Ausstellungsbesprechungen

Ein Rückblick auf die art Karlsruhe

Die art Karlsruhe ist eine der wichtigsten Kunstmessen im deutschsprachigen Raum. Sie feierte dieses Jahr vom 7. bis 10. März ihr 10-jähriges Bestehen. Günter Baumann hat sich die Jubiläumsmesse angeschaut.

Zum 10-jährigen Bestehen der Kunstmesse Karlsruhe gab es einen Besucherrekord mit über 50 000 kunstsinnigen Menschen. Das war jedoch nicht der einzige Superlativ der Galerienschau: Mit 220 Galerien aus 13 Ländern war der mittlerweile spannendste Kunst-Umschlagplatz im deutschen Südwesten mehr als gut aufgestellt. Rund 200 One-Artist-Shows zeigten, wo es lang geht in der Gegenwartskunst, und 21 Skulpturenplätze – nahezu ein Alleinstellungsmerkmal in Karlsruhe – boten auch mal eine Oase im allgemeinen Trubel. Als hätte man mit all diesen Erhebungszahlen nicht schon genug Eindruck gemacht, muss man den Sonderausstellungen Tribut zollen: Die international bekannte Fotografin Gisèle Freund (1908–2000) wurde mit einer Sonderausstellung geehrt, die das meisterhafte Lebenswerk vor Augen führte; anlässlich des Messejubiläums präsentierte der Street-Art-Künstler Stefan Strumbel eine poppige Kapelle unter dem Titel »Liebe, Glaube, Hoffnung«, unter dem eine Sonderedition mit ; nicht zuletzt waren auf der Messe Arbeiten des aktuellen, 6. Preisträgers des Hans-Platschek-Preises zu sehen: des französischen Malers, Zeichners, Bildhauers, Essayisten und Performancekünstlers Guillaume Bruère (kurz GIOM).

Der 15 000-Euro schwere »artKarlsruhe«-Preis ging an Claude Wall (Galerie Angelo Falzone), der mit seinen bildlichen Reflexionen zum Kunstmarkt überzeugte, aber sicher nicht bei jedermann auf dem Sender war – so mancher Preisträger der vergangenen Jahre konnte mit oftmals konzeptionellen Ideen mehr überzeugen als Wall etwa mit seinen eigenartigen Lucio-Fontana-Reminiszenzen. Doch unter den zahllosen Kojen den »besten« Künstler zu küren, ist auch eine vierköpfige Jury eine kaum zu erfüllende Herausforderung. Hätte sie die originellste Präsentation zu suchen gehabt, wäre es vielleicht einfacher gewesen. Unter der relativ gleichmäßigen Parzellierung gab es ein paar Ausbrüche, die keineswegs nur als Hingucker gedacht waren, sondern tatsächlich auch grandiose Kunst zeigte. Auffallend gingen hier die Stuttgarter Galerien voran, die damit auch eine Lücke andeuteten, die in Karlsruhe noch zu schließen wäre: die Einbindung installativer Arbeiten. So zeigte die Galerie AbtArt bonbonbunte Demolier- bzw. Recyclingkunst an einem wahrhaft schrägen Stand, dessen Boden aufzubrechen schien und dessen schiefe Wand mit Straßenlaterne eine halbseidene Stimmung erzeugte, die den hochglanzlackierten Objekten einen besonderen Auftritt verschafften, während die Aussteller regelrecht aus dem (Reise-)Koffer lebten.

Ganz anders reagierte Marko Schacher auf die notwendigen Zeichen der Zeit: Claudia Thorban inszenierte mit Zeichnungen, Fotos und Kopien auf Plexiglas eine Arbeit, die den Raum sensibel aufzulösen verstand. Sie setzte sich in ihrer Mischtechnik-Installation mit dem Farn und mithin mit dem Leben an sich auseinander. Als dritte Galerie ist hier der Stand von Anja Rumig zu nennen, für den Jörg Mandernach eine halb rationale, halb illusionistische Raumzeichnung entwarf, die die Wahrnehmungsapparatur des Betrachters herausforderte und mit einem grandiosen perspektivischen Gespür belohnte.

