Ausstellungsbesprechungen

Die 54. Biennale von Venedig, Venezia, Giardini–Arsenale u.a., bis 27. November 2011

Als Mittelpunkt des Kunstgeschehens steht die diesjährige Biennale in Venedig auch im Kreuzfeuer der Kritik. Repetitiv, wenig innovativ und bar jeder diskursiven Kontroverse sei die Veranstaltung, klagen die Stimmen der Presse. Günter Baumann war vor Ort und berichtet.

Die Biennale geht allmählich in die Schlussrunde – und wieder blieb die große Welle der Begeisterung aus. Vielfach wurde die Schau der »Illuminazioni/Illuminations« als wenig inspiriert beklagt, wie auch mit der Regelmäßigkeit einer auf zwei Jahre ausgerichteten Zeitschaltuhr das ganze Format der Länderpräsentation als überholt in Frage gestellt. Da ist freilich an beidem etwas dran, schließlich ist weder ein einzelner Kurator in der Lage in zwei Dutzend Monaten einen Wurf hinzulegen, der schlüssig die aktuellste Kunst in einer globalisierten Welt bündelt; andrerseits kann niemand die kuratorischen Freiheiten oder auch Unfreiheiten aller rund 90 vertretenen Pavillons gleichermaßen nachvollziehen, aufgrund der nicht zwingend die wichtigste Position einer Nation auch zum Besten gegeben, sondern ein oder eine Handvoll Künstler auserwählt wird, die für China, Deutschland, Kroatien oder sonst ein Land eine wiederum höchst eigene Position vertreten. Das weckt Unzufriedenheiten.

Andererseits sollten sich die vielen enttäuschten Kunstkritiker nicht so weit aus dem Fenster lehnen und so tun, als hätten sie den kompletten Überblick über das Kunstgeschehen etwa im Nahen Osten, auf dem afrikanischem Kontinent oder auch in jedem Winkel Europas. Was dem Besucher bleibt, ist, mit möglichst viel Kondition in einer selbst bestimmten Zeit eine Balance zu finden, um sich in Bekanntes zu vertiefen und um genügend Entdeckungen zu machen, einerseits gewisse Erwartungen zu befriedigen und dennoch mit neuen Impulsen heimzukehren.

Es scheint auch immer wichtiger zu werden, die vielen Zusatzveranstaltungen und neben der Biennale stattfindenden Ausstellungen wahrzunehmen, was organisatorisch entweder die Quadratur des Kreises oder den Mut zur Lücke abverlangt. Man muss sogar zugeben, dass die großen Events am Rande der Hauptveranstaltung diese oft an nachhaltigem Interesse übertreffen – doch eine für sich allein stehende Ausstellung gegen die kulturelle Massenveranstaltung auszuspielen, hieße auch Äpfel mit Birnen vergleichen. Wer schließlich ohne Erkenntnisgewinn nach Hause geht, dem ist schlicht nicht zu helfen.

Kurzum: Es ist verdammt viel zu sehen in Venedig, eine der wenigen Städte – vielleicht die einzige –, in der man auch mal zufällig in eine völlig bedeutungslosen Gasse gerät und gerade da den Atem der Geschichte spürt. Nicht zuletzt das Ambiente macht es, dass man idealerweise regelmäßig einen Besuch dieser schlicht nicht zu überschauenden Megaschau der durchaus ratlos machenden Biennale antun sollte, und sollte sie auch irgendwann einmal unsinnig geworden sein – wenn schon die Kosten-Nutzen-Rechnungen im wirklichen Weltgeschehen mit ihren Wirtschaftskrisen und Kriegen keine Rolle mehr spielen.

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Ist es Selbstüberschätzung oder Selbstironie, die zentrale Ausstellung zur Biennale »Illuminazioni« zu nennen? Denn weder kann hier die Kunst der Zeit beleuchtet, geschweige denn erleuchtet werden, noch kann man dem Wortspiel mit dem »illuminismo« folgen, das zur Epoche der Aufklärung geleitet. Die Einbeziehung von Tintoretto, der mit viel Bewachungspersonal in den zentralen Hauptpavillon einzog, gibt der Schau einen pathosgetragenen Auftakt, der am gelungensten wirkt, wenn man ihn nicht allzu ernst nimmt. Bice Curiger, Schweizer Direktorin der diesjährigen Biennale, hat denn auch im Interview das Bild eines UFO bemüht, um das Kunstevent in Venedig zu verorten. Da kam ihr Tintoretto gerade recht, um die Fans der alten wie der jüngeren Kunst zu irritieren: »Weder für die einen noch für die anderen ist die Situation, die sie hier antreffen, normal«, andrerseits postulierte Curiger das 16. Jahrhundert als Anfang der Globalisierung. Das fällt schon schwer, ernst zu nehmen – allerdings ist etwas dran, wenn die Ausstellungsleiterin den manieristischen Dualismus zwischen Klassik und Antiklassik für aktuell hält. In diesen historischen Querverstrebungen liegt wohl auch das Bekenntnis für den Focus auf die nationalen Pavillons, denen man eigentlich nur mit gegensätzlichen, wenn nicht widersprüchlichen Assoziationen begegnen kann, illuminiert durch die Brille Tintorettos.

