Meldungen zum Kunstgeschehen

Aus der Eröffnungsrede: Gertrud Tonne, Albert Haberer und Hedwig Wjst in der Nachfolge Adolf Hölzels und Ida Kerkovius'. Galerie Dorn, Stuttgart (bis 24. Oktober 2009)

Günter Baumanns Rede zur Eröffnung in der Galerie Dorn liefert eine so lesenswerte Darstellung zu Adolf Hölzel und seiner Schülerschaft, dass wir einen Auszug daraus publizieren.

... Lassen Sie mich einen Sprung zurück machen, und zwar gleich um rund 100 Jahre: Adolf Hölzel, der 1909/10 an der Düsseldorfer »Kunstausstellung für christliche Kunst« teilnahm und für die evangelische Garnisonskirche in Ulm ein figürliches Wandbild »Der Gekreuzigte« schuf, machte seine Schüler Otto Meyer-Amden, kurz darauf Willi Baumeister und Ida Kerkovius zu Meisterschülern. ... Ich greife diese Zeit um 1910 heraus wegen Ida Kerkovius, darauf komme ich gleich zurück. Nur soviel noch vorab: Hölzel, obwohl immer präsent und keineswegs ein großer Unbekannter, kämpft dennoch bis heute gegen das Image eines Nebendarstellers. Immerhin ist er ein Altersgenosse Vincent van Goghs, der ähnlich verwurzelt war wie Hölzel und nie so weit ging wie dieser. So ist Hölzels Bedeutung in der Kunst kaum zu überschätzen. Um neben Baumeister und Kerkovius noch ein paar Schüler aufzuzählen, die diese Behauptung bekräftigen, sei auf Oskar Schlemmer und Johannes Itten verwiesen, die 1912 beziehungsweise 1913 Hölzels Meisterschüler wurden – allesamt schwere Kaliber in der Moderne. Die genannten religiösen Arbeiten wirken da zunächst ein wenig befremdlich. Aber lassen wir uns nicht irritieren.

Bereits 1905 entstand Hölzels Bild »Komposition in Rot I«, das erste weitgehend ungegenständliche Gemälde. Noch ein kleiner Schritt zurück auf der Zeitschiene: 1903, also in seiner Zeit in Dachau, als der Stil noch realistische Züge hatte, lernte der Meister die Kerkovius kennen, die ihm dann nach Stuttgart folgte, wohin Hölzel alsbald berufen wurde. Und Stuttgart wurde eine der Wiegen der abstrakten Kunst. Übrigens hatten sich die akademischen Kreise den Werdegang des Malers anders vorgestellt. Das sei nur am Rande erwähnt.

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Da Sie hier auch Arbeiten von Hölzel und Kerkovius sehen, will ich noch ein wenig die Tragweite dieser künstlerischen Beziehung ausloten. Wie wir gesehen haben, hat Kerkovius die Umbruchphase, den Wandel des Lehrers vom Realisten Saulus zum Visionär Paulus direkt mitbekommen: Ich verweise nur auf die große Ausstellung, die zur Zeit im Stuttgarter Kunstmuseum stattfindet, wo Sie auch Arbeiten aus der sogenannten Neu-Dachauer Malerkolonie betrachten können, wie sich um 1903 – Sie erinnern sich: in diesem Jahr wird Kerkovius Schülerin Hölzels – seine Malerei mehr und mehr symbolistisch verselbständigt und sich vom Naturvorbild emanzipiert.

1906 nimmt Hölzel seine Lehrtätigkeit in Stuttgart auf, den Schritt in die Abstraktion hat er gedanklich bereits vollzogen, wahrgenommen wird in der Öffentlichkeit aber immer noch der Dachauer Stil. Sein Kreis formiert sich derweil mit all den späteren Meisterschülerinnen und -schülern – Ida Kerkovius ist mit dabei. In der Entwicklung der Moderne hat dieser Stuttgarter Kreis nun die Nase vorn. In München regen sich die Geister der Abstraktion um Kandinsky viel verhaltener, erst mit dessen Programmschrift »Über das Geistige in der Kunst« im Jahr 1911 überlagert der revolutionäre Gehalt des »Blauen Reiters« das Bild der Moderne. Von der heutigen Warte aus betrachtet, wurde der Hölzel-Kreis in der Wirkungsgeschichte zu Unrecht dagegen ins Abseits gestellt – die Ausstellung im Kunstmuseum, aber auch die in der kommenden Woche beginnende Schau bei Schlichtenmaier und natürlich die ganz unabhängigen Bezüge in der Galerie Dorn geben erfreuliche Signale, dass sich das Bild ändert.

