Buchrezensionen, Rezensionen

Guido Beltramini: Palladio. Lebensspuren, Klaus Wagenbach Verlag 2009

Man weiß nur weniges über das Leben des Andrea Palladio. Obgleich bereits von seinen Zeitgenossen hochgeschätzt, brachte er es zu keinem eigenen Kapitel in den Viten Vasaris, sondern wurde lediglich mit einer ehrenvollen Erwähnung am Rande bedacht. Für seinen Nachruhm sorgte in erster Linie der Architekt selbst, als er 1570 seine „Vier Bücher zur Architektur“ veröffentlichte, vermutlich selbst nicht ahnend, dass er damit die Baukunst der Neuzeit beeinflussen sollte wie kein anderer.

Beltramini©Klaus Wagenbach Verlag
Beltramini©Klaus Wagenbach Verlag

Biographische Hinweise über den Künstler sind hingegen äußerst spärlich, obwohl sich bereits in der Vergangenheit zahlreiche Forscher um den Wissensstand aus Archivbeständen und zeitgenössischen Berichten bemüht haben. – Nicht einmal das Porträt des Meisters ist authentisch gesichert! – Dennoch muss man sich in diesem Zusammenhang weder um einen zweiten „Fall Shakespeare“ sorgen, noch andere Verschwörungstheorien befürchten, denn die Faktenlage ist hinreichend, um zumindest einige Anhaltspunkte über das Leben des Architekten und Verfassers der „Quattro Libri“ zu rekonstruieren.

Guido Beltramini, der seit 1991 ein Forschungszentrum in Vicenza leitet und bereits als Mitautor mehrerer Publikationen über das Werk des Künstlers in Erscheinung getreten ist, hat in einem separaten kleinen Band die Lebensspuren Palladios zusammengetragen und einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Auch wenn der Großteil dieser Daten bereits bekannt ist, so stellt seine Abhandlung eine ausgesprochen lesenswerte Studie dar, die sich mit der Lebenswelt, dem räumlichen Umfeld, dem Personenkreis rund um den Architekten beschäftigt und einige prägnante Schlaglichter auf das Vicenza der Palladio-Zeit wirft.

Fest steht, dass Palladio 1508 in Padua geboren wurde und in bescheidenen, jedoch dem Anschein nach recht respektablen Verhältnissen aufwuchs. Keine der obligaten Künstler-legenden rankt um seine Kindheit und Jugend, nicht einmal in den frühesten Viten. Er erlernte das Handwerk des Steinmetzes, zog später zusammen mit seinem Vater nach Vicenza und ist dort ab 1524 als Geselle in der Werkstatt von Giacomo da Porlezza und Girolamo Pittoni belegt.

Danach tut sich jener geheimnisvolle Zeitraum auf, der aus dem Handwerksgesellen Andrea, Sohn des Pietro della Gondola, den weltberühmten Architekten Palladio werden ließ. Dieser trat, im Vergleich zu anderen Genies der Renaissancezeit, erstaunlich spät, nämlich erst gegen Ende seines vierten Lebensjahrzehnts, auf die Bühne der großen Kunstgeschichte. Seine Heimatstadt lag abseits der großen Kunstzentren Italiens wie Rom, Florenz oder Venedig. So scheint er sich tatsächlich mit Hilfe seines außergewöhnlichen Talents emporgearbeitet zu haben, wobei er möglicherweise auch einige Gelegenheiten zum Austausch mit prominenten Künstlerkollegen hatte.

Nach übereinstimmender Meinung der Biographen war jedoch vor allem seine Freundschaft mit dem Gelehrten und Diplomaten Giangiorgo Trissino von maßgeblichem Einfluss auf seinen späteren Werdegang. Die intensiven Auseinandersetzung mit der humanistischen Kultur sowie die Reisen nach Rom, die er zusammen mit seinem Förderer unternahm, dürften wesentliche Impulse für das Werk des Architekten geliefert haben.

Mit der Beauftragung als ausführender Architekt beim Bau der Loggien am Palazzo della Ragione gelangte er 1549 quasi über Nacht in den Status eines Architekten von Weltrang. Es folgte, innerhalb dreier Jahrzehnte, ein überaus produktives Oeuvre, mit dreiundsechzig Bauten zwischen Veneto und Friaul, Hunderten von Zeichnungen, fünf Publikationen und der Entwurf für eine sechste.

Nach etwaigen Starallüren sucht man in den Lebensspuren Palladios hingegen vergeblich. Sein erster Biograph Paolo Gualdo äußerte sich 1615 voll des Lobes über seinen offenbar glücklichen Umgang mit Menschen. Demnach scheint der Architekt die Gaben der Kommunikation und der Motivation von Mitarbeitern besessen zu haben. Er hinterließ auch einen großen Kreis an Schülern.

Ob es der Meister, der übrigens trotz seines ausgezeichneten Rufs nie ein höheres offizielles Amt ausübte, wenigstens zu Reichtum und Wohlstand gebracht hat? Ob das Familienleben der Palladios ein harmonisches war? Über diese Fragen liegen ebenfalls nur wenige Angaben vor, doch Beltraminis mit viel Geist geschriebene biographische Skizze kann als mustergültiges Beispiel dafür gelten, wie man aus einem Minimum an gesicherten Fakten ein Maximum an Information aufbereiten kann.