Immerhin bleibt der berühmte Gast im Gedächtnis, was den unzähligen Künstlern nicht so ohne weiteres gelingt. Gefördert von der hervorragenden Ausstellungsarchitektur, die mit dem Raum spielt, sind freilich die Tauben, die Mauricio Cattelan quasi als Vermächtnis den Besuchern ins Gedächtnis eingeschrieben hat: hundertfach sitzen sie wie in einem Taubenschlag unter den Dächern der Ausstellungsräume (im Anschluss an die Präsentation ließ der Künstler durchblicken, dass er aufhöre) – außer Tintoretto sicher die beeindruckendste Hommage an Venedig, das leider auch durch die stadttypischen Tauben systematisch dem Untergang entgegensteuert.

Apropos Raumgestaltung: Schön sind die raumbezogenen Arbeiten, allen voran die von James Turrell, aber auch der »Para-Pavillon‹ von Song-Dong oder das »Antechamber‹ von Monika Sosnowska geben dem Raum eine philosophisch anregende Note. Zwiespältiger zeigt sich der ›Bastelraum‹ von Norma Jeane, wo die Besucher einen flaggenbunten Lehmbatzen kleinmachen sollten, schließlich geriet der politische Block zum Kinderspielzimmer. Unerschöpflich und vielfältig sind die Einzelpositionen. Bewährt überzeugend sind – wie zu erwarten ist – die Werke von Stars wie Corinne Wasmuth, Rosemarie Trockel, Sigmar Polke, Peter Fischli & David Weiss. Aber auch weniger bekannte Namen, von denen es mehr als genug gibt, punkten: stellvertretend sei Rashid Johnsons genannt, dessen Spiegelreliefs überwältigend schön sind.

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Die Pavillons hatten schon im Vorfeld einen Favoriten, den die Besucher und Juroren auch prompt bestätigten: den deutschen Beitrag. Geplant als schräges Multimediaprojekt von Christoph Schlingensief, hat es sich nach seinem Tod zur absolut starken, kitschpathetisch-wagnergesamtkunstwerkhaften Installationen entwickelt. Bezeichnenderweise wurde der Ländername GERMANIA durch EGOMANIA überschreiben, eine wunderbare Idee. Wie immer man zu dieser Zurschaustellung des Sterbens steht, die zum Sakralraum umgebaute Nazi-Architektur nimmt einen gefangen – ergriffen packt einen der Künstler sozusagen postum, und was kaum sonst gelingt auf dem Gelände der Biennale: Man verlässt den Pavillon entweder mit gemischten, aber auf jeden Fall aufgewühlten Gefühlen oder gar als veränderter Mensch. »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir«, wie der Titel dieser emotional grenzüberschreitenden Show trefflich heißt, wird ergänzt durch Filme zu verschiedenen Projekten Schlingensiefs und einem inhaltlich ergreifenden Katalog.

Die Pavillons der deutschsprachigen Länder sind insgesamt stark in diesem Jahr. Allerdings ist es ratsam, sich den Schweizer Beitrag »Crystal of Resistance« von Thomas Hirschhorn mit dem ausliegenden Faltblatt zu erarbeiten. Das Sammelsurium an Fundstücken und eine annähernd messihafte Überhäufung an Produktelementen (Stühle, Zeitschriften usw.) erfasst man zwar leicht als universell angelegte Kunst, aber zugleich ist man versucht, das Environment persönlich zu nehmen. »Erst wenn meine Arbeit imstande ist, die Grenzen des ›Persönlichen‹, des Akademischen, des Imaginären, der Umstände, des Kontextes und der Beschaulichkeit zu überschreiten, kann sie Wirkung haben.« So ist die Arbeit zwar selbstreflexiv – verchiffriert stehen die kristallinen Formen für den autonomen Geist, und sie fungieren allein als Motiv, das sich unwiderstehlich des Raums bemächtigt, in diesem Fall des Biennalepavillons. »Der Kristall ist nicht das Thema, nicht das Konzept und nicht die Idee zu ›Crystal of Resistance‹«. Man muss sich diese anarchisch-widerständige Arbeit im Hinblick auf das Schweizer Klischee von Ordnungs- und Biedersinn vor Augen führen, um das Reibungspotenzial genießen zu können. Hirschhorn verortet seine überbordend-fulminante Installation ausdrücklich zwischen »Liebe, Philosophie, Politik, Ästhetik« und integriert gleich seine Referenzwerke mit: Pessoa, Canetti, Adalbert Stifter u.a. einerseits, Sachbücher über Kristalle andrerseits. Wer sich mit dem Schaffen Thomas Hirschhorns auseinandersetzen will, sei der bezaubernde Bildband »Establishing a Critical Corpus« empfohlen, der zwar den grandiosen Biennale-Beitrag nicht enthält, aber das kühne Kunstuniversum des Künstlers anschaulich vorstellt, weshalb er doch anlässlich der Biennale erschienen ist.