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Hölzel war ein großer Experimentator, und er war ein großer Lehrer. »Sie haben«, so bescheinigte ihm Willi Baumeister 1933, »die Probleme aufgeworfen, die allein wichtigen Hinweise gegeben und uns damit vor einen großen Horizont gestellt und uns aufgelockert und uns hingeführt zum rein Künstlerischen.« Ida Kerkovius hat beschrieben, wie der Lehrer seine Schüler durch die echte Natur führte, mit verdunkelten Brillen auf den Nasen, um die so imaginierte Landschaft in der Fläche zu sehen. 1911 wird Kerkovius Hölzels Assistentin, hier in Stuttgart. Als sie 1920 für drei Jahre ans Bauhaus geht, pflegt sie dessen Lehre weiter – und vereint sie mit den Lehren von Paul Klee und Wassily Kandinsky. Es ist schon lustig, im Grunde führt sie in Weimar die Stuttgarter und die Münchner Beiträge um die Moderne zusammen. Sie entwickelt ihre ganz eigene, reife künstlerische Sprache, die sich von dem flächigen Mosaikstil Hölzels unterscheidet, wird aber nicht müde, dessen Lehre weiterzuvermitteln – nach ihrer Rückkehr nach Stuttgart ist sie wieder seine Assistentin. Hölzel sagt über seine älteste, treueste und, wie Johannes Itten meinte, »echteste« Schülerin: »Sie macht meine Lehre, aber komisch, sie macht ganz andere Sachen.« In der kräftigen Farbigkeit lässt er sich sogar von Kerkovius beeinflussen und zu neuen Höhenflügen verführen, wie sie umgekehrt sein spätes Interesse für das Pastell und die Glasmalerei teilt.

Ida Kerkovius, Hölzels »Idchen«, die seine Studentinnen und Studenten in die Lehre einführte, wird zur »Kerko« ihrer eigenen Anhängerschaft. Über Hölzels Tod 1934 hinaus hält sie die Fahne für ihn hoch, doch den Privatunterricht in seinem Sinne macht sie in den 1930er und 40er Jahren zu ihrer eigenen Sache. Hier kommen nun die zwei Künstler ins Spiel, die eigentlich schon längst mit im Boot der Hölzelnachfolge sitzen: Albert Haberer, geboren 1908, gestorben 1986, und Gertrud Tonne, die 1918 zur Welt kam und uns heute die lichterfüllte, farbkräftige Lebendigkeit der Hölzelschule vorführt, als seien die hundert Jahre wie im Flug vergangen. Beide kamen über das Interesse für die Architektur zu Ida Kerkovius, die im Kreis um die Baumeister Paul Bonatz und Gustav Schleicher Kontakte geknüpft hatte.

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Gertrud Tonne gehörte zu den Teilnehmern ihrer Malkurse, sie bemerkte dazu: »Vor Beginn meines Architekturstudiums lernte ich 1941 durch den Architekten Albert Haberer Ida Kerkovius kennen. Er besuchte ihre Malkurse in ihrem Atelier in der Urbanstraße und nahm mich mit.« Es gibt ein Foto aus der Zeit, auf dem Kerkovius als resolute Dame auf dem Feld steht, Haberer und eine halbverdeckte Schülerin mit Zeichenblock neben sich, Jugendliche bestaunen drum herum die Szenerie, als seien die Naturschilderer von einem anderen Stern. Gertrud Tonne schrieb weiter über die Lehrerin: »Ich begegnete einer begeisterten Künstlerin, der weder die schweren Kriegsjahre, noch die schwierige Situation einer als entartet auf die Seite geschobenen Malerin, den Schwung nehmen konnte … Ihre lebendige Beziehung zu Form und Farbe übertrug sich auf jeden, der lernen wollte … Tatsächlich wurden am Schluß jeder Stunde alle Arbeiten auf den Boden ausgebreitet. Sie korrigierte dann so ausgezeichnet, dass jeder gefördert und zum Weiterarbeiten angeregt wurde.«

