Buchrezensionen, Rezensionen

Christian Ehrentraut (Hg.): Ruprecht von Kaufmann. Werke 2007-2010, Hirmer 2011

Die Monografie gibt Einblick in das zutiefst verstörende, formal absolut beeindruckende Werk des 1974 in München geborenen Künstlers. Im Werkzentrum stehen Gefahrensituationen, Abgründe menschlichen Lebens und die gerne verschwiegenen Krisen, die unsere Gesellschaft konstant erschüttern. Um diese Schattenseiten lässt Ruprecht von Kaufmann jedoch absurde Motive ranken, die uns das Schreckliche für einige Augenblicke ertragbar machen. Unsere Autorin Verena Paul hat sich den reich bebilderten Band für Sie angesehen.

Die vorliegende Publikation richtet ihren Blick auf vier Jahre künstlerischen Schaffens Ruprecht von Kaufmanns und zeichnet anhand von drei spannend zu lesenden Textbeiträgen die imposanten Entwicklungen in diesem Werkabschnitt nach. In ihrem Beitrag »Ich sehe was, was du nicht sehen willst« gewährt beispielsweise Nicola Graef dem Leser Einblick in die facettenreiche, abgründige Welt der Arbeiten von Kaufmanns, die sich an die Fersen des Grauens geheftet haben, ohne dieses jedoch unmittelbar aufzuzeigen. Es scheint ein vorsichtiges Herantasten an, wie die Autorin es formuliert, »das Fiese, das Gemeine, das Auswegslose – nie verbittert, nie zynisch, sondern todtraurig, lachhaft absurd«. In seinen Bildern gehe es immer wieder um unsere Gesellschaft, um uns und »was uns droht, wenn wir nicht endlich aufwachen. Denn nicht wer schlecht träumt, ändert sich, sondern wer auch im Tageslicht die Augen offen hält«, so das bündige Fazit Graefs.

Mark Gisbourne widmet sich in seinem Essay »In entrückten Gefilden« den Entwicklungen und Konstanten, die das Œuvre in den Jahren 2007 bis 2010 prägen. Einer dieser sich durch das Werk schlängelnden roten Fäden ist die künstlerische Inspirationsquelle: Die meisten Bilder seien »Passagen aus Träumen und Erinnerungen. Sie speisen sich aus persönlichen, vertrauten Dingen und aus Gegenständen der Vorstellung«. Anhand der Werkreihe »Medea«, mit welcher Ruprecht von Kaufmann 2007 begonnen hatte, könne – laut Gisbourne – eine Abkehr von den visuellen Mitteln der so genannten „Schwarzen Bilder“ diagnostiziert werden, da nicht nur eine Verlagerung vom Schwarz zum Grau stattgefunden habe, sondern zudem »vom Eindruck der geisterhaften Erscheinung hin zu dem einer größeren figurativen Präsenz«.

2008 folgt die Serie grauer Bilder unter dem Titel »Nebel«, die Aspekte des Familienlebens und persönlicher Erlebnisse mit surrealen Vorstellungen verschmilzt. Grau sei für den Künstler aber keineswegs Ausdruck von Tristesse, denn er liebe an dieser Tonalität, wie der Autor erklärt, die »unendlich feinen Abstufungen, die sich zwischen Schwarz und Weiß erzeugen lassen«. 2009 und 2010 kehrt von Kaufmann wieder »in gewissem Maß zur Welt des Fantastischen und der Bilderbücher zurück«, indem er dem Grau Blau beigesellt und Farbelemente in seine Arbeiten inkorporiert. Neben den Traumbildern in der Malerei, weist Gisbourne in seinem Beitrag weiterhin auf die »bemerkenswerten Materialexperiment[e]« und den »Installationscharakter« einiger Arbeiten von Kaufmanns hin. Dergestalt erkennt er in der 2009 entstandenen »Halbmast«-Serie, deren Werke an Fahnen und Banner gemahnen, »die elementare Einsicht des Künstlers, dass ein Gemälde unabhängig von dem, was es darstellt, immer in erster Linie ein Gemälde und damit ein materieller Gegenstand ist«. Auch mit der Reihe »Äquator«, die ein Jahre später entwickelt wurde, habe Ruprecht von Kaufmann die Grenzbestimmungen der Malerei in Frage gestellt, wobei er, so das präzise formulierte Fazit Mark Gisbournes, »nie die Inhalte und das vorrangige Streben aufgegeben [hat], malend Bilder zu erzeugen, wie fragmentiert, zerschnitten, umgekrempelt, gewunden oder asymmetrisch installiert diese bemalten Oberflächen am Ende auch aussehen mochten«.

Fortsetzung von Seite 1

Magdalena Kröner schließlich konzentriert sich in ihrem mit »Häutungen« überschriebenen Beitrag auf die Experimentierfreude Ruprecht von Kaufmanns bezüglich der von ihm verwendeten außergewöhnlichen Materialien. Bereits 2006 habe die Suche nach Bildträgern den Künstler zu schwarzen, flexiblen Gummimatten geführt, deren Elastizität und spezifisches Verhalten im Raum „ohne verstärkende Elemente“ nutzbar gemacht werden konnten. Auf diese Weise war es Ruprecht von Kaufmann in jenen Arbeiten erstmals möglich, wie Kröner diagnostiziert, »das Changieren zwischen Bild und Objekt« vorzuführen. 2008 erprobt der Künstler in seiner »Halbmast«-Serie dann erneut eine »originäre Materialität, die den bis dato etablierten Bildbegriff dynamisch ins Räumliche hinein erweitert. Der in mehreren Lagen geschichtete Bildkörper besteht aus bemalter Seide, die mit Fiberglas fixiert wird«. Durch diese Fixierung des Materials wird der Betrachter an skulpturale Faltenwürfe erinnert, womit Ruprecht von Kaufmann an den Grenzen der Malerei rührt. Eine Fortsetzung findet die, wie die Autorin es pointiert beschreibt, »unorthodoxe Verwendung von Bildgründen« mit der 2009 begonnen Werkreihe »Äquator«, die nicht auf Leinwand oder Papier, sondern auf Filz als Malgrund zurückgreift. Insofern wird die Plastizität der »Halbmast«-Arbeiten »durch die Flächigkeit und Glätte des Filzmaterials« abgelöst, das »bemalt und zu Paneelen aufgeklappt« Magdalena Kröner an »Altarbilder oder Theaterkulissen« erinnert. Am Ende ihres Essays verweist die Autorin in ihrem Resumée auf die exponierte Stellung der Arbeitsmaterialien in Ruprecht von Kaufmanns Werken. Denn sie werden eben nicht nur ihrer materiellen Beschaffenheit wegen genutzt, sondern avancieren darüber hinaus zu »symbolische[n] Transmitter[n]«.

Fazit: Eine Publikation, die ein an Gegenwartskunst interessiertes Publikum durch wunderbar zu lesende, informative Texte ebenso überzeugen wird wie durch die 80 farblichen Werkabbildungen in hochwertiger Druckqualität. Durch die Ausgewogenheit von Information und klar strukturierter Werkpräsentation erhält der Leser respektive Betrachter Einblick in das inhaltlich verstörende, perspektivschärfende und formal meisterlich gestaltete Œuvre Ruprecht von Kaufmanns. Ein Prachtband, der mich von der ersten bist zur letzten Seite gefesselt hat und den ich gerne und ohne Einschränkungen empfehlen möchte!

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