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Die art Karlsruhe hat sich längst eingelebt und wird voraussichtlich nicht weiter wachsen. Doch ist seit zwei, drei Jahren bestätigt, was der »Erfinder« der Messe, Ewald Karl Schrade, von Anfang an als zunächst belächelte Idee durchzusetzen wusste: einerseits eine Messe zu gestalten, die den Investitionssammlern Tür und Tor öffnet, aber doch eine Anlaufstelle für den Otto-Normal-Sammler engagiert mit ins Boot nimmt, und andrerseits Oasen für den interessierten Laien wie den Kunstprofi zu generieren, für die die Skulpturenplätze stehen. Dass dies funktioniert, ist an den Pressemeldungen abzulesen: In der Regel sind in den ersten Stunden der Messe die großen Käufe zu verzeichnen, die insbesondere auf die klassische Moderne zielen – als eine der wichtigsten Galerien im süddeutschen Raum liegt rasch das Augenmerk auf der Galerie Schlichtenmaier, die mit Antes, Brodwolf, Schumacher u.a.m. eine Garantin für den Zustand und die Bedürfnisse der Branche ist. Man kann es zudem ablesen an der Bilanz der mittleren und kleineren Galerien, die in Karlsruhe mehrheitlich zufrieden sind. Dabei ist die klimatische Struktur nicht gering zu schätzen: Nach dem unter Hochspannung stehenden Eröffnungs-Mittwoch folgt meist ein vergleichsweise ruhiger Tag, die umso mehr intensive Gespräche und Begegnungen zulässt, worauf dann die sogenannten Publikumstage anstehen, die vielleicht weniger Geschäfte bringen, aber die Kunst in einem lebendigen Licht erscheinen lassen, die notwendig sind, um die genannten Bedürfnisse zum Teil erst wecken oder auch nur wachhalten.

Die Freiräume für die Bildhauerpositionen fielen in diesem Jahr weniger spektakulär aus. Die größte Überraschung bot die Galerie Knecht und Burster mit ihrer Präsentation des jungwilden Daniel Wagenblast, der nicht nur seine liebenswert hölzernen Protagonisten zeigte, sondern auch seine selten zu sehenden Kleinplastiken, darunter auch eine Serie bemalter Vasen in Delfter Blau, die stilecht mit (künstlichen) Blumen garniert, aber mit hochbrisanten Motiven (Atomkraftwerken, Afghanistan usw.) bemalt sind, sowie eine Kissen-Serie, auf denen er hochästhetische Fotografien von Müll übertragen hat. Wagenblast entfaltet hier ein künstlerisches Potential, das auf Jahre hinaus tragen wird.

Werner Pokorny, einer der führenden Bildhauer im Südwesten, wird erstmals prominent von der Galerie Rehberg vertreten – selten so entspannt, was wohl daran liegt, dass er seine akademischen Verpflichtungen abgegeben hat und sich wieder stärker auf seine eigene Arbeit konzentrieren kann. Seine ehemalige Schülerin Manuela Tirler ist in der Galerie Ruppert zwar nicht mit einem eigenen Platz hervorgehoben, wohl aber mit einer rund acht Meter hohen Stahlarbeit vor den Messehallen, einen Steinwurf von einer Großplastik ihres Lehrmeisters entfernt. Eine Position wie die einer Madeleine Dietz vermisste man auf den Skulpturenplätzen – sie war allerdings in zwei Galerien zu entdecken –, das konnte auch Jörg Bach (Galerie Wohlhüter), ein immer wieder gern gezeigter Bildhauer in Karlsruhe, nicht ausgleichen. Gewitzt fielen die Blechabfallfigurationen von HA Schult (Schloss Mochental) aus dem Rahmen des Traditionellen, und die polierten Marmor-Myzoten von Venske & Spänle (Galerie Dress) schraubten sich durch den Raum, dass Marko Schacher schon amüsiert vermutete, diese rüsselnden Objekte würden mit den kantigen Skulpturen Uli Gsells anbandeln, die er in der Nachbarschaft zeigte. Bewährt haben sich in den letzten Jahren immer auch humorvolle Themen, auch in der Plastik, wovon Patricia Waller oder Georg Schulz zeugen.

