Rezensionen

Hanna Heinrich: Ästhetik der Autonomie. Philosophie der Performance–Kunst. transcript Verlag

Performance–Kunst ist mehr als ein kulturindustrielles Spektakel, denn sie will auf die Beteiligten existenziell einwirken. Hanna Heinrich entwickelt Analysekategorien, die die Kommunikationsmodi dieser Kunstform ebenso wie ihren gesellschaftstransformativen Anspruch philosophisch ergründen. Dazu bedient sie sich der ästhetischen Positionen G.W.F. Hegels, Friedrich Nietzsches, Martin Heideggers, Alain Badious und Michel Foucaults, die der Kunst große emanzipatorische und soziopolitische Kraft zusprechen so- wie politischer Philosophien und Ethiken und zeigt damit auf: »Gelungene« Performances stellen sich als exemplarische Handlungsräume mit utopischem Potenzial der gegenwärtigen Entfremdung entgegen und verweisen auf die (Mit)Verantwortung und Freiheit jedes Einzelnen. Eine Rezension von André Latz.

Cover © transcript Verlag
Cover © transcript Verlag

Gerade ab den 2010er Jahren wurde der Diskurs über Performance–Kunst größer. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Performance »Faust« von Anne Imhoff bei der 57. Biennale 2017 mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Vor dem Hintergrund, dass Hanna Heinrich ihre Forschung deutlich früher begonnen hatte, scheint die Veröffentlichung ihres Buchs unbeabsichtigt zu einem glücklichen Zeitpunkt erfolgt zu sein. Vor allem mit Blick darauf, dass eine umfassende Philosophie der Performance–Kunst bis dato nicht vorlag. In der vorliegenden Publikation versteht Heinrich, mit Bezug auf Sybille Krämer, die Performance–Kunst als »[...] an die Aufführung singulärer Ereignisse geknüpften Künste des Handelns [...], die die Körper der KünstlerInnen oder die anderer, wie die der RezipientInnen, zum Medium der Kunst mache[n]«.

Die auf breiter und tiefer Literaturbasis sowie zahlreichen empirischen Belegen fußende Arbeit beginnt mit einer Einleitung, die das Themenfeld skizziert, verortet und legitimiert: es werden mit Hilfe philosophischer Grundlagentexte zentrale Analysekategorien herausgearbeitet. Die Performance–Kunst wird im Laufe der Publikation anhand zahlreicher Beispiele, nicht nur philosophisch, sondern auch kunsthistorisch und soziologisch mittels dieser Kategorien eingeordnet und erfasst. Umgekehrt dienen die praktischen Beispiele körperzentrierter Performance–Kunst als Prüfstein für die Operationalität der Analysekategorien. Ein weiteres zentrales Thema Heinrichs Arbeit sind die Probleme vornehmlich westlicher Dichotomisierungen (männlich/weiblich, Kunst/Wissenschaft, Körper/Geist etc.) und entsprechende Strategien, diese Probleme lösungsorientiert zu adressieren.
Bereits die Einleitung der Veröffentlichung ist erfrischend komplex. Hier wird das Themenfeld der Publikation nicht nur, wie zu erwarten wäre, akademisch vorgestellt, sondern darüber hinaus argumentativ geöffnet. Diese Öffnung der Diskussion von der Antike bis in die Gegenwart zeugt von den zahlreichen Diskursen, welche sich um Kunst, Macht, Herrschaft, Autonomie und die Probleme der in erster Linie westlichen Dichotomisierungen gruppieren. Dieser weit gefasste Blick wird alsbald wieder fokussiert auf die philosophischen, die kunstgeschichtlichen sowie die soziologischen Fragestellungen, die sich aus der Entwicklung einer Philosophie der PerformanceKunst er– geben. In der Einleitung offenbart sich schon, dass Leser*innen Zeit und Ruhe mitbringen sollten, um Heinrichs Inhalts und Gedankenreichtum angemessen folgen zu können.

Der Blick des ersten Hauptteils auf die spannende historische Genese der PerformanceKunst zeugt sowohl von der profunden theoretischen Kompetenz, als auch dem tiefgehenden Wissen der Autorin um zahlreiche Praxisbeispiele. So werden in diesem Kapitel eindringliche Interpretationen und Analysen der angeführten Werke vorgenommen. Mittels der vorgestellten Fallbeispiele zeigt Heinrich in vier Unterkapiteln auf, dass Performance–Kunst politisch, provokativ, kritisch und emanzipatorisch ist. Sie wird als eine Kunst beschrieben, welche politische und auch ethische Ziele verfolgt und so auf Individuum und Gesellschaft wirken kann. Die genannten Dichotomien wurden und werden durch Performance–Kunst aufgezeigt und kritisiert, so die Autorin. Das in diesem Teil der Arbeit bereits in der Gliederung zentrale Begriffe eingeführt werden, bereitet gut auf die Lektüre der weiteren Arbeit vor. Hier sei angemerkt, dass die Gliederung und die Wahl der einzelnen Kapitelüberschriften sehr gelungen wirkt, einerseits in Bezug auf die Klarheit der Struktur der Publikation, andererseits auch in sprachlicher Hinsicht.

