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Eine kleine Geschichte der Karikatur

Schon in der Antike lassen sich mit etwas Mühe bissige kleine Zeichnungen finden, die Karikatur ist also nicht nur ein Phänomen der Neuzeit. Seit griechischer Zeit kommentieren Zeichner die Marotten ihrer Zeitgenossen und – später – auch gesellschaftliche Verhältnisse. Wir haben einmal recherchiert und für Sie eine klitzekleine Geschichte der Karikatur zusammengestellt.

Eduard Schoen stellte Martin Luther als des Teufels Dudelsack dar (um 1535), während Lucas Cranach d.Ä. den Papst als einen Esel ansah (1523)
Eduard Schoen stellte Martin Luther als des Teufels Dudelsack dar (um 1535), während Lucas Cranach d.Ä. den Papst als einen Esel ansah (1523)
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Bereits in der Antike soll es solch bissig-kritische Zeichnungen gegeben haben – Papyrusfunde und Darstellungen auf Vasen oder Wandmalereien belegen das. Auch mittelalterliche Darstellungen im öffentlichen Raum – in Kirchen an Säulenkapitellen – oder in der Buchmalerei finden sich. Zugleich war aber die Ständekarikatur beliebt und überzeichnete Kaufleute, Bauern und Adlige bevölkerten Werke wie Sebastian Brants »Narrenschiff«.

Die Reformation läutete einen intellektuellen Krieg ein – das Bild wurde nun die Waffe, mit der man die jeweils andere Konfession lächerlich machte, als teuflisch brandmarkte. Ein Luther, aus dem der Teufel sprach, ein Papst, in dem die Menschen sofort das Große Tier der Apokalypse wiedererkannten, bevölkerten Flugblätter, die für jeden zum kleinen Preis zugänglich waren. Bei ihnen handelt es sich noch mehr um Satiren als um Karikaturen im modernen Sinne.

Erstmals wurden Ende des Mittelalters in Italien Einzelpersonen Opfer von Karikaturen – detailliert gezeichnete Satiren, die zum Ziel hatten, ihre Opfer zu diffamieren. Selbst ein Leonardo da Vinci oder ein Bernini karikierte seine Zeitgenossen. Angeblich soll Annibale Carracis seine Zeichnungen, die eher genaue Porträts von Bettlern, Gauklern, Händlern, etc. waren, erstmals als »caricature« oder »ritrattini carichi« bezeichnet haben. Diese zeichneten sich durch eine Detailtreue aus, die derart überspitzt wurde, dass die Abgebildeten zu »Karikaturen« ihrer selbst wurden. Bis ins 17. Jahrhundert blieb die Karikatur ein landestypisches Phänomen, zwischenzeitlich war es sogar chic, sich karikieren zu lassen.

Im 18. Jahrhundert hatte dann die Stunde der gesellschaftskritischen Karikatur geschlagen: Zunächst wurde der Begriff außerhalb Italiens noch zur Bezeichnung von überspitzen Formverzerrungen ins Tierhafte oder Dämonische verwendet. Selbst William Hogarth arbeitete mit dieser Formveränderung und benutzte sie in seinen satirischen Kupferstichen, etwa den Lebensbildern. Dies geschieht bei ihm vor allem durch Übertreibung. Weniger formal (er zeichnete nicht, sondern schuf Kupferstiche), als vielmehr inhaltlich legte er mit seinen gesellschaftskritischen Satiren die Grundlage der politischen Karikatur. Die Begrifflichkeit Karikatur umfasst nun die eines Carracci, aber auch die Hogarths im Sinne eines »comic history painting«, was eher unserem modernen Comic nahekommt. Künstler wie James Gillray, Thomas Rowlandson oder George Cruikshank folgten dem Londoner nach.

Noch wichtiger wurde die politische Karikatur, gemeinsam mit der politischen Satire im 19. Jahrhundert: Zeitschriften wie der »Charivari« in Frankreich, der »Punch« in England oder »Kladderadatsch« und »Simplicissimus« in Deutschland wurden gegründet und nahmen fortan das Tagesgeschehen aufs Korn. Dank talentierter Zeichner wie Honoré Daumier oder Grandville erlebte vor allem in Frankreich die Karikatur eine Hochzeit. Aber auch unpolitische und eher harmlose Witzbildchen wurden nun erfunden – der Cartoon begann von England aus seinen Siegeszug. Nun konnte der erläuternde Text auch ins eigentliche Bild gepackt werden – die Protagonisten diffamierten sich mit ihren Aussagen auch gerne einmal selbst.

Während sie in der Zeit der Weimarer Republik wurde sie mehr und mehr Propagandainstrument und selbst die Nazis setzten sie für ihre Zwecke ein. Im geteilten Deutschland schließlich nahm sie unterschiedliche Entwicklungslinien: Während in der BRD politische Debatten illustrierte und bereicherte, war sie für die DDR ein Mittel zur Stabilisierung des Systems.

Heute erfreut fast jede Tageszeitung und fast jedes Magazin seine Leser mit der einen oder anderen Karikatur. Ihnen zur Seite stehen die »Spezialisten«, Satirezeitschriften, die das Tagesgeschehen in bissigen Texten und ebenso bissigen Karikaturen thematisieren. In Deutschland sind die größten »Titanic« und »Eulenspiegel«. In England veröffentlichen heute »Private Eye« und »Viz«, in Amerika vor allem das »Mad«-Magazin und in Frankreich »Le Canard enchaîné« und »Charlie Hebdo« regelmäßig satirische Texte und Zeichnungen.

Sie sorgen immer wieder für Aufsehen: 2006 musste der dänische Zeichner Kurt Westergaard um sein Leben fürchten, nachdem er in den berühmt gewordenen Mohammedkarikaturen diesen unter anderem mit einer Bombe als Turban dargestellt und damit radikale Islamisten erzürnt hatte. 2012 wurde eine einstweilige Verfügung gegen die Zeitschrift »Titanic« erlassen, nachdem diese mit bearbeiteten Bildern des Papstes die Vatileaks-Affäre aufgegriffen hatte. Religionskritische Karikaturen sind dabei nach wie vor beliebt, bietet die Religion doch ein Thema, das jenseits politischer Ideologien steht. Aber nicht nur Vertreter der Religionen werden zu Zielen der Kritik, auch Politiker, Prominente, das aktuelle Tagesgeschehen und noch so einiges mehr. Damit bereichern Karikaturen die journalistische Landschaft und sorgen zumeist für Lacher und manchmal auch für Skandale – aber Satire darf ja (fast) alles!

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