Buchrezensionen, Rezensionen

Dietrich Seybold: Leonardo da Vinci im Orient. Geschichte eines europäischen Mythos, Böhlau 2010

Mit seinem Titel legt Dietrich Seybold eine 368 Seiten starke Studie zu einem bisherigen Randthema der internationalen Leonardoforschung vor. Alles, was zwischen die großen Begriffe ›Leonardo‹ und ›Orient‹ passt, scheint in sie aufgenommen worden zu sein. Unser Autor Lennart Petersen ist durch dieses Mittelmeer der Informationen geschwommen.

Der in Politikteilen und Feuilletons deutscher Zeitungen geführte Diskurs über die aktuellen Entwicklungen in den arabischen Staaten bietet einen passenden Kontext, in dem Dietrich Seybolds Buch über die 'Orientalische Frage' der Leonardoforschung gelesen werden kann: Wenn er 2011 die Begriffe von Orient und Okzident, vom Exotischen und Orientalischen problematisiert und die zur Abgrenzung Europas konstruierte Geniefigur Leonardo da Vinci kritisch unter die Lupe nimmt, ist er nah an der zeitgenössischen Notwendigkeit Europas, die Haltung zum eigenen, von Vorurteilen und Halbwissen geprägten Bild des arabischen Raumes zu hinterfragen. Die trennende Linie zwischen Wissen und Imagination mag heute noch genauso dünn sein wie bei Leonardo und seinen Zeitgenossen der Renaissance.

Mit »Leonardo da Vinci im Orient« will Seybold, wie auch aus dem Untertitel »Geschichte eines europäischen Mythos« hervorgeht, nicht untersuchen, ob Leonardo einst in den Orient reiste und dort verweilte. Dies lässt sich auch nach heutigem wissenschaftlichen Stand schnell und negativ beantworten. Die Stärke von Seybolds Arbeit liegt vielmehr darin, dass er den Streit unter Wissenschaftlern, der im Fin de siècle um die Möglichkeit eines Aufenthaltes Leonardos im Orient aufkam, quellengesättigt nachzeichnet. So ermöglicht er es, hinter die Argumentationkulisse einer vorgeblich wissenschaftlich geführten Debatte zu blicken, und kann dabei aufzeigen, wie sehr diese von außerwissenschaftlichen Faktoren wie religiöser und kultureller Identität und Zugehörigkeit bestimmt wurde. Deutlich brisanter als die Frage, ob irgendein Künstler einmal aus irgendeinem Land in ein anderes reiste, ist jene, ob Leonardo da Vinci als Symbolfigur der aufgeklärten, europäischen Renaissance und des modernen Europas in den ›muslimischen Orient‹ reiste oder womöglich sogar zeitweise dort zum Islam konvertierte. Entsprechend stellte sich damals also nicht nur die Frage danach, was gewesen ist, sondern auch, was gewesen sein konnte und was ggf. nicht gewesen sein sollte oder durfte.

Seybolds Studie ist weit gefasst. Neben dem angesprochenen Gelehrtenstreit des ausgehenden 19. Jahrhunderts blickt er auch auf andere Dimensionen der 'Orientalischen Frage': Einerseits, wenn er den Fokus der wissenschaftlichen Disziplin verschiebt und aus der Perspektive der Literaturwissenschaft und -geschichte an das Problem herangeht; andererseits, wenn er die Zeitebene variiert und die Blickwinkel des Kalten Krieges bzw. der Postmoderne auf Leonardo analysiert. Diese Variationen erlauben es ihm, die unterschiedlichen Vorstellungen, die man sich im Laufe der Zeit von Leonardo da Vinci gerade in seiner Verbindung zum Orient machte, sauber herauszuarbeiten. Schnell wird deutlich, dass jede Epoche Leonardo in einer anderen Art für sich vereinnahmen möchte: Lehnten beispielsweise italienische Wissenschaftler des Fin de siècle die Möglichkeit einer solchen Verbindung allein schon aus patriotischen Gründen ab, nahmen postmoderne Denkströmungen den entgegengesetzten Weg, um ihn zum Brückenbauer zwischen West und Nahost zu stilisieren.

