Buchrezensionen

Frank Michael Zeidler: Das verlorene Bild. Eine Aufforderung zur Reflexion über Künstlernachlässe, modo Verlag 2016

Seit einigen Jahren rückt immer wieder das Thema der Künstlernachlässe in den Fokus. Museen, Kunsthistoriker und Restauratoren erwarten einen regelrechten Materialberg, der auf sie zukommt – und die Künstler verdrängen den Gedanken, so scheint es zuweilen in der Debatte. Dass dem nicht so ist, das beweist Frank Michael Zeidler, seines Zeichens selbst Künstler und Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes. Nun hat er seinen Blick auf das Problem vorgelegt. Stefanie Handke hat das Buch gelesen.

… und dann steht man da, als Ehepartner, als Kind oder einfach nur als Erbe eines Künstlers und sieht sich Werken gegenüber, die das Leben eines Verstorbenen widerspiegeln. Der erste Reflex: Erst einmal einlagern, ich befasse mich später damit. Doch was dann? Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen werden davon nicht besser. Allenfalls ermöglicht dieses Einlagern eine gewisse zeitliche Distanz, um sich schließlich umso aufmerksamer ans Sichten und Ordnen des Lebenswerks zu machen. Im schlimmsten Fall bedeutet es ein Verschwinden – und oft auch Verderben– auf Dachböden. Was also tun? Diese Diskussion führen Restauratoren und Kunsthistoriker, Museen, Galerien und Händler seit Jahren. Ihre Ansichten sind häufig andere als die der Künstler. Und: manche Aspekte gehen in einer auf die praktischen Dimensionen orientierten Debatte unter. Aus diesem Grund möchte Frank Michael Zeidler mit seinem Buch weniger einen Ratgeber veröffentlicht wissen, sondern eher zur Reflexion auffordern.

Dabei geht der Autor zunächst davon aus, dass die Zahl der Kunstwerke in den letzten Jahrzehnten ungeheuer gewachsen ist und auch in den kommenden Jahren wachsen wird. Vor diesem Hintergrund ist seine Voraussage, dass sich Museen, Galerien, Restauratoren und Kunstwissenschaftler immer mehr mit dem Problem des künstlerischen Nachlasses auseinandersetzen müssen, keine Hexerei. Im Anschluss daran aber verweigert er sich einer Diskussion über künstlerische Qualität und Quantität in seinem Buch – und das mit Recht, geht es ihm doch schlichtweg um Gedanken zum Umgang mit dem Konvolut: Welche Bedürfnisse und welche Verantwortung haben die Künstler selbst? Welche Eingriffe der Nachwelt sind vonnöten und warum? Ist es denn wirklich utopisch, einen Nachlass in seiner Gesamtheit zu erhalten?

Wichtig ist dabei der Hinweis Zeidlers auf die Rolle der Künstlerausbildung in der Gegenwart: Eine wachsende Anzahl Studenten kann gar nicht komplett auf dem Kunstmarkt versorgt werden – und gleichzeitig steigt das Interesse an Seminaren zum künstlerischen Unternehmertum und dazu, wie man seine Arbeit am besten vermarktet. Mehr Künstler – mehr Kunst. Und gleichzeitig macht man sich bewusst oder unbewusst keine Gedanken über das, was nach dem eigenen Ableben mit den Werken passiert. Das stellt die Erben vor ein Dilemma, empfinden sie doch ein Ordnen und auch ein Aussortieren von Werken als Eingriff in das Schaffen des Erblassers. Obendrein kann oft erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand eingeschätzt werden, welchen Stellenwert ein Künstler nun wirklich für die Kunstgeschichte hat, egal ob regional oder überregional bedeutend. So tritt neben die Ordnung des künstlerischen Nachlasses durch den Künstler selbst die durch nachfolgende Generationen.

Kann die Bearbeitung, Verwaltung und Erforschung von Künstlernachlässen eine soziale Aufgabe sein? Das ist eine Frage, die der Autor aufwirft. Legt man den Gedanken des Kulturerbes an, ist das gar nicht so falsch, ist doch vor allem die Gesellschaft bzw. der Staat in diesem Fall in der Pflicht, für die Bewahrung des kulturellen Erbes zu sorgen, jedoch sieht Zeidler nicht nur die öffentliche Hand in der Pflicht, sondern weist zugleich auf die Bedeutung von Privatinitiativen. Das scheint angesichts schwindender Etats und Platzressourcen in Museen und Archiven realistisch.

Ein Problem, das Zeidler zwar immer wieder anreißt und das auch an anderen Orten die Debatte bestimmt, ist das des Abwägens zwischen Bewahren oder Wegwerfen. Der Autor will dabei freilich nicht Künstlern raten, regelmäßig wegzuwerfen, aber verweist darauf, dass bereits entsorgte Werke einen Hinweis für die Erben liefern können wie mit deren Auswahl zu verfahren sei. So richtig traut sich der Autor aber nicht an das Thema heran, und das ist verständlich. Vielmehr legt er den Schwerpunkt auf die Führung eines Werkverzeichnisses sowie auf die Bestimmung und Einordnung der Werke etwa in ein Kernkonvolut und unbedeutendere Werke sowie erste Kontakte zu Galeristen, Museen oder Kunstwissenschaftler, die sich des Nachlasses annehmen wollen. Den Gedanken an eine Stiftung reißt er ebenfalls an und trägt zu einer Entmystifizierung dessen bei, indem er darauf hinweist, dass eine solche wie andere Lösungen auch die Frage nach Aufbewahrung, Ordnung usw. stellt. Zeidler verweist zudem auf den Unterschied zwischen einer öffentlichen Stiftung – als Beispiel dient ihm das Archiv für Künstlernachlässe in Brauweiler – und auf die Möglichkeit von Übergabe oder auch Gründung einer eigenen Privatstiftung.

Ebensowenig wie andere kann der Autor endgültige Lösungsvorschläge machen, das ist aber auch gar nicht sein Anliegen. Vielmehr bringt er in den seit wenigen Jahren intensiver geführten Diskurs die Perspektive der Künstler ein und zeigt, welche Aspekte der sensible Umgang mit dem künstlerischen Werk Verstorbener bedacht werden müssen. Seine Stärke ist dabei, dass er ideelle wie finanzielle Probleme mitdenkt und diese auch in einer »Checkliste« berücksichtigt. Das Ganze verbindet er immer wieder mit grundsätzlichen Gedanken zur Ökonomisierung der Kunst in der Gegenwart und zum Umgang mit Urheberrecht von Künstlern. So bietet das Buch eine Ergänzung zu vor allem restauratorischen, juristischen und kunsthistorischen Blicken auf das Thema. Kernpunkt ist aber immer wieder die Aufforderung an Kunstschaffende, ihr Werk weitgehend selbst zu ordnen, um so der Nachwelt helfend unter die Arme zu greifen. Und, fast noch wichtiger: gelassen zu bleiben und den Gedanken an die Vergänglichkeit des Ich und seiner Ausdrucksformen zuzulassen.