Meldungen zum Kunstgeschehen

Aus der Eröffnungsrede: Kunst im Kreis, Kunstverein Böblingen, bis 10. Mai 2013

Die Ausstellung präsentiert einen Überblick über die Vielfalt des Böblinger Kunstvereins - immerhin rund 60 Positionen. Günter Baumann informiert Sie in seiner Eröffnungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken, über Kreisreformen, Künstlerkreise und Konzentrationen.

(…) »Denn nur gemeinsam Wohl beglückt Verbundene.« (…) Es ist klar, dass ich in meiner Einführung kein umfassendes Bild von annähernd 60 Künstlern vermitteln kann, wenn ich nicht Gefahr laufen will, eine Verlesung der Namen als unoriginelle Performance darzubieten – es geht ja auch nicht um Thiemes Künstlerlexikon. – Idee dieser Ausstellung war es, nahezu zeitgleich zu einer themenbezogenen und jurierten Mitgliederausstellung wie der »Annäherung«, die in Kooperation mit der GEDOK in Karlsruhe 2012 geplant wurde und nach der Böblinger Präsentation im Rahmen der Jahresmitgliederausstellung (…) in Karlsruhe zu sehen sein wird, eine nicht jurierte Schau zu zeigen, deren Anlass nicht zuletzt die Kreisreform vor 40 Jahren ist und eben der Vielfalt eines Landkreises gerecht werden will. (…)

(…) Thematisch kann man in der Ausstellung einige Gruppen ausmachen, bei denen die Abstraktion die Gegenständlichkeit etwas überwiegt. Allerdings bringt sich die gegenständliche Malerei gewichtig ins Spiel: Klaus Behringers Hotel-Phantasmagorie »Hotel Suize« und H. P. Schlotters Bild »Eine Art Verrichtung« markieren großformatig den Übergang der Ausstellungsseiten im Haus und nehmen damit eine prominente Stelle ein. Dagegen verweist der schmale »Leuchtturm« von Gesine Hensler im selben Raumsegment gegenüber darauf, dass es sich lohnt, in der Schau auch die kleineren, eher stillen Formate zu beachten. Immerhin war es tatsächlich Ziel der Ausstellung, eher die mittleren Größen zu favorisieren, was natürlich rein pragmatische Gründe hatte.

Mit Behringers Gemälde klingt das Motiv des Architektur- bzw. Städtebilds an, das uns ganz unterschiedlich hier und da begegnet: In sich spiegelnden, wie von Chuck Close parzellierten Facetten ist der Böblinger »Schlossberg« von Karin Allmendinger zu sehen – ein Tribut an den historischen Kern Böblingens und Heimstätte des Kunstvereins – ; innerstädtische Motive spiegeln sich auch in den Digitalfotografien von Monika Kraft-Laumen; die Tageszeiten erzeugen sowohl bei Heide Welfonders »Spätem Licht« wie auch in dem Diptychon »Day« und »Night« von Silvia Esslinger poetische Einblicke in die Stadt; einen thematischen Fokus werfen dagegen Heidrun Bulling und Annette Rappold auf den urbanen Bereich, erstere mit den Hafenstimmungen »Bei den Docks« und »Im alten Hafen«, zweitere mit einem grellfarbigen Blick auf eine Fußgängerzone.

Naturhaftes und Landschaft bieten zum einen Bärbel Gallenmüller, Ulrike Gotowicz, Almut Gunia, Rita Reusch und Heide Welfonder, die beweisen, dass es so viele Zugänge für Blumen- bzw. Pflanzenmotive gibt wie Künstler, von den unterschiedlichen Techniken zu schweigen. Explizit auf die Landschaft beziehen sich Annette Schmelzle-Böhmländer mit sinnfälligen Chiffren sowie – mit protokollhafter Genauigkeit im Titel und einem leichten Anflug in die Abstraktion – Jürgen Zeller in »Monte della Volpe 20.VII.2005«; nah an der Landschaft im urbanen Umfeld sind auch Gudrun Renner mit ihrer ironisch-verfremdeten Fotografie »Die unter der Sonne« und Linde Wallner, die das für die Plastik sehr seltene Landschaftsmotiv mit dem fragilen Material der Keramik bearbeitet. Gyöngyi Lutz sucht das naturhafte Motiv in der Abstraktion, findet aber auf dem Malgrund des Teppichs durchaus konkrete Strukturen. Heidrun Jahns »Begegnungen« spannen im Gegenzug die figurative Vorlage in einen abstrakten Kontext. In das Themenfeld der Natur gehören auch der Grandseigneur Hans Bäurle mit seinen kraftvoll-farbigen, spielerisch-frechen Metamorphosen sowie Waltraud Wellmann, die sich namentlich dem Heckengäu widmet, das eng mit der Schafzucht zusammenhängt, was die enge Motivwahl erklärt.