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Kaum mehr zu überblicken waren wie in jedem Jahr die zeichnerischen und malerischen Arbeiten, die leider – auch das nicht ungewöhnlich auf der art Karlsruhe – zu selten von der Fotografie flankiert wurde. Man findet sie irritierenderweise in der Halle mit Editionen und Objekten. Auf den Leinwänden wurde zuweilen bis ultimo gemalt, Ausdruck des lebendigen Geistes, der die Messe erfüllt: Beispielhaft sei Manoel Veige zu nennen, der seine Galerie Dengler und Dengler in letzter Minute Arbeiten lieferte, bevor ihn eine Erkältung ins Bett zwang – das war seinen kosmischen Themen freilich nicht mehr anzumerken. Wenn es um die konzentrierte Einheit eines Galerieauftritts geht, konnte man die schönsten Eindrücke bei der Galerie Fetzer bekommen: Bim Koehler, Thomas Deyle und Yeunhi Kim neben Nikola Dimitrov oder Bernd Zimmer ermöglichten es, den Trubel um die Stände vergessen zu machen und ganz bei den Arbeiten zu sein. Das schafften andere auch, keine Frage, aber man stieß doch eher zufällig auf einzelne Positionen, etwa bei der Galerie Harthan die auf den ersten Blick fast abweisend dunklen, dann aber goldleuchtend-faszinierenden Werke Norbert Fleischmanns, der sicher auch einen One-Artist-Preis verdient hätte. Unter den unzähligen Neurealisten fielen Künstler wie Christopher Corso (Galerie an der Pinakothek der Moderne Ruetz) oder Philipp Weber (Gering) auf, doch ist es fast schon keine Überraschung mehr, wenn Eckart Hahn die Sinne des Betrachters einmal mehr auf der Messe mit einer neuen fulminanten Arbeit überwältigt.

Auch Ralph Fleck gehört zu den gesuchten Künstlern in Karlsruhe – zu finden bei Schwarz und bei Baumgarten. Der Weg lohnte sich beide Male: Zum einen war bei Schwarz als One-Artist-Show das Werk Martin Bruno Schmids zu bewundern, der Papierbohrungen durchführt, die die Grenzen zwischen Zeichnung und Plastik aufhebt. Um das Thema der Papierarbeiten noch einmal aufzugreifen, kann man übrigens kaum an Hannelore Weitbrecht (Galerie Zeiß) vorbeigehen, um gegenüber der gelöcherten Bohrpoesie Schmids auch die filigrane, fernöstlich inspirierte Seite des Mediums kennenzulernen. Zum anderen präsentierte Baumgarten neben Hüppi eine One-Artist-Show mit Fotografien Dirk Brömmels, die zum Besten gehörten, was die eben wenig vertretene Gattung der Lichtbildnerei zu bieten hatte (sieht man vom Auftritt der Foto-Galerie Hoffmann in Halle 1 ab). In aufwändigen Prozessen setzt Brömmel zig von einer Brücke herab aufgenommenen Aufnahmen von Schiffen zusammen, kopiert sie auf einen neutralen Hinter- bzw. Untergrund, um detailreiche, ja setzkastenakkurate Totalansichten zu schaffen, die das Motiv spannungsreich verfremden.

Die Listen ließen sich üppig füllen – unterm Strich ist so manche Galerie der ersten Stunde zwischenzeitlich durch die Maschen gefallen, so dass die Qualität durchweg recht hoch ist. Nur ein paar Namen sollten genügen, um neugierig zu machen, den Katalog im Nachhinein zu blättern oder sich den Termin für das nächste Jahr schon mal vorzumerken. Spannende und absolut zukunftsfähige Positionen boten neben anderen Inna Artemova, Daniel Behrendt, Achim Däschner, Marion Eichmann, Malgosia Jankowska – deren Aquarelle und Tuschearbeiten neben den fulminanten Linoldrucken von Philipp Hennevogel bei der Galerie Maurer zu sehen ist –, Carolin Jörg, Vera Leutloff, Rosa Loy sowie Franziska Schemel, deren foto-malerischen Objekte neben dem hinreißenden Werk von Pasquale Cuccio die Galerie Mollwo zierten.