Ausstellungsbesprechungen

Das Ruhr Ding: Territorien – bis 30.6.2019

Die Stationen des neues Ausstellungsformats von »Urbane Künste Ruhr« befinden sich gleich in vier Städten des Ruhrgebiets: in Essen, Oberhausen, Bochum und Dortmund. An Hauswänden, in einem ehemaligen Möbelgeschäft, an einem renaturierten Fluss, in einer Trauerhalle, einem Industriedenkmal oder schlicht auf einem asphaltierten Platz wird Kunst nicht nur erfahrbar, sondern lädt die Besucher oft auch zum Mitmachen ein. Im besten Falle erleben die Besucher so hautnah, was das Ruhrgebiet früher und heute ausmacht: das »Ruhr Ding« eben. Susanne Braun hat für PortalKunstgeschichte unterschiedliche Stationen besucht.

Suse Weber - Betonoper: Die Taube (2019) Emblematische Skulptur Stellwerkhaus, Colosseum Westpark, Alleestraße 144 44793 © Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr Stefan Marx - Another Weekend (2019) Wandmalerei, Burgwall 18 , 44135 Dortmund © Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr
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 Ein wenig sieht es aus, wie in einem Zirkus: Mehrere Zelte sind in einem Kreis aufgebaut und hier und da blickt ein überdimensionales buntes Skelett oder ein riesiger zotteliger Hund auf die Besucher herab. In den Zelten befinden sich Schubladen voller Griffe oder kleine Figuren, in einem anderen Kunstblumen oder ein riesiger halbierter Granatapfel. Dieses Kabinett voll skurriler Dinge ist die »Materialverwaltung on Tour«. Hier werden Requisiten von Film– und Fotoshootings sowie Theateraufführungen aufbewahrt und verkauft oder an andere Produktionen weitergegeben. Die Verwendung, die den größten allgemeinen Nutzen hat, wird bevorzugt behandelt. »Es ist ja schade, wenn das sofort nach dem Shooting oder der Aufführung weg geschmissen wird«, erklärt einer der Betreiber, »Es ist nachhaltig, die Requisiten aufzubewahren und weiter zu verwenden. In Hamburg gibt es schon eine dauerhafte Lösung, hier wünschen wir uns, dass wir auch einen festen Ort finden und damit weiter gemacht werden kann«.

Bezeichnenderweise befinden sich die Zelte der »Materialverwaltung on Tour« in unmittelbarer Nähe zur Jahrhunderthalle Bochum. Die Halle ist ein rund hundert Jahre altes Beispiel für nachhaltiges Bauen: Ursprünglich für die Industrie– und Gewerbeausstellung Düsseldorf im Jahr 1902 konzipiert, ist sie danach komplett abgebaut und in Bochum wieder aufgebaut worden. Hier diente sie Jahrzehnte lang als Gebläsehalle für die Hochöfen des Bochumer Vereins. Mittlerweile ist sie ein besonders prominentes Beispiel für die innovative Nutzung von Industriedenkmälern im Ruhrgebiet nach dem Strukturwandel. Die Jahrhunderthalle beherbergt heute große Veranstaltungen wie Oper–, Theateraufführungen oder Konzerte.

In unmittelbarer Nähe führt dann auch Suse Weber in Kooperation mit dem Studiengang »Szenische Forschung« der Ruhr–Universität Bochum »Betonoper: Die Taube« auf. Zu Sounds, die aus einem hohen Turm herunter schallen, bewegt das Team von Suse Weber schwere Steine in einer aufeinander abgestimmten Choreografie. Das Team ist täglich während der Ausstellungszeiten vor Ort und lässt das Publikum den Verlauf der Oper mitbestimmen. »Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn ein Zeichen in unterschiedliche Bedeutungsebenen gekippt wird«, erklärt Suse Weber, »Wir werden dieses Territorium nutzen, um eine Oper aus Sounds zu schaffen. Dafür zerlegen wir zum Beispiel Klänge eines Konzerts aus Brüssel in alle Bestandteile«.

