Interviews

Groteske Komödie – Lodovico Ottavio Burnacini. Theatermuseum Wien. Interview mit Kurator Rudi Risatti

Im Wien des 17. Jahrhunderts begeisterte vor allem ein Künstler die Theaterwelt: der am Kaiserhof tätige Theateringenieur Lodovico Ottavio Burnacini (1636–1707). In seinen farbenprächtigen »Grotesken« und Commedia dell’arte–Entwürfen vermischen sich fantasievoll Visionen der Hölle mit den bunten Farben von Straßenszenen und Fasching. Das Theatermuseum Wien präsentiert diesen Siegeszug der Fantasie eines überbordend kreativen wie produktiven Künstlers in einer aktuellen Schau. Susanne Braun hat dazu Rudi Risatti, den Kurator der Schau interviewt.

Burnacini: Springender Capitano, Wien 17. Jhdt; Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Burnacini: Springender Capitano, Wien 17. Jhdt; Theatermuseum © KHM-Museumsverband

Susanne Braun (SB): Im Video–Trailer zu Ausstellung »Groteske Komödie. Lodovico Ottavio Burnacini« betonen Sie, dass Burnacini (1636–1707) seiner Zeit weit voraus war. Inwiefern?

Rudi Risatti (RR): Steht man vor seinen Zeichnungen – seien es seine Kostümfigurinen oder andere Arten von Entwürfen –, dann lässt sich schnell feststellen, wie breitgefächert das Spektrum seiner Visionen und wie modern sein künstlerischer Ansatz war. Seine Blätter vermitteln fast den Eindruck, das experimentelle Werk eines Avantgardisten des 20. Jahrhunderts zu sein. Denn Burnacini liebte ungewöhnliche Formen und auffallend lebendige Farben; bei Figuren bevorzugte er stark expressive Posen und Gesichter, die ungehemmt groteske, teilweise sogar obszöne Züge präsentieren. Zugleich sind sie in ihrer Fiktion ganz realistisch dargestellt. Dadurch war er seiner Zeit weit voraus. Die extravaganten Kostüme in seiner Serie der Maschere d’Inventione (Erfundene Masken) weisen beispielsweise einen hohen Abstraktionsgrad auf, den nach seinem Tod 240 Jahre lang so gut wie niemand erreichte. Sie sind durch starke Farbkombinationen und für die Zeit ungewöhnliche, teils asymmetrische Schnitte charakterisiert. Bis ca. 1900 scheuen sie keinen Vergleich.

SB: Gibt es aber so etwas wie »den Stil« Burnacinis?

RR: Ja, ich denke es gibt einen Burnacini–Stil, weil seine Zeichnungen, insbesondere seine szenisch ausgearbeiteten Figurinen, absolut unverwechselbar sind: sie wirken schwer und sind zugleich voller Spannung und Energie. Auch seine pastöse Zeichnungstechnik weist Alleinstellungsmerkmale auf. Dennoch, nachdem seine Werke nur selten und niemals in dieser großen Anzahl ausgestellt wurden, sind nur wenige Leute mit seinem Stil vertraut.
Anders verhält es sich mit seinen Bühnenbildentwürfen, die oft, zusammen mit den Libretti der von ihm ausgestatteten Opern, als Stiche reproduziert wurden und eine große Verbreitung erfuhren. Sein Stil ist in diesem anderen Genre vielleicht bekannter, aber auch weniger originell, als bei seinen Grotesken.

SB: Burnacini gilt als erster wirklicher Bühnenbildner des Barock, seine Arbeiten sind beeinflusst von vorangegangenen Architekten wie Andrea Palladio, Vincenzo Scamozzi oder Sebastian Serlio. Wie wurde Burnacini aber überhaupt zu einem solchen Ausnahme–Künstler?

RR: Burnacini hatte das Glück, fast sein ganzes Leben hindurch für den Kaiserhof in Wien tätig zu sein. Zu Beginn seiner Karriere wurde er vielleicht weniger bezahlt, weil er noch sehr jung war und somit keine Ansprüche auf ein höheres Gehalt erheben konnte. Dennoch hatte er durch seine Position als »Theateringenieur seiner Majestät« die Möglichkeit, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Die Mittel zur Umsetzung großer Feste und Aufführungen und sogar für die Errichtung neuer Theaterhäuser fehlten ihm nicht – es war der Kaiser selbst, der all dies wünschte. Zwar könnte man meinen, er sei ein privilegierter Künstler gewesen, aber zugleich musste er sein Können andauernd unter Beweis stellen. Denn in Wien wurden damals fast täglich Komödien und Opern gespielt; im Winter gab es nächtliche Schlittenfahrten mit Gefährten, die dafür extra angefertigt und mit Allegorien aufwendig dekoriert wurden; es wurden oft Bankette gegeben, bei denen sich alle Gäste verkleiden (mussten); zum Fasching wurden Feste in den Innenhöfen der Burg mit dem Auftritt riesiger Wagen organisiert; selbst zur Fastenzeiten wurden »Heilige Theater« errichtet und davor Oratorien aufgeführt. Das sind die Dinge, die ihn geprägt haben und ihn zu Lebzeiten europaweit zu einer angesehenen Persönlichkeit machten.