Die reine Figuration ist vergleichsweise selten vertreten, aber durch verschiedenste Techniken auffallend präsent: Neben Bäurles Natur- und Wellmanns Tierbildern sind hier zu nennen die anthropomorphen Vogelzeichnungen von Claudia Fischer-Walter, die geheimnisvollen und ins Phantastische übergehenden Farbstiftblätter Ines Scheppachs; eine andere Weise phantastischer Vergegenwärtigung präsentiert uns Klaus Kugler in einem 16teiligen Motivturm aus seinem Dante-Zyklus; wie weit die Phantastik reicht, zeigt zudem Agnes Schmidt-Schöne in ihren flächenbetonten Mischdrucktechniken. Von verwegener Auflösung sind die nur aus konzentrierter Nahsicht erkennbaren Erinnerungs- oder besser: ›Vergessenen‹-Bilder Jürgen Klugmanns begriffen, während sich der »Pharao« von Carola von Gera mächtig in Szene wirft. Sehr eigenwillig konfrontiert Heide-Grit Sauer das figurative Element mit handschriftlichen Interventionen, dagegen ist es die Modeindustrie, an der Brigitte Staub das Menschenbild spiegelt.

Von der Natur geht es freilich auch rasch in freie Formen sowohl konzeptioneller wie abstrakter Art über. Meditativ sind eine Reihe von Arbeiten zu bezeichnen, Gérard Krimmel nennt seine naturhaft inspirierten Tusche-Acryl-Arbeiten selbst »Meditationen«. Die anderen Werke mögen titellos sein wie bei Edeltraud Bohnet-Felsenhorst, oder nummeriert wie etwa bei Hannelore Gontrum, sie mögen sich in bewegten, sprechenden, technischen oder rätselhaften, sogar politischen Titeln wiederfinden wie bei Petra Bäurle, Barbara Bäuml, Edith Foghel, Marius Müller, Hildegard Niedermeier, Susanne Ritterhoff-Boehnke, Cornelia Scheiwein-Luley oder Iris Caren von Württemberg: Deutlich treten immer wieder auf den Leinwänden oder auf anderen Malgründen seelische Stimmungen zu Tage, in die sich der Betrachter versenken kann – um eine ihm gemäße Gefühlswitterung aufzunehmen. In seriellem Denken nehmen andere Künstler die Abstraktion auf: Christel Friedmann mit ihren minimalistischen »Linien«, Andreas Naß in Miniatur-Kompositionen und Ingeborg Müller mit rasanten, die Realität bewusst verzeichnenden Fotografien; und die Papierreliefs von Sylvia Faragó, deren Trilogie »Desert« erscheint lyrisch geerdet – ist die Materialpoesie hier ganz gegenstandsfrei, wird diese in den Arbeiten von Gertrud Buder und Ingrid Zerfass in filigraner Frottagetechnik oder in Acryl-Lack-Bildern gegenständlich förmlich aufgeladen (…). Als Serien kann man schließlich auch die Schriftbilder von Rea Siegel Ketros auffassen, und selbst das naturhafte Textilobjekt »Dunkler Lavendel« von Ute Ruppert atmet den Geist der seriellen Gestaltung.

Es bleibt noch ein kurzer Schwenk über die plastischen Arbeiten, von denen ich bereits einige genannt habe. Auch hier sind abstrakte und figurative Motive in einer guten Balance: die Stahlplastiken von Stefan Fass finden in beiden Positionen ihren Ausdruck. Auch Susanne Gaspar arrangiert hier kleinteilige Figuren wie freie Formen zu chiffrenreichen Modellräumen zusammen, die zwischen den besagten Positionen wechseln. Linda Krimmel ist mit hintergründig-witzigen bis hin zu anarchischen Geschöpfen vertreten, und auch Stephanie Brachtl setzt auf gegenständliche, nicht minder gewitzte Arbeiten – eines ihrer Objets trouvés heißt sinnigerweise »Standort Böblingen«. Hans Mendler verlegt sich auf kauzig-expressive Figuren, Vera Rechke dagegen auf formal-abstrakte, naturnahe Skulpturen. Wie sehr gerade die Skulptur von ihrer räumlichen Umgebung lebt, können Sie am besten bei Tageslicht sehen. Thomas Dittus bringt am Fensterplatz eine Diabas-Holz- Plastik mit Plexiglaskopf zum Leuchten, und selbst die Keramikstele von Linde Wallner scheint im Licht zu strahlen. (…) Nicht vergessen will ich die Boden-Installation von Jenny Winter-Stojanovic, die sich sinnlich und heiter zugleich auf zwischenmenschliche Beziehungen einlässt, die zum einen die Mutterrolle parodieren, zum anderen mit Kindheitsträumen umgehen (…).

»Wir sind einer für den anderen Pilger, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern«, schrieb Antoine de Saint-Exupéry in seinem »Bekenntnis einer Freundschaft«. Das (…) Hängeteam des Kunstvereins hat dafür gesorgt, dass die Besucher dieser Ausstellung auf verschiedenen Wegen zum künstlerischen Leben des Kunstvereins hingeführt werden – Treffpunkt Landratsamt. Das Team ließ sich leiten von Farb- und Formatrhythmen entlang der Flure, Foyer-Raume und zur Empore hinauf, nicht ohne die Präsenz der Techniken zu vernachlässigen. (…)