Interviews

Hermann Nitsch – Neue Arbeiten. Nitsch Museum Mistelbach. Interview mit dem Künstler

Seit 1. Juli ist das nitsch museum Mistelbach wieder für Besucherinnen und Besucher geöffnet und präsentiert die neue Schau »Hermann Nitsch – Neue Arbeiten«. 80 aktuelle Gemälde bestechen dabei durch völlig neue, leuchtende Farbkompositionen, inspiriert von Pfingstrosen und anderen Frühlingsblumen. Andreas Maurer hat Hermann Nitsch (*1938) über die Corona–Krise und die seine Kunst gesprochen.

Hermann Nitsch © nitsch museum, Foto: Renate Heger
Hermann Nitsch © nitsch museum, Foto: Renate Heger

Andreas Maurer: Die Corona–Krise hat auch das nitsch museum in Mistelbach in Niederösterreich zur Schließung gezwungen. Endlich, nach dem dreimonatigen Lock–Down öffnen die Türen wieder.
Wie haben Sie die Krise eigentlich erlebt bzw. glaubt man ja bei bei Maler*innen sowieso, dass sie mit ihrer Kunst ein Leben in Isolation verbringen...

Hermann Nitsch: Ich habe Angst vor jeder Krankheit, überhaupt in meinem Alter, und jetzt im besonderen vor Corona. Außer für meine Wirtshaus– und Heurigenbesuche zweimal pro Woche verlasse ich mein Haus selten. Ich liebe es zu Hause intensiv zu arbeiten. so war es auch in den letzten Monaten, meine Arbeitsweise wurde von aussen nicht geändert.

AM: Ab 1. Juli sind nun Ihre neue Arbeiten zu sehen, genauer: 80 großformatige Bilder aus den beiden neuen Malperioden, der 81. und 82. Malaktion. Entstanden sind sie alle zwischen Juli 2019 bis April 2020. Wie unterscheiden sich diese von vorangegangen?

HN: Ich möchte nicht Unterschiede in der Entwicklung meiner Arbeit hervorheben, sondern eher einen Entwicklungsstrang oder einen Entwicklungsweg vorzeigen und hoffe, dass mein künstlerischer Weg organisch verlaufen ist. 

Hermann Nitsch 2D © Hermann Nitsch; Foto: Manfred Thumberger
Hermann Nitsch 2D © Hermann Nitsch; Foto: Manfred Thumberger

AM: Sie werden im August 82 Jahre alt, hat sich da ihr Zugang zur Malerei vielleicht verändert, bzw. wollen Sie mit Ihrer Kunst heute vielleicht etwas anderes "sagen" als früher?

HN: Ich will mit meiner Kunst nichts sagen, das Inhaltliche ist mir suspekt. Die Form ist das Wesentliche. Natürlich wollte und will ich mit meiner Kunst etwas bewirken: das intensive Erleben. Mein »Orgien Mysterien Theater« [Anm.: einer von ihm erfundenen Mischung aus Konzert, Theater, Performance, Selbsterfahrung und Malaktion] soll eine Schule der sinnlichen Rezeption sein. Bei meiner frühen Aktionsmalerei hat mich ausschliesslich die Farbsubstanz, die Materie der Farbe interessiert. Ich wollte in der Farbflüssigkeit, im Farbschleim wühlen. Ich wollte die Farbmassen kneten, verschütten, verspritzen und verschmieren. 

AM: Auch bei den neuen, den aktuellen Arbeiten fällt sofort die großzügige Verwendung der Farbe auf. Welche Rolle spielt die Farbe/der Farbklang in den aktuellen Bildern?

HN: Der Farbklang war mir nicht wichtig, aber ich habe gelernt, durch meine Aktionsmalerei mich an schönen wohlklingenden Farben zu berauschen. Die Lärmmusik meines Theaters, das Geschrei wird immer mehr zu einem Orgelklang des Orchesters. Auch hier die Hinwendung zur Farbe. Fleisch, Eingeweide, innere Organe, Blut und Blutwasser vermitteln herrliche Farben!

Hermann Nitsch - Neue Arbeiten 2 © Hermann Nitsch, Fotos Manfred Thumberger
Hermann Nitsch - Neue Arbeiten 2 © Hermann Nitsch, Fotos Manfred Thumberger

AM: Viele kennen wahrscheinlich Bilder oder Videos ihrer Aktionen, bei denen frisch geschlachtete Stiere und Schweine sowie hunderte Liter Blut als »Material« dienen. In den aktuellen Arbeiten sind Pfingstrosen und andere Frühlingsblumen Inspirationsgeber. Warum die Hinwendung vom »Fleisch« zur »Blume«?