Ausstellungsansicht; Tom Ritter © KHM-Museumsverband
Ausstellungsansicht; Tom Ritter © KHM-Museumsverband

SB: Lodovico Burnacini stammte eigentlich aus Italien, schon sein Vater Giovanni Burnacini (1609–1655) war Theaterarchitekt. 1651 wurde dieser auch von Kaiser Ferdinand III. nach Wien berufen. Den damals 16 jährigen Sohn Lodovico hat er mitgenommen. Welche Rolle spielte Lodovicos Vater für seine Karriere?

RR: Ohne Zweifel spielte der Vater Giovanni, der Theateringenieur und Impresario gewesen war und aus Cesena stammte, eine wichtige Rolle in Lodovico Ottavios Leben. Dieser kümmerte sich persönlich um die Ausbildung des Sohnes, der bereits sehr früh, vielleicht schon vor der Übersiedlung von Venedig nach Wien, in der väterlichen Werkstatt mitarbeitete. Frühe Stiche Lodovico Ottavios nach Erfindungen Giovannis bestätigen die enge Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn. Lodovico Ottavio kam mit seinem Vater Giovanni nach Wien, und als der letztere starb, musste er gleich die Agenden des Vaters übernehmen – eine wahrlich große Verantwortung für einen Neunzehnjährigen, der in Wien plötzlich nicht nur für sich selbst, sondern für die gesamte Familie aufkommen musste!

SB: Der Wiener Kaiserhof und seine Theateraufführungen waren bis weit über die Grenzen des Landes bekannt. Doch welchen künstlerischen Einfluss hatte Burnacini damals auf die zeitgenössische Theaterwelt?

RR: Alle Theaterliebhaber kannten die Stiche nach seinen Bühnen– und Szenenentwürfen, wodurch er europaweit berühmt wurde. Selbst Jean Berain d. Ä., der für den Sonnenkönig in Versailles tätig war, kannte Burnacinis furchterregende »Bocca d‘Inferno« aus der Oper Il Pomo d’oro von 1668. Dieser ist eindeutig auf die Tradition mittelalterlicher Höllenschlünde zurückzuführen, daher würde ich nicht sagen, Burnacini habe damit etwas Neues erfunden. Aber er wusste definitiv, seine Ideen szenisch, also in einer expressiven und wirkungsvollen Art und Weise umzusetzen, was ihm zu hohem Ansehen verhalf. Dennoch ließ sein Einfluss nach seinem Tod allmählich nach, mitunter weil das 18. Jahrhundert eine neue Ästhetik einführte: das Gekreische schroffer Figuren bei Festen auf offener Straße war nicht mehr en vogue; man orientierte sich eher an der koketten Leichtigkeit der Bälle und die hohe Gesellschaft zog sich so quasi in sich zurück. Eines steht jedenfalls fest: Der Anbruch der Ära der Vernunft verjagte Arlecchino, Hans Wurst und Co. schnell von der Bühne; somit gerieten auch Burnacinis Grotesken in Vergessenheit.

Burnacini: Das Trio des Freudenhauses, Wien 17. Jhdt; Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Burnacini: Das Trio des Freudenhauses, Wien 17. Jhdt; Theatermuseum © KHM-Museumsverband

SB: Mich erinnern seine Grotesken zum Beispiel an Gemälde von Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel d.Ä...

RR: Das ist ganz richtig. Burnacini, als ein Italiener, der nördlich der Alpen lebte, hatte ein Faible für die Kunst der Niederländer, Flamen und Deutschen. Es ist so gut wie sicher, dass er Werke von Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel d. Ä. oder David Teniers d. Ä. – um nur wenige Namen von Malern zu nennen, deren Gemälde in den habsburgischen Sammlungen in Wien ausgestellt waren – kannte. Er fand in der Bilderwelt dieser Künstler seine Inspiration und veränderte sie durch seine Fantasie, ohne sich dabei an die stilistischen Vorgaben seiner Zeit zu binden. Daraus entstanden originelle Motive.