Seitdem der Strukturwandel in der Bergbau–Region massiv vorangetrieben wird, spielt Kunst hier eine immer größere Rolle. Viele denkmalgeschützte Industrieanlagen werden als Veranstaltungsorte innovativ weiter genutzt und sind mittlerweile zu sogar zu einem Aushängeschild für die Region geworden. Bereits seit Jahren ist das Kunstfestival Ruhrtriennale dafür ein prominentes Beispiel, deren Veranstaltungen ausschließlich in Industriedenkmälern stattfinden. Dass die Aufführungen, Ausstellungen usw. immer individuell an diese ungewöhnlichen Räume angepasst werden müssen, macht sie zu einem ganz und gar einzigartigen Erlebnis, das regelmäßig überdurchschnittlich viele Besucher anzieht.

Ende letzten Jahres gab es eine entscheidende Zäsur: Die letzte Zeche des Ruhrgebiets hat endgültig ihren Betrieb eingestellt. Wie eine Art Reminiszenz wirken die Wandbilder von Stefan Marx, die mehrere Hausfassaden dauerhaft zieren werden. Mit weißer Schrift auf schwarzen Grund steht dort zum Beispiel »I love you lots more than you know«. Die Gestaltung soll an einen Finger erinnern, der die Buchstaben in den schwarzen Staub schreibt, der früher im Ruhrgebiet allgegenwärtig war. »Diese Zitate stammen aus Country–Songs von Woodie Guthrie, der das Leben der Bergarbeiter in den USA besungen hat«, erklärt Stefan Marx.

Doch natürlich sind noch viele weitere Spuren im Ruhrgebiet vorhanden, immerhin hat der Bergbau und die daran angegliederte Industrie die Region über Jahrzehnte geprägt. Beispielsweise lebt hier nach wie vor ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, genauso wie die große Liebe zum Volkssport Fußball immer noch an vielen Orten das Leben bestimmt. Dieser Tatsache tragen die Ausstellungen von kitev und bibak sowie von Roderick Buchanan in Oberhausen Rechnung. Die Künstlerkollektive kitev und bibak lassen die Geschichten von Trennung und Verlust in den Gastarbeiterfamilien sichtbar werden. Mit Hilfe von Audio–Material wird deutlich, wie grundlegend diese Erfahrungen manche Schicksale fern von allem Vertrautem geprägt haben müssen. Vielleicht lässt sich so etwas am besten beim Fußball vergessen? Roderick Buchanan jedenfalls versucht auf dem Fußballfeld des Traditions–Vereins »Rot–Weiß Oberhausen« das althergebrachte Freund–Feind–Schema dieses Sports zu durchbrechen. Ein Hexagon–förmiges Spielfeld für drei Mannschaften soll dazu anregen, sich zu verbünden. Inspiriert worden ist der Fußballfan durch den Situationisten Ansgar Jorns. »Mir ist diese Art des Fußballs vorgestellt worden, als ich in London war«, erklärt `Roddy` Buchanan engagiert, »und es hat mich gleich überzeugt«.

Tatsächlich sind es nicht nur Menschen aus dem Ruhrgebiet, die die für die Region relevanten Geschichten für »Das Ruhr Ding« erzählen. Eingeladen worden sind Künstler aus der ganzen Welt. Ohnehin wehrt sich Urbane Künste Ruhr an mehreren Stellen dagegen, den Heimat–Begriff zu eng zu fassen. In der Einleitung zum »Guide« zur Ausstellung beruft sich die Künstlerische Leiterin, Britta Peters, auf François Jullien, der die Fixierung auf eine einzige kulturelle Identität ablehnt. Jullien empfiehlt stattdessen, die Vielzahl an kulturellen Ressourcen als Bereicherung zu betrachten, die allen zur Verfügung stehen und deren Vielfalt es zu erhalten gilt.