Das zweite Kapitel widmet sich dann dem Verständnis von Kunst als Leben und Leben als Kunst. Hier zeigt sich schon in der Gliederung eine der stilistischen Stärken der Autorin: »Performing Hegel«, »Performing Nietzsche«, »Performing Heidegger und Badiou« sowie abschließend »Performing Foucault«. Alle Postionen werden konsequent auf die Performance–Kunst und die zu entwickelnde Philosophie ausgerichtet und überprüft. Auch wer bei dem Titel »Ästhetik der Autonomie« an die, unter anderem von Foucault aufgenommene, »Ästhetik der Existenz« denkt, findet sich wieder. Klar ist, dass es der Autorin nicht um eine Art lexikalische Definition der Begrifflichkeiten geht. Dies ist von großem Vorteil, da die Leser*innen nicht mit umfangreichen Abschnitten definitorischer Art gelangweilt werden. Vielmehr operationalisiert die Autorin, an keiner Stelle mehr als notwendig, die von ihr zur Analyse herangezogenen Modelle und Begriffe. Auf der anderen Seite verdeutlicht diese Herangehensweise den hohen Anspruch an die Vorbildung der Leser*innen. Die langjährige Beschäftigung der Autorin mit dem Themenfeld, spiegelt sich auch in der umfangreichen, herangezogenen Literatur, welche deutlich ist, wider.

Im dritten Kapitel nutzt Heinrich die gewonnenen Erkenntnisse, um ihre Philosophie der Performance–Kunst stringent zu entwickeln. Dazu werden die ästhetischen Positionen der herangezogenen philosophischen Texte an sieben Prüfsteinen aus der Praxis der Performance–Kunst gemessen. Die Autorin zeigt auf, dass Performance–Kunst, bewusst oder unbewusst, ihre Gesellschaftskritik als Appell zur Transformation verstanden wissen will. Zentrum der vorliegenden Philosophie der Performance–Kunst ist das transformatorische Potential für ein selbstbestimmteres In–der–Welt–sein und somit für mehr Eigenverantwortung, Autonomie, ja Selbstkonstitution durch Praktiken der Befreiung. Heinrich gleicht das theoretische Potential von Performance–Kunst gut mit den tatsächlichen Wirkungen ab und arbeitet das subversive Moment heraus, aus dem sich das Trans– formationspotential maßgeblich schöpft.
Die Arbeit schließt mit einem, in Komplexität der Einleitung in nichts nachstehendem, Ausblick. Dabei wird auch aufgezeigt, dass Performance–Kunst nur ein Raum ist, in welchem unter anderem Autonomie und Herrschaftsfreiheit erprobt werden können. Hieraus folgt auch die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung tatsächlicher Transformationen durch Performance–Kunst, so das Fazit der Autorin.

Grundsätzlich wirkt es sehr innovativ, eine Philosophie der Performance–Kunst zu entwickeln. Neben der interdisziplinären Herangehensweise Heinrichs, ist die gelungene Umsetzung in Sprache und Stil hervorzuheben. Allerdings sind an einigen Stellen manche Sätze sehr lang geraten, hier hätten dem Text mehr Hauptsätze und weniger Schachtelsätze gut getan.
Selten musste der Rezensent bei der Lektüre von Fachliteratur so häufig schmunzeln, denn Heinrich beweist nicht nur Expertise, sondern auch Humor. Exemplarisch sei hier angeführt, dass das »Ereignis« bei Heidegger und Badiou in einem Kapitel gemeinsam behandelt wird. Man richte den Blick auf den Nationalsozialismus und Antisemitismus beziehungsweise den Maoismus der Personen hinter den Theorien. Diesen Humor teilen vielleicht nicht alle Leser*innen, dies ist jedoch zum Einen Geschmacksache, beeinträchtigt aber zum Anderen die sehr präzise Analyse keineswegs, sondern stellt im Gegenteil eine der Stärken der Publikation dar.

Da Heinrich die vorgestellten philosophischen Positionen konsequent mit Blick auf das Thema der Publikation ausgewählt hat und diese entsprechend fruchtbar macht, werden nicht alle Leser*innen mit allen diesen Interpretationen einverstanden sein. Dies ist jedoch eine zentrale Stärke in der Herangehensweise insbesondere bei der akademischen Auseinandersetzung mit einer Aufgabenstellung.
Als Fazit der Rezension lässt sich ziehen, dass Heinrich in der Summe einen ebenso relevanten wie spannenden Untersuchungsgegenstand identifiziert hat und mit ihrer anspruchsvollen und immer wieder vorbildlich interdisziplinären Publikation zur Schließung einer Forschungslücke beigetragen hat. Besonders hilfreich ist die Tatsache, dass Heinrich nicht nur mit Hilfe der Philosophie vorgeht. Im besten akademischen Sinne wird über den eng gefassten Tellerrand nur einer Disziplin hinausgeschaut. So werden kunsthistorische, soziologische sowie politische Perspektiven und Werkzeuge fruchtbar gemacht. Eine anspruchsvolle und anregende Lektüre, welche jedoch auf Grund des Inhalts und Gedankenreichtums die Leser*innen zeitlich und akademisch herausfordert. Eine Leseempfehlung nicht für zwischendurch, sondern ein hohes Reflexionsniveau fordernd und mehr als nur eine akademische Qualifikationsschrift.


Titel: Ästhetik der Autonomie. Philosophie der Performance–Kunst
Autorin: Hanna Heinrich:
Verlag: transcript
356 Seiten
ISBN: 978-3-8376-5214-7

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