Ausstellungsbesprechungen

Begegnung der Bilder. 25 Jahre Sammlung Photographie, Moritzburg, Halle (Saale), bis 7. April 2013

Die Stiftung Moritzburg feiert mit der Sonderausstellung das 25-jährige Bestehen ihrer Sammlung Photographie, deren Aufbau seinerzeit mit der Übernahme des Nachlasses von Hans Finsler begann. Und – dies sei vorweggenommen – sie feiert das Jubiläum in ohne Einschränkung gelungener Form. Dirk Suckow berichtet.

Im lichten Obergeschoss des Nordflügels finden die aus den Beständen ausgewählten Arbeiten ausreichend Raum, um vor weiß gefassten Wänden und bei zurückgenommener Beschriftung ihre Wirkung entfalten zu können. Sammlungsleiter T.O. Immisch folgt in seiner Ordnung der Bilder keiner chronologischen Gliederung oder einem Arrangement nach Bildautoren, Techniken oder ‚Schulen‘, sondern findet diese vielmehr in den Sujets und ihrer fotografischen Inszenierung selbst. Präsentiert werden die Bilder unter siebzehn Oberbegriffen, deren Spektrum von »Portrait« und »Körpersprache« über »Arbeit« und »Material« bis zu »Schatten«, »Raumschnitte« oder »Rücken« reicht. Damit öffnet sich ein reiches Assoziationsfeld und der fotohistorisch oder fotografisch weniger bewanderte Besucher wird von Vornherein zum vergleichenden Betrachten eingeladen.

Dieses Vergleichsangebot und die Aufforderung, das Wechselspiel zwischen bewusster Korrespondenz und zufälliger Nachbarschaft auszuloten, überzeugt in jeder der mal umfangreicheren, mal kleineren Bildgruppen. So lässt sich eingangs unter der Rubrik „Portrait“ etwa anhand von zwölf kaum mehr als passbildgroßen Fotografien die permanente Selbstbefragung studieren, die Helga Paris im letzten Jahrzehnt der DDR vornahm.

In unmittelbarer Nähe kontrastiert die intellektuell-selbstgewisse Denkerpose des 1919 von Louis Held ins Bild gesetzten Architekten Walter Gropius eindrucksvoll die verhalten tastende Weise, in der ein unbekannter Bauer seine von harter körperlicher Arbeit geprägte Hand zum Kopf führt (Horst E. Schulze). Subtil wird die Choreografie gerade dort, wo sich auf den ersten Blick Verwandtes bei näherem Hinsehen als geradezu antagonistisch entpuppt. Wie etwa in den beiden Maschinenarbeitern von Lewis Hine und Arkadi Schaichet. Bei Hine, wichtiger Vertreter der amerikanischen sozialdokumentarischen Fotografie, wird der Arbeiter - seinem Athletenkörper zum Trotz - gleichsam zum kleinen Rad im großen Getriebe. Seine Rückenlinie nimmt die Krümmung des runden Maschinenteils auf, die Bewegungen scheinen ganz im Sinne des zeitgenössischen Taylorismus den Erfordernissen von Gewinnmaximierung durch Zeitersparnis angepasst. Unwillkürlich fühlt man sich an Chaplins Film »Modern Times« erinnert. Bei Schaichet dagegen ist der perspektivisch privilegierte Komsomolze Herr über die Maschine, dreht im übertragenen Sinn zugleich am Rad der Geschichte und verweist auf Maxim Gorkis Konzeption des sozialistischen Helden, zu dem im Alltag praktisch jeder werden könne.

Selbstredend ist der Vergleich auch zwischen den Bildgruppen angelegt. So könnte das Selbstporträt von Witkacy, dessen gleichsam zersprungenes Ich unter »Kreative Fehler« eingeordnet ist, genauso gut der Rubrik »Selbstinszenierung« zugewiesen werden. In selbiger findet sich unter anderem Evelyn Richters frühe und wunderbar ironische Eigendarstellung als neodadaistisches Mischwesen aus Mensch und Technik. Arkadi Schaichet – wiederum und mit ihm die sozialistische Utopie – begegnen nochmals unter dem Begriff »Glühbirnen«. Sein Bild verkündet dort die Ankunft des Fortschritts noch in der ärmsten Hütte in Gestalt von »Iljitschs Lämpchen« und setzt damit Lenins Diktum - Kommunismus = Sowjetmacht plus Elektrifizierung des gesamten Landes - propagandistisch wirksam in Szene.