HN: Auch die Blumen begreife ich als Fleisch. Ich wühle und knete jetzt die Schönheit aus der Substanz der Farbe. 

AM: Entstanden ist aber auch ein unverwechselbarer Auferstehungszyklus. Transportieren die ausgewählten Farben und Blumen vielleicht eine spezielle Symbolik?

HN: Ich habe mich mein ganzes Leben mit Symbolik beschäftigt. Für mich war ein Symbol immer ein umdarstellbares Geheimnis. Meine Auseinandersetzung mit Symbolen war nicht ein Kreuzworträtsel eines Bedeutungsspieles. Alle Aktionen und Bildresultate, die ich entstehen lasse sind mit Symbolen belastet, die aber der Betrachter assoziativ mitbringt. Meine Aktionen und meine Bilder sind das, was sie sind. 

Hermann Nitsch HF 49 20 © Hermann Nitsch; Foto: Manfred Thumberger
Hermann Nitsch HF 49 20 © Hermann Nitsch; Foto: Manfred Thumberger

AM: Neben den aktuellen bildnerischen Arbeiten werden in der Kapelle des Museumsareals auch Ihre Sinfonien zu hören sein. Zudem wurden diese – in Kooperation mit dem Institut für Schallforschung der Akademie der Wissenschaften – mithilfe eines Spektrogramms visualisiert. Welche Rolle spielt die Natur oder der »Klang der Natur« generell in Ihrem bildnerischen und musikalischem Werk?

HN: In letzter Zeit erkenne ich immer mehr, dass das, was vor allem die Musik und die unermessliche Schönheit von Tönen und Farben bringen kann, eigentlich in der Natur bereits vorliegt. Diese grundsätzlich gegebenen Tatsachen möchte ich freilegen, das betrifft alle Tonarten, alle Farbskalen und die Vision der Farbklänge. 

AM: Die neuen Arbeiten überraschen mit ihren intensiven Farbclustern. Transzendente Leichtigkeit trifft dabei auf eine reliefartige Haptik. Farblich und auch vom Pinselduktus her wirken die Bilder für mich auch »dichter« als frühere Werke, oder täuscht das nur?

HN: Sollte es so sein, dass meine Arbeiten aus den letzen Jahren dichter geworden sind, dann wäre ich darüber sehr froh. Ich habe laufend neue farbige Arbeiten ausgestellt, Sinfonien, Orgelkonzerte und Kammermusik aufgeführt und möchte nicht einen strikten Entwicklungssprung feststellen. Es sollte im Sinn der Farben und Töne immer inniger in die Verwirklichung des Seins gestossen werden. 

AM: Auch wenn die »Neuen Arbeiten« gerade erst der Öffentlichkeit vorgestellt werden, woran arbeiten Sie aktuell?

HN: Ich arbeite daran worum ich mich immer bemüht habe: an meinem Sechstagespiel, das ich im Jahr 2021 im Orgien Mysterien Theater in Prinzendorf verwirklichen will.

Hermann Nitsch 10 20 © Hermann Nitsch Foto: Manfred Thumberger
Hermann Nitsch 10 20 © Hermann Nitsch Foto: Manfred Thumberger

Aktuelle Ausstellung:
Hermann Nitsch – Neue Arbeiten. Nitsch Museum Mistelbach.
01.07.2020 – 25.04.2021


Hermann Nitsch (*1938) zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Wiener Aktionismus und ist zudem einer der vielseitigsten zeitgenössischen Künstler.
Der Enfant terrible der österreichischen Kunstszene ist dafür bekannt, Tierkörper, Blut und Teile geschlachteter Tiere zu nutzen. Sein Gesamtkunstwerk – das »Orgien Mysterien Theater« – demonstriert das breite Spektrum seiner Kunst und fordert alle fünf Sinne des Publikums.
Der mehrfach ausgezeichnete Künstler lebt und arbeitet heute auf seinem Schloss in Prinzendorf an der Zaya, Niederösterreich sowie in Asolo, Italien. Seine Werke sind in zwei monografischen Museen in Mistelbach und Neapel sowie in der Nitsch Foundation in Wien und in den renommiertesten internationalen Museen und Galerien ausgestellt.

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