Deutlich wird in allen Ausführungen Seybolds eigene Begeisterung für das Thema, die sich schon allein im Umfang des Werkes spiegelt. Forscher, die sich für dieses Gebiet interessieren, finden bei ihm einen enormen Fußnotenapparat aus Literaturverweisen und Anmerkungen. Es ist ohne Weiteres möglich, sich von Seybolds Begeisterung mitreißen zu lassen.

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Allerdings muss hinzugefügt werden, dass die (schreib-)handwerkliche Präsentation des Textes zur Unübersichtlichkeit neigt. Der rote Faden, der sich durchaus durch Seybolds Studie ziehen will, verschwindet zeitweilig ebenso unter der Masse der Anmerkungen und Verweise, wie auch unter den Zusätzen und kleinen Exkursen im Fließtext. Sein zur Verschachtelung neigender Schreibstil – ein absoluter Exzess der Gedankenstrichtypografie – bereitet zusätzlich Verwirrung. Und auch wenn Seybold öfters angenehm prosaische Einstiege für seine Kapitel wählt, ist er dennoch nicht leicht zu lesen. Das mag auch an der eher eigenwilligen und kleinstteiligen Gliederung der Arbeit liegen: Oft reihen sich ein- bis zweiseitige Kapitel aneinander, was zur Überstrukturierung führt. Der Leser ist also mit einer Fülle von Informationen, nicht aber mit einer gelungenen Ordnung derselben konfrontiert. Nicht selten wird man sich am Ende eines Abschnitts besinnen und noch einmal ins Inhaltsverzeichnis schauen müssen, um wieder zu dem Stück Faden zurückzufinden, den man einige Absätze zuvor aus Neugier aus der Hand gleiten ließ.

Schließlich ist noch ein wesentlicher Punkt zu nennen, der nicht nur Seybolds Arbeit, sondern die gesamte Leonardoforschung betreffen mag: die Quellenlage. Sie ist mitunter so dürftig, dass man bei der Lektüre darauf gefasst sein muss, dass die meisten der sehr klugen Fragen Seybolds ohne wirklich belastbare Antwort bleiben werden. Demgemäß liest sich vieles in dieser Studie als indizienbasierte Mutmaßung und Theorie, wobei es Seybold aber durchgehend gelingt, dieses Problem aufzuzeigen und begründete Möglichkeiten nachvollziehbar gegeneinander abzuwägen. Besonders deutlich wird das im umfangreichen Anhang der Arbeit, der versucht, die vielfältigen Beziehungen Leonardos zur ›orientalischen Welt‹ (auch in der Vielfalt des Begriffes ›Orient‹) umfassend und quellengebunden zusammenzufassen. Dieser Anhang ist von Seybold selbst als Grundlage für die weitere Leonardoforschung gedacht und demgemäß eher ein Kompendium der Möglichkeiten und Verweise als ein Handbuch der gesicherten Forschungsergebnisse. Letzteres ist jedoch mehr festzustellen als zu beklagen.

Zuguterletzt erwirbt man mit Seybolds Leonardostudie nicht nur ein Buch dezenter, aber wirkungsvoller Gestaltung, sondern auch eine CD-ROM mit Zusatzmaterialien. Neben dem im Buch selbst nicht abgedruckten Verzeichnis von Literatur und Quellen findet sich auf ihr vor allem ein zwar überholtes, aber dennoch aufschlussreiches Standardwerk der Leonardoforschung als PDF. Es handelt sich hierbei um Jean Paul Richters »The Literacy Works of Leonardo da Vinci« in zwei Bänden von 1883.

Abschließend ist dies vielleicht das Fazit, das man für den gesamten Seyboldband ziehen kann: Als Leser wird man sich an diesem Buch abarbeiten, mit ihm denken und analysieren und sich in einigen Dingen selbst entscheiden müssen; gleichsam wird man sich aber auch von ihm begeistern lassen und lernen können. Der komplizierte Text erfordert einen kraftvollen und kritischen Leser. Er ist diesem Buch zu wünschen!