So ist »Das Ruhr Ding« mit seinem städteübergreifenden Konzept auch ein Experimentierfeld für innovative Mobilitätsförderung in der Region. Mit Hilfe der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft bietet Urbane Künste Ruhr die sogenannten »Irrlichter–Touren« an, mit denen sich die Stationen der Ausstellung zu Fuß, per Rad und/oder öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden lassen. Die Touren widmen sich ausdrücklich auch der Umgebung rund um die Ausstellungs–Stationen. Bei der innogy Stiftung erhofft man sich davon »spannende Perspektivwechsel und innovative Lösungen«. Tatsächlich ist im Ruhrgebiet immer noch das Auto das beliebteste Verkehrsmittel. Insofern ist bereits das vielfältige Angebot der »Irrlichter–Touren« eine sehr gelungene Innovation.

Wie stark das Ruhrgebiet bereits seit Langem durch unterschiedliche kulturelle Einflüsse geprägt ist, zeigt sich auch im »atelier automatique« in Bochum. Hier hat der »Emanzenexpress« Halt gemacht und gewährt einen Einblick in die feministischen Kämpfe, die hier in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben. Da die Original–Dokumente heute kaum noch zugänglich sind, werden die markantesten Ereignisse in Form von Flugblättern oder Zeitungsartikeln im »atelier automatique« ausgestellt. Ein nicht unwesentlicher Teil des feministischen Engagements bestand darin, türkischstämmigen Putzfrauen vor unrechtmäßigen Kündigungen zu bewahren und sie insgesamt dabei zu unterstützen, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus lässt sich etwa anhand eines Flugblatts aus dem Jahr 1980 nachvollziehen, wie Frauen unter der Überschrift »Mir reicht’s« die Einrichtung eines Frauenhauses zu ihrem Schutz fordern. Im Übrigen ist diese Ausstellung wie auch andere Teil des Online–Projekts memorystations.online der Akademie der Künste der Welt, Köln. Auf dieser Internetseite können Menschen ihre persönlichen Erinnerungen hochladen und sie so für die Nachwelt erhalten.

In Dortmund widmen sich gleich mehrere Stationen dem Rechtsextremismus. Im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) dreht sich die Ausstellung um Rechtspopulismus im Netz. Am Friedensplatz beschäftigt sich Henrike Naumann mit der sogenannten »Prepper–Szene«. Dieses rechtsextreme Netzwerk ist 2018 aufgedeckt worden. Die Mitglieder bereiteten sich mit Waffen– und Kampftrainings auf den Tag X vor, da sie glaubten, dass die Finanzmärkte bald kollabieren und alle Schutz– und Versorgungssysteme zusammenbrechen würden. In diesem Moment hätten sie die Macht übernommen. »Die lebten offenbar wirklich in Angst und glaubten, dass sie sich schützen müssen«, meint Henrike Naumann, »deswegen habe ich überlegt, welche Alltagsgegenstände sich vielleicht zu Waffen umfunktionieren lassen. Diese Designer–Zitronenpressen voller Spitzen, die ich hier auch ausstelle, kamen mir besonders geeignet vor«.

Mit der gleichmachenden Kraft einer globalisierten Wirtschaft setzt sich der Fotograf Hans Eijkelboom in einem ehemaligen Möbelgeschäft in Essen auseinander. In mehreren europäischen Städten hat er die immer gleichen Logos und Modeaccessoires im Straßenbild fotografiert. Dabei enthüllt er nicht nur die Austauschbarkeit der Städte, die sich auf den Fotos oft kaum voneinander unterscheiden lassen. Außerdem lenkt er den Blick auch auf die absurde Seite der Logos und Statements, mit denen viele T– und Sweatshirts bedruckt sind. Teilweise wirken sie einfach wie sinnlose Zeichen oder sie verbinden sich unfreiwillig mit der Umgebung zu einer regelrecht komischen Bedeutung. »Ja, warum zieht man sowas an?«, antwortet Hans Eijkelboom auf die Frage nach dem Grund seines Fotografierens, »das frage ich Sie. Alle haben das an. Aber was hat das eigentlich für eine Aussage?«.