Gegen diesen Wust kristalliner Vielschichtigkeit steht die Klarheit des österreichischen Pavillons, den Markus Schinwald in ein konzeptionelles Labyrinth verwandelt hat, das Malerei, Plastik und Videokunst mit einbezieht und als »optimistisches Leitsystem« verstanden wird, »das nicht verirrt«. Da die installierten Wände im Raum hängen, kann man auf die Knie gehen und den Weg hinaus selbst ausgucken – eine ironische Umkehrung des labyrinthischen Gedankens und ein Werkansatz »vom Himmel« her. So macht Schinwald den menschlichen Körper in seiner Befindlichkeit im Raum indirekt zum Thema. Mit seinen Bezügen auf die alte Kunst und die am Menschen orientierten Maßverhältnisse der Architektur vermittelt der Künstler eine durch neue Medien und eine zeitgemäße Philosophie unterströmte Schönheit des »abgründigen Nichtverstehens«, so Philipp Kaiser im Interview, das in dem sehr schönen Katalog zum österreichischen Beitrag abgedruckt ist.

Die Biennale ist besser als ihr Ruf. So findet sich deutlich mehr Eindrückliches als Banales – dies alles aufzuführen, wäre uferlos. Die subjektiv wahrgenommenen weiteren Highlights sind der französische Pavillon mit einem eher bedrohlichen labyrinthischen System aus Stahlgerüsten von Christian Boltanski und der Beitrag der USA, der das Herz jedes Marathonläufers höher schlagen lässt: Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla haben u.a. einen Panzer – und damit Glanz und Gloria des Landes – auf den Kopf gestellt und ein Laufband über die Kettenräder gelegt. Wer weitere Informationen sucht, kann sich über den reichlich teuren, englischsprachigen Ausstellungskataloginformieren oder in der sehr reduzierten Taschenbuchausgabe. Gute Interviews und zum Teil besseres Bildmaterial als der offizielle Katalog bieten die zwei Ausgaben der Zeitschrift »Kunstforum« (Nr. 210 und 211, August/September bzw. Oktober/November 2011). Da es kaum möglich ist, alles vor Ort aufzunehmen – es sei denn, man kann mehrere Tage investieren – kann man sich hier im Nachhinein ein sehr gutes Bild über diese Megaveranstaltung machen.

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Biennale-Zeit heißt auch für ganz Venedig volles Programm: Da wird es vollends unüberschaubar. Um zwei Künstler hervorzuheben, seien Julian Schnabel und Anselm Kiefer genannt: Der erstere wird mit einer retrospektiven Schau im Palazzo Correr präsentiert, zweiterer steht im Zentrum einer Ausstellung in der Fondazione Vedova. Kein Geringerer als Norman Rosenthal zeichnet verantwortlich für die Platzierung der rund 40 Schnabel-Werke im historischen Ambiente des venezianischen Palastes und im integrierten Museum, die den Maler als einen ganz Großen der zeitgenössischen Kunst ausweisen. Gleiches gilt freilich für Kiefer, der sein Installationsprojekt »Salz der Erde« vorstellt, eine moderne Auseinandersetzung mit der uralten Kunst der Alchemie.. Von den vielen weiteren Ausstellungen ragen »Il mondo vi appartiene« und »Elogio del dubbio« im Palazzo Grassi mit der Punta della Dogana heraus. In dieser Gruppenschau sind u.a. Stars zu sehen wie Maurizio Cattelan, David Claerbout, Marlene Dumas, Donald Judd, Edward Kienholz, Jeff Koons, Paul McCarthy, Boris Mikhailov, Takashi Murakami, Sigmar Polke und Thomas Schütte. Leider ist die Ausstellung der Sammlung »Ileana Sonnabend – An Italian Portrait« im Museum Peggy Guggenheim bereits Anfang Oktober zu Ende gegangen – einer sehr unaufgeregten, aber hochkarätigen Schau, die man nur noch im Katalog vor Augen führen kann: Zwischen Arte Povera und Pop Art sind da Jeff Koons, Cy Twombly u.a. nachzublättern.

Bei so viel High Culture sucht man keineswegs vergebens auch nach spaßhafter Kunst: Die Galleria Contini zeigt während der Biennale die surreale »cronistoria del reale«, eine bitterbös-satirische, ganz und gar unernste (Kunst-)Geschichtsdeutung von Giuseppe Veneziano. Neben knallbunten Zitaten aus der Kunstgeschichte, insbesondere der Renaissance (Michelangelos David als Streiter für McDonald’s) und politischen Persiflagen (Hitler und Mussolini beim Tänzchen) tauchen immer wieder diverse Comic- und Märchen-Helden in Venezianos Bildern auf (Pinocchio, Superman, Rotkäppchen, Grisu usw.). Diese amüsante Pop Art-Variante sollte man sich nicht entgehen lassen, bevor sie nach Rom weiterzieht.