Buchrezensionen

Cathrin Hauswald: Alvin Langdon Coburn. Photographie zwischen Piktorialismus und Moderne, transcript 2018

Komplexe Muster aus Licht und Linien, die sich zu kristallinen Konturen formen, kennzeichnen die Arbeiten Alvin Langdon Coburns. Er gilt als Pionier der abstrakten Fotografie. Dennoch wurde sein Werk bisher wenig beachtet. Cathrin Hauswald schafft mit ihrer Dissertation Abhilfe. Rowena Schubert-Fuß ist nach der Lektüre zwiegespalten.

Kunstfotografie um 1900 ist im Wesentlichen ein teures und zeitintensives Hobby der Oberschicht. Auch der 1882 in Boston geborene Alvin Langdon Coburn gehört dazu. Der Sohn eines Unternehmers entwickelt bereits mit acht Jahren eine Leidenschaft für das neue Medium. Das Aufkommen von Sofortbildkameras mit Rollfilmen zu der Zeit sorgte dafür, dass die Fotografie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde.

Doch dem Dandy aus gutem Hause genügte die Sofortbildästhetik nicht. Langdon Coburn gehörte zu einer Reihe von intellektuellen Fotografen, die die Fotografie nicht nur als hilfswissenschaftliches Instrument sahen. Die Debatten um die Frage, ob sie Kunst sein kann, legten den Grundstein für die piktorialistische Bewegung. Coburn ging allerdings noch einen Schritt weiter. Denn seine Bemühungen richteten sich darauf, die Fotografie aus ihrer Abhängigkeit von der sichtbaren Wirklichkeit zu befreien. 1902 tritt er der Photo-Secession um Alfred Stieglitz bei. Kaum ein Jahr später wird er in den Brotherhood of the Linked Ring aufgenommen, einer Vereinigung, die sich der Entwicklung der Fotografie zum künstlerischen Ausdrucksmittel verpflichtet fühlte.

Durch Ezra Pound wird Coburn 1912 schließlich mit den englischen Kubisten bekannt. Mittels eines Spiegelprismas, das vor der Kameralinse installiert wird, entwickelt er daraufhin seine »Vortographs«. Diese Aufnahmen zeigen zersplitterte Formen – ganz nach Pounds Diktum, wonach die Vortografie das Medium von seinen »materiellen Grenzen« befreie und es dem Fotografen ermögliche, sein Augenmerk allein auf die formale Ausgestaltung zu legen. Wie erwartet, stießen die Vortografien zunächst auf großes Unverständnis. In jedem Fall markieren sie einen Wendepunkt in Coburns Leben. 1918 kehrt er der professionellen Fotografie den Rücken und beschäftigt sich fortan mit Freimaurerei, Spiritualismus und Druidentum.

Zeitlebens arbeitete Coburn in seinen Essays, den Selbstporträts und seiner Autobiografie an der Inszenierung seiner eigenen Persona. Bei dieser handelte es ich um »Coburn, der Kunstphotograph«, wie die Autorin in einem umfangreichen Kapitel zur Selbstinszenierung deutlich macht. Sie zeigt anhand ausgewählter Beispiele die verschiedenen ästhetischen, programmatischen und konzeptuellen Verfahren auf, die für Coburns Werk bedeutsam sind. Ihre Einzelanalysen sind dabei äußerst konzise und führen zu logisch nachvollziehbaren Ableitungen.

So steht für Coburn der Künstlerbegriff in einem größeren Gesamtzusammenhang. Wie er in seinem Essay »Die Photographie und die Suche nach der Schönheit« schreibt, ist »Kunst selbst eine Art Religion«, unabhängig davon welcher Konfession der Künstler noch angehören möge. Diese Selbststilisierung des Künstlers zum Priester, Propheten, Heiligen und Messias gehört zu den Signaturen der literarischen Moderne. Interessant ist auch wie sich Coburns Verhältnis zur Kamera änderte. Spricht er 1913 noch von seiner Hingabe an die Kamera (»devote myself to the camera«), wandelt es sich 1954 zur Nutzung einer Kamera (»been using a camera«). Dieser sprachlich fassbare Wandel von der Verkörperung eines fotografischen Ideals mit Leib und Seele zum sachdienlichen Gebrauch einer Gerätschaft, zeichnet die Verschiebung im Machtverhältnis Coburn/Kamera nach. Weiterhin beschreibt Coburns Sprache mythologisch die Bedeutung des Fotografen für die Fotografie und für die Kunst selbst. Dieser ist nicht nur ausführendes Organ, sondern auch Ritter bzw. Kämpfer für die Schönheit. Kurz: ein Held.
Seinen Heldenstatus zementiert Coburn schließlich mit seiner Autobiografie, die kurz vor seinem Tod 1966 erscheint. Hauswalds Analyse fällt bemerkenswert nüchtern aus. Die Veröffentlichung ist gesättigt von spirituellen Erkenntnissen und Randinformationen, präsentiert Abbildungen, deren Auswahl nicht erklärt wird. Dem Rezipienten wird ein persönlicher Blick auf Coburn verwehrt. Ihm wird lediglich ein bestimmtes Bild vom Autor vermittelt, lautet ihr Fazit.

Alvin Langdon Coburn war der erste Fotograf, der wortwörtlich abstrakte Fotografien anfertigte. Darin liegt seine Bedeutung für die Fotografiegeschichte. Auch schrieb er als Erster über die Notwendigkeit einer entfesselten unkonventionellen Fotografie. Der Autorin ist es gelungen ihn in diesen Kontext zu verorten, obschon die Dissertation dadurch stellenweise zu einer reinen Darstellung der Fotografiegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts gerät – mit den klassischen Spannungsfeldern Unikat/Serie, Kunstreligion/Technikfaszination und Stimmung/Abstraktion.
Insofern eignet sich das Buch für alle, die mehr über die Kunstfotografie um 1900 erfahren wollen und daneben, welche Rolle sie im Leben von Alvin Langdon Coburn gespielt hat.

Titelangaben

Cathrin Hauswald
Alvin Langdon Coburn. Photographie zwischen Piktorialismus und Moderne
transcript, ISBN 978-3-8376-4193-6, Ladenpreis 39,99 €