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Dem gleichen Kontext können die Fotografien Max Alperts zugerechnet werden, die unter der Rubrik »Arbeit« vom Bau des Ferghana-Kanals in Usbekistan in den 1930er Jahren erzählen. Leuchten darf neben der proletarischen Revolution aber nicht weniger die Welt des Konsums, der Unterhaltung und des Luxus, so etwa in den »Lichtarchitekturen« von Walter Dexel und Max Krajewski oder in dem grandiosen Rückenbild mit exquisitem Korsett von Horst P. Horst. Viele Sujets und Inszenierungen verdienten an dieser Stelle eine ausführlichere Erwähnung. Sie drehen sich um Standeszugehörigkeiten (August Sander, Christian Borchert), künstlerische Gegenwelten der späten DDR (Sven Marquardt), erotische Projektionen (Man Ray, Helmut Newton), den Rausch der Geschwindigkeit (Oskar Nerlinger) und vieles mehr, dem aber mit gutem Grund nicht vorgegriffen werden soll. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich dabei von den frühen Jahren der Fotografie (David O. Hill/Robert Adamson) bis in die jüngere Vergangenheit.

Trefflich gesetzt sind die wenigen farbigen Akzente in der wesentlich von Arbeiten in Schwarz/Weiß geprägten Zusammenstellung. Cindy Sherman, die mit »Ancestor« aus dem Jahr 1985 vertreten ist, erlangte nicht zuletzt mit derlei fotografischen Selbstporträts in diversen Kostümierungen internationalen Ruhm. Das Gegenstück an Bekanntheit ist gewissermaßen der in Wolfen geborene Wolfgang G. Schröter (1928-2012), der mit seinem ungemein ausdrucksstarken Fotogramm einer jugendlichen Tänzerin aus den 1960er Jahren überrascht. Es stellt – gemeinsam mit anderen Arbeiten ostdeutscher Fotografen – gleichsam eine Ergänzung zur Ausstellung über künstlerische Fotografie in der DDR dar, die als großer Erfolg bei Publikum und Kritik vor kurzem in der Berlinischen Galerie zu Ende ging.

Angesichts dieser facettenreichen Auswahl und der gelungenen Präsentation sieht man der Schau kleinere Unstimmigkeiten in der Beschilderung sowie im Begleitmaterial nach. Etwa wenn sich die Lebensdaten des ebenfalls gezeigten Wols (1913-1951) in einer Beschilderung zu Sybille Bergemann (1941-2010) wiederfinden oder der von Jan Saudek vermerkte Bildtitel »Oh! Those fabulous Brom sisters!« unmittelbar darunter in »Oh these fabulous Brom sisters« umgewandelt wird. Bedauern mag man zudem, dass gleich ein halbes Dutzend der im opulenten Leporello angekündigten Fotografien (beispielsweise von El Lissitzky oder Antanas Sutkus) nicht zu sehen sind. Dies ändert gleichwohl nichts am hervorragenden Gesamteindruck der Ausstellung, die auf ihrer Tour d'Horizon die Entdeckung von bislang nicht gezeigten Bildern wie die Wiederbegegnung mit bekannten Arbeiten gleichermaßen ermöglicht. Dass bei einem Bestand, der seinen Ausgangspunkt mit Hans Finsler hat, auch dieser Großmeister der Inszenierung von Material und Form seinen gebührenden Platz findet, muss wohl nicht eigens hervorgehoben werden. Wessen Neugier auf das Spektrum der Sammlung mit der Ausstellung noch nicht gestillt sein sollte, dem sei der Gang in den Westflügel nahegelegt, wo in wechselnder Auswahl weitere Fotografien präsentiert werden, zurzeit unter anderem Arbeiten von Karl Blossfeldt, Albert Renger-Patzsch sowie Alexander Rodtschenko.