SB: Darüber hinaus hatte Burnacini einen berühmten Zeitgenossen in Frankreich: Molière. Er hat die Komödie am Hof Ludwig XIV. als Kunstform etabliert. Die Commedia dell’arte wurde auch in Frankreich sehr geschätzt. Wie »europäisch« war die Kunstszene damals schon? Haben sich die Künstler gegenseitig beeinflusst?

RR: Auch die Kontakte zu Frankreich spielten eine Rolle, zwar nicht direkt über Molière, dafür aber über namhafte »Schauspieltruppen« der italienischen Commedia dell’arte, die den ganzen Kontinent bereisten, um vor Gönnern und Mäzenen – zu diesen zählten auch die rivalisierenden Höfe in Wien und Paris – aufzutreten. Es ist in diesem Zusammenhang, dass 1660 der berühmte Arlecchino Domenico Biancolelli (1636-1688) von Paris nach Wien kann, um vor dem Kaiser aufzutreten. Die Kunstszene, insbesondere hinsichtlich der Komödie, war absolut europäisch, durch und durch international. Es ist ziemlich sicher, dass sich in diesem Zusammenhang Biancolelli und Burnacini in Wien kennenlernten und es ist nicht auszuschließen, dass dadurch gerade in Wien die Weichen für die Erfindung des moderneren Kostüms des Arlecchino, mit seinen regelmäßigen, kaleidoskopischen bunten Rauten, gestellt wurden.

Burnacini: Tentacioni di S. Antonio, nach 1674; Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Burnacini: Tentacioni di S. Antonio, nach 1674; Theatermuseum © KHM-Museumsverband

SB: Burnacini soll ja auch durch den venezianischen Karneval beeinflusst worden sein. Im Rheinland beispielsweise gilt der Karneval eher als »obrigkeitskritisch«, den Mächtigen soll ein Spiegel vorgehalten werden. Aber bei Burnacini scheinen Satire und Nähe zur Macht keinen Widerspruch darzustellen. Schließlich hat Burnacini offenbar viele Feste bei Hof ausgerichtet und sogar zur Opernaufführung anlässlich der Hochzeit Kaiser Leopolds I. 23 Bühnendekorationen beigetragen.

RR: Der Grund ist einfach: seine mit dem Wiener Fasching verbundenen Zeichnungen wurden vom Kaiserhaus beauftragt und auch schon sehr früh von der Hofbibliothek gesammelt. Trotzdem mangelt es ihnen aber keineswegs an scharfer Gesellschaftskritik: Sie nehmen die Grundcharaktere der Menschen ins Visier. Zwar fehlen als Figuren Kaiser und Papst, aber jede Betrachterin und jeder Betrachter findet sich irgendwann in einem seiner Maskierten wieder. Gerade durch ihren schalkhaften Auftritt schlagen diese eine Brücke zu einer weiteren Ebene, die feinfühlig, sogar psychologisch nuanciert ist: jenseits gemeiner, ungehobelter Fratzen, die miteinander grotesk interagieren, verbirgt sich nichts anderes als unsere eigenen Charaktere, die von Hass und Angst genauso wie von Genuss und Liebe angetrieben werden.

SB: Warum sollte man sich aber auch 2021 noch mit dem Künstler beschäftigen? Das Barocke Theater gehört doch längst der Vergangenheit an...

RR: Burnacinis »Verkleidungsspiele« mit Masken und Kostümen mögen zunächst komisch, grotesk und ihrer Absurdität plakativ erscheinen. Doch hinter ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit verbirgt sich eine intimere Dimension: Sie lassen auch die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins durchscheinen. Somit sind sie gerade in Zeiten der Pandemie von größter Aktualität. Wofür stehen seine Maskeraden? Dienen sie etwa nicht als Schutz für die Seele genauso wie für uns derzeit Masken zum Schutz des Körpers dienen? Da sehe ich viele Parallelen …


Rudi Risatti (*1984, Bozen)
Studium der Szenografie, Kunst– und Theatergeschichte an der Akademie der bildenden Künste und an der Universität Wien.
2011 Dissertation in Philosophie und Anthropologie der Künste
2012 Forschungsprojekt für die Universität Bozen–Bozen, das einer ersten Evaluierung des Dingwerth–Archivs im Schreibmaschinenmuseum in Partschins–Parcines gewidmet ist
Seit 2013 Kurator der Sammlungen von Zeichnungen und Bühnenbildmodellen am Theatermuseum – Kunsthistorisches Museum in Wien.

Ausstellungsansicht; Tom Ritter © KHM-Museumsverband
Ausstellungsansicht; Tom Ritter © KHM-Museumsverband

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