Marterarten, die dem Drachtentöter im weiteren Verlauf der Bildgeschichte den Garaus machen: Ihm werden Holzpflöcke in den Leib getrieben, die Hände abgeschlagen, er wird in einen Kessel mit kochendem Blei geworfen, gehäutet, gerädert und schließlich enthauptet. Ein Schreckenspanoptikum mittelalterlichen Ausmaßes oder doch ein puppenküchenartiger Augenspaß?! Viel Gold und Ornament, Punzierung und eingestreute Glassplitter schmeicheln der Darstellung, dessen Bildfeld von grimassierenden und gestikulierenden Figürchen bevölkert wird.
Das Spottbild des Pfählers musste fürs Ausstellungsplakat herhalten. Weit oben gerät auch ein Anflug von Genredarstellungen ins Blickfeld. Horror vacui aller Orten: hier ein Rehlein, da ein Hund, dort ein Schaf. Bäumchen, Blattformen, Distelwerk lose gestreut in die Zwischenräume – ein Szenenspektakel auf felsigem Terrain.
Der Maler der Triptychon–Flügel stammte wahrscheinlich aus Köln: Er malte (um 1490) auf den Innenseiten die Geschichte der heiligen Ursula mit dem Kölner Dom.

Arnts Altarrelief kommentiert die Erzählung in altertümlicher Regie und will eine Zusammenschau der Heiligenlegende bewirken. Das Ergebnis: ein Wimmelbild in hochgotischer Manier in dem das Auge keine Ruhe findet. Fast übersieht man wie elegant und zart der Bildschnitzer das krude Eichenholz zu Fialen oder Ästen formt.
Bohrt man tiefer offenbart sich Arnts Trick: Um mit Weichholzschnitzern mitzuhalten ließ er das Eichenholz kochen. Anschließend war es möglich geschmeidige Details herauszuarbeiten, nach dem Auskühlen bekam das Holz wieder seine ursprüngliche Härte.

Fußwaschung, Predella des Hochaltars, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1491, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven
Fußwaschung, Predella des Hochaltars, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1491, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Stephan Kube, Greven

Ein weiteres Hauptwerk der Ausstellung ist die frisch restaurierte, farbenfrohe Altartafel mit der »Anbetung der Heiligen Drei Könige« (1480–90). Ergänzungen, Verluste und Kompositionsveränderungen komplettieren und deformieren das Werk. Das Museumsstück, 1993/2019 für das Haus erworben, bietet Bizarres bis Exotisches: Ein prachtvoll kostümierter Mohrenkönig mit zwei schwarzen Begleitern wartet dem Kindchen auf. Teilnahmslos schauen Mutter und Kind in die Ferne. Ein Kuriosum stellt der Diener des knienden Königs dar, der den Geschenksack plündert.

Die Ar­beiten am Mit­tel­schrein des Hoch­al­tar­re­ta­bels in der Kalkarer Nicolaikirche, für den Arnt 1488 von der dortigen Lieb­frau­en­bru­der­schaft be­auf­tragt wor­den war, konn­te er durch sein Ab­le­ben 1491 nicht mehr selbst voll­enden. Die in der Ausstellung gezeigte »Fuß­wa­schung Petri« dürf­te jedoch von eigener Hand sein.

Retabel mit der Beweinung Christi, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, um 1483, Musée de Cluny, Paris, Foto: Dietmar Spengler
Retabel mit der Beweinung Christi, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, um 1483, Musée de Cluny, Paris, Foto: Dietmar Spengler

Als Preziose aus dem Pariser Cluny–Museum wird ein besonders fein ausgeführtes Hausaltärchen gezeigt, der von einem Mönch der Kranenburger Kartause gestiftet worden ist. Dieser für die Privatandacht gefertigte Kreuzabnahme–Altar brilliert durch seine einfühlsame »Beweinung Christi«, die perfekte szenische Tiefenstaffelung und die Harmonie von Malerei und Relief. Als Überraschungsgast darf der Stifter am Lamento teilnehmen.

Aus der Vielfalt der Stücke seien einige Kuriosa herausgesucht: Die Andachtsfigur des lebensgroßen, bestürzend realistischen Christus im Grab schockiert. Daneben kommt im burlesken Tanzschritt der Schmerzensmann aus St. Mariä Geburt im niederländischen Oostrum daher. Da sind auch diverse Heiligenfiguren mit ihrer steifen Mimik. Grotesk wirkt die jungfräuliche Wilgefortis, die, um sich die heidnischen Freier vom Leib zu halten, einen prächtigen Vollbart trägt.

Es fällt auf, dass kaum ein Werk dem Meister selbst zugesprochen wird, zumeist werden die Bildwerke der Werkstatt des Künstlers zugeschrieben. Mit seiner spätmittelalterlichen Erzählkunst ist Meister Arnt allerdings kein Kunstinnovator, auch wenn er vielfach mit Tilman Riemenschneider (1460–1531) verglichen wird.
Was aber den Untertitel der Ausstellung »Meister der beseelten Skulpturen« anbelangt, offenbart der Blick auf die Werke einen waschechten Realisten, ein Kind seiner Zeit.

Grabchristus, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1486–87, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Diemtar Spengler
Grabchristus, Werkstatt des Meisters Arnt von Kalkar und Zwolle, 1486–87, St. Nicolai, Kalkar, Foto: Diemtar Spengler

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