Buchrezensionen, Rezensionen

Gerardo Brown-Manrique: Rudolf Fränkel and Neues Bauen: Work in Germany, Romania and the United Kingdom. Ernst Wasmuth Verlag 2009

Daniel Thalheim hat für PKG diese Monografie über Rudolf Fränkel gelesen und gibt einen Einblick in das "Neue Bauen".

Der Blick zurück. In der Architekturgeschichte ist das kein Phänomen, sondern ein Kennzeichen. Es ist auffällig, dass die Zahl der Publikationen, seien es Monografien oder Kataloge, über  das „Neue Bauen“, seine Architekten und ihre Werke in der letzten Zeit gestiegen ist. Doch was macht das „Neue Bauen“ aus? Warum wendet sich der Blick des Architekturhistorikers verstärkt der Zwischenkriegsepoche der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zu? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Gerardo Brown-Manrique, auch wenn seine Monografie über den deutschen Architekten Rudolf Fränkel keine allumfassende Antworten auf diese Fragen liefert. Das soll das Buch auch nicht bezwecken, sondern es ist vielmehr eine Werkeinordnung in architekturgeschichtliche Kontexte.

Was ist eigentlich Neues Bauen? Folgt man einschlägigen Lexikonartikeln, handelt es sich um eine architekturgeschichtliche Bewegung mit sozialreformerischen Charakter im frühen 20. Jahrhundert. Damit einhergehend entstand vornehmlich in den Jahren zwischen den Weltkriegen die Baugenossenschaftsidee im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus . In Deutschland erstreckt sich diese Phase bis zum Weggang derjenigen Architekten, die mit der nationalsozialistischen Diktatur nichts anfangen konnten, oder wegen ihrer jüdischen Abstammung das Land verließen. Formal konnten die Nazis mit der Idee des Neuen Bauens nichts anfangen, sie lehnten sie sogar ab. Das Neue Bauen zielte darauf ab, die historistisch verdeckende Architektur des 19. Jahrhunderts durch formal funktionalistische und experimentell entwickelte Bautechniken der zeitgenössischen Bauaufgaben abzulösen. Die Architektur sollte nicht nur harmonisch und rational, sondern auch gesellschaftlich reformierend wirken.

Enge Straßenfluchten, dunkle Hinterhöfe, wenig Grün: Vergegenwärtigt man sich die Mietskasernen der Gründerjahre, die von Industriedreck verschmutzt waren, so ist dieses Ziel durchaus nachvollziehbar. Dagegen stand die Wohnsiedlungsidee des Neuen Bauens. Große, helle Innenhöfe, umrahmt von großzügig angelegten Blockrandbauten mit klar strukturierten Fassaden und Innenraumaufteilungen. Gut, das Winklige, Eckige und Maßgeschneiderte ließ ein wenig das Organische vermissen. Dafür kann man an den Wohnbauten mal konkav, mitunter auch konvex geformte Kopfbauten, gar Rundbausiedlungen feststellen, oder in den Treppenhäusern geschwungene Gestaltungsformen, schlicht und klar strukturiert. So auch in Rudolf Fränkels viel zitierter und beschriebener Wohnsiedlung „Atlantic“ in Berlin-Wedding, oder in der Hufeisen-Siedlung Britz in Berlin-Neukölln von Bruno Taut und Martin Wagner aus dem Jahr 1925-33.

Die von 1924 bis 1928 erbaute Gartenstadt „Atlantic“ von Rudolf Fränkel reiht sich zeitlich und inhaltlich in die Idee des Neuen Bauens ein  wie auch Fränkels Wohnanlage am Berliner Stadtpark Schönau aus den frühen dreißiger Jahren. Einflüsse aus der Gartenstadtidee strömten in das soziale Bauen.

Der mexikanische Autor Gerardo Brown-Manrique hat mit seinem zunächst in englischer Sprache erschienenen Werk über den deutschen Architekten Rudolf Fränkel eine umfassende Darstellung abgeliefert, die nicht nur die biografischen Daten und Lebensumstände einbezieht, sondern auch einen Werkkatalog bietet. Brown-Manrique legt, basierend auf Fränkels Artikeln und Darstellungen über Fränkels Bauten in Fachzeitschriften sowie unter Einbeziehung der einschlägigen Literatur zum „Neuen Bauen“, ein gut recherchiertes Mosaikstück zur Architektur der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre in Deutschland, Rumänien und Großbritannien vor.
Mit Rudolf Fränkel hat sich der mexikanische Autor einen Kosmopoliten ausgesucht, dessen Besonderheit es ist, über drei Jahrzehnte hinweg in drei unterschiedlichen Ländern gewirkt zu haben. Fränkels Leistung wird mit diesem Buch erstmals umfassend dargestellt. Die Monografie zeigt das breit gefächerte Repertoire des Architekten und beeindruckt mit gut recherchierten und belegten Texten, qualitativ hochwertigen zeitgenössischen, aber auch neuen Fotos sowie mit einem an die blauen Bücher erinnerndem Format.  Grundrisse, Modellfotos und Pläne ergänzen diesen Band, mit dem ein bis jetzt von der Forschung noch wenig beachteter Architekt endlich angemessen gewürdigt wird.