Buchrezensionen

Cees Nooteboom: Über das Kloster Kōzan–ji und die und die berühmten Tierzeichnungen der Chōjū-giga. Schirmer&Mosel Verlag

Den niederländischen Schriftsteller Cees Nooteboom (*1933) hat es von frühester Jugend an immer wieder in die weite Welt hinausgezogen, – zunächst als Tramper, dann wieder und wieder auf jede erdenkliche Weise in alle Kontinente. Davon zeugen nicht nur seiner Reisereportagen. Auch in vielen seiner Romane ist die Weltläufigkeit seiner Erfahrungen eingewandert. Walter Kayser hat sich genauer angesehen, wie Nooteboom jüngst ein buddhistisches Kloster im Bergland von Japan erlebte.

Cover © Schirmer&Mosel
Cover © Schirmer&Mosel

 Vor Jahren, als er die 80 längst überschritten hatte, wurde der niederländische Autor gefragt, von welchen Zielen er in der verbleibenden Zeit noch so träume. Er wolle, antwortete er, noch einmal zusammen mit seiner Frau in Japan auf einer der berühmten Pilgerrouten von buddhistischem Kloster zu Kloster wandern. Diesen Traum hat er sich im Jahre 2014 mit dem Saigoku–Pilgerweg zumindest teilweise erfüllt. Sozusagen als Nachklang hat nun der Münchner Verlag Schirmer&Mosel ein kleines Büchlein vorgelegt, das von einem Besuch eines ganz besonderen Zen–Klosters im Norden von Kyoto erzählt. Es ist eine Art Meditationsbrevier.
Kōzan–ji ist vor allem geschätzt wegen zweier Dinge: Zum einen wegen der Intimität des Ortes, seiner Einbettung in die bewaldeten Hügel mit ihrer erhabenen Ruhe und einzigartigen Herbstlaubfärbung. Denn das zuallererst unterscheidet dieses von vielen anderen Klöstern, wo das alte Japan unbarmherzig hart und schrill mit der Gesichtslosigkeit und Hektik hypermoderner Industriezonen aufeinanderprallt. Cees Nooteboom beschreibt bereits den Weg in diese Abgeschiedenheit als Vorbereitung auf jene spirituelle Erfahrung, die ihn im Angesicht des Gartens einnahm, der nahtlos die Architektur in die Natur fortsetzt.

Zum anderen beherbergt das Kloster ganz besondere Bildrollen aus dem frühen 13. Jahrhundert. Sie sind bis zu 11 Meter lang und stammen offensichtlich von verschiedenen Händen. Auf ihnen sind lustige Tiere dargestellt, Kröten, Füchse, Hasen, Affen. Sie purzeln durch die endlose Banderole, verkleiden sich, balgen, baden, schießen mit Bambusbögen oder persiflieren eine buddhistische Pilgerfahrt. In jedem Fall tragen sie sehr anthropomorphe Züge und benehmen sich auch sonst menschlich–allzumenschlich, um nicht zu sagen kindisch. Man könnte sie deshalb mit Fug und Recht als die allerersten Comicfiguren der Weltgeschichte bezeichnen und in ihnen auch frühe Vorläufer der heute in Japan so beliebten Manga–Animationsfilme sehen. Es ist nicht ganz statthaft, aber doch schier unglaublich, wenn man ihre geschmeidige Bewegtheit neben die steifen Heiligenfiguren der zeitgleichen europäischen Romanik hält. Uns mögen die drolligen Tiere an Disneys »Dschungelbuch«, »Bambi« oder auch an Zeichnungen von Wilhelm Busch erinnern; innerhalb der buddhistischen Tradition hat die satirische Komponente bei aller Eingängigkeit gleichwohl den Zug eines weisen Clowns, welcher der »Wirklichkeit« spottet, weil diese im Lichte einer tieferen Einsicht als bloße Erscheinung zurücktritt und an Bedeutung verloren hat.

Cees Nooteboom hat Japan etliche Male besucht. Für ihn, den Weltenbummler, ist Nippon zum Sehnsuchtsort geworden. Dennoch gibt er nicht vor, ein Kenner in diesem oft so fremden »Reich der Zeichen« zu sein (als welches Roland Barthes seinerzeit die japanische Inselwelt erschien). »Das eigentliche Wesen des Reisens«, so lautet das glaubwürdige Bekenntnis, »besteht darin, sich allem hinzugeben, dem man begegnet«. Der Stil des Schriftstellers zeugt von dieser großen Unvoreingenommenen. Völlig unprätentiös, mit unverstellter Subjektivität schreibt er von der Fahrt im öffentlichen Bus, von den Stufen der Waldpfade, die zu dem auratischen Bezirk hinführen. Aber dann (und erst dann) kann sich ereignen, was für den spirituell begabten ehemaligen Zögling des Augustinianum in Eindhoven auch in seinen Romanen und Gedichten typisch ist: die sachliche Beschreibung dessen, was sich den Augen darbietet, mündet im nächsten Augenblick in einen mystischen Zustand. Die Worte werden tastend gesetzt, als würde ein Selbstgespräch protokolliert. Der Erzähler bedient sich dabei des Präsens, sodass das 13. Jahrhundert, in der dieses Bergkloster entstand, die zurücklaufenden und vorausgreifenden Gedanken und die fiktive Gegenwart des Besuchs – die sich ja wiederum unterscheidet vom Augenblick des Lesens – irgendwie in einem undefinierbaren Zeit–Raum–Kontinuum zusammenfließen: »Die Lebensdaten derer, die ich erwähnt habe, liegen weit in der Vergangenheit, aber wer sagt, dass 2020 nicht eine absurdere Zahl ist als 835 oder das Gründungsjahr des Klosters, 1133, es ist, als hätte ich ein paar Zahlen in einen Kasten geworfen, um mit ihnen zu spielen. Denn was ist wirklich?«

Die Bilder hat wieder einmal Nootebooms Frau, die Fotografien Simone Sassen, beigesteuert. Im ersten Teil sind Naturaufnahmen zu sehen, der Weg zum Ziel, das Kloster selbst mit seinem leicht ausschwingendem Dach und vor allem der grandiose Ausblick über seinen Garten in die bewaldeten Hügel. Im zweiten Abschnitt werden dann die herumtollenden Tiere der bedeutendsten Bildrolle Nr. 1 exemplarisch wiedergegeben. Doch leider muss man sagen, dass es schon das kleine Format nicht erlaubt, dass die Fotografien auch nur annähernd eine gebührende Atmosphäre entfalten können.
Es passt gut zu den Kapriolen schlagenden Tieren, dass die Pointe dieses Büchleins darin besteht, dass es sich mit einer zwar geplanten Reise, dann aber doch der dem Corona–Virus zum Opfer gefallenen Fahrt beschäftigt. So ist daraus eine imgainäre Expedition quer durch die Zeit und die Erinnerung geworden.


Cees Nooteboom: Über das Kloster Kōzan–ji und die und die berühmten Tierzeichnungen der Chōjū-giga
Mit 16 Fotografien von Simone Sassen und 18 farbigen Zeichnungen
Schirmer&Mosel Verlag, München 2020
86 Seiten
ISBN 978–3–8296–0892–3

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