Einen Dreh- und Angelpunkt in der Hölzeltradition nahmen die Heslacher Wohnung Albert Haberers und das Haus seiner Familie in Gächingen ein: Nachdem Ida Kerkovius im Krieg 1944 ihr Atelier verloren hatte, bot Haberer ihr Asyl, um ihre Privatkurse weiterführen zu können, Gertrud Tonne fand sich ein wie auch eine Schwester Haberers, Hedwig Wjst, die als Haushaltsunterstützung ins Haus kam, sich für die farbsatte Kunst begeisterte – Anfang der 1950er Jahre entstehen von ihrer Hand unter diesem Eindruck Ölkreide-Arbeiten mit einem ganz eigenen Charme. Albert Haberer, der damals schon 20 Jahre lang zum Kerkovius-Kreis gehörte, förderte seine Schwester nach Kräften. Zur selben Zeit reisten Ida Kerkovius und Gertrud Tonne durch Frankreich. Wir können uns bei der Wiederbegegnung ihrer Arbeiten in der Galerie Dorn in etwa ausmalen, wie intensiv der Austausch sein musste. Im weitesten Sinne ist die Schau hier bei Dorn also eine Art Familientreffen mit engsten Freunden.

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Aber man würde den Hölzel-Kreis, aus dem Baumeister, Itten und Schlemmer hervorgegangen sind, in seiner Wirkungskraft schmälern, würde man suggerieren, wir hätten es mit einem einzigen Hölzel-Stil zu tun. Wo sich die Malerpersönlichkeiten treffen, ist etwa die farbenbetonte Harmonielehre und eine Vorliebe für einen pastellhaften Auftrag. Es mag das souveräne Auftreten Hölzels auf dem Grat zwischen Abstraktion und religiöser Figurenmalerei gewesen sein, dank dem seine Nachfolger ein starkes Pfand hatten, um sich gerade noch gegenständlich oder mit Entschiedenheit abstrakt auszudrücken. Kerkovius verlieh den ihr anverwandelten Bildern ihres Lehrers sozusagen eine poetisch-phantasievolle Anmut, deren Mangel man ihm, dem Theoretiker, zuweilen ankreidete. Noch einmal zitiere ich Gertrud Tonne, die von der Zartheit schwärmte, die der Umgang mit dem geometrischen Formenkanon im Sinne von Kerkovius haben konnte: »Wir erlebten, wie diese Striche auf dem Blatt eine besondere Aussage erhielten. Wir konnten aus einem solchen Strichgefüge mit Phantasie aussagende Figuren wie Mensch, Tier und Pflanze herauslesen. Wir wurden dazu angeregt, unser verstecktes kindliches, spielbereites Herz aufzudecken.«

Gertrud Tonne blieb jener figürlichen Welt am meisten verhaftet, entwickelte auch die pastorale Stimmung, die schon Hölzels Werk in sich trug, weiter und schuf farbsinfonische Phantasielandschaften und hell erleuchtete Blumenfelder am Gefilde des Idylls. Ganz anders sehen wir die Arbeiten Albert Haberers, der die hintergründig-leidenschaftliche Glut der Kompositionen mit einem rational bestimmten Formgefühl kombinierte, als hätte Paul Klee Pate gestanden. In der Bedeutung ist das Schaffen Haberers am eindringlichsten. Mit kräftigen Farbfeldern setzt er sich auch in weiten Teilen über die Hölzelsche Farbenlehre hinweg, wo diese noch der Aufbruchphase zur Moderne hin verpflichtet ist. Wenn Adolf Hölzel sein Werk vor der Kulisse seiner Theorie erschaffen musste, so konnten seine Nachfolger sich, zumal in der Generation von Gertrud Tonne und Albert Haberer, befreiter auf die schöpferisch-kreative Arbeit einlassen.

Das Spannende unserer Ausstellung sind die unterschiedlichen Formen der Distanzierung vom Naturvorbild, die sich am stärksten in den späten Positionen von Haberer und Gertrud Tonne äußern. Spannend sind aber auch die Bruchstellen, die ich Ihnen fast unterschlagen hätte. Keineswegs führt die Linie nahtlos von Hölzel über Kerkovius hin zu Haberer und den anderen. Haberer ging dem Beruf des Innenarchitekten und Fachzeitschriftenredakteur nach, blieb Künstler eher nebenbei, bevor er sich 1973 ganz der Malerei verschrieb. Gertrud Tonne schwelgte in licht durchfluteten Landschaften, bevor sie in ihrem Spätwerk ein erstaunlich freies, leichtes – um nicht zu sagen: jugendliches – Verhältnis zur Kunstwelt entfaltete. Man kann kaum glauben, dass diese ornamental oder in Kreisen zirkulierenden Arbeiten einer Künstlerin im achten Lebensjahrzehnt sind....