Buchrezensionen, Rezensionen

Hommage an Dani Karavan zum 80. Geburtstag

Günter Baumann hat sich aus Anlass des 80. Geburtstages dem Künstler Dani Karavan gewidmet. Das Besondere an Karavans Arbeiten ist es, Stadt- und Landschaftsräume auf neue und bemerkenswerte Weise erfahrbar und erlebbar zu machen. Er geht bei dieser gestalterischen Verwandlung immer von der Geschichtlichkeit des Ortes aus. So hat Karavan Walter Benjamin eine Gedenkstätte im spanischen Portbou gewidmet, wo sich Benjamin 1940 auf der Flucht vor dem Naziregime das Leben genommen hatte. An diesem Beispiel der Erinnerungskultur gelingt u.a. die Reflektion zum Thema "Erinnern".

Als Bildhauer ist Dani Karavan immer auch Architekt, Bühnenbildner und drum herum auch Zeichner. Vielleicht ist es seine überdimensionale Begabung, die ihm jetzt schon einen zeitlosen Status gibt. Wo immer seine Arbeiten stehen, weht den Betrachter ein Werk von unbeschreiblicher Bedeutung an. Im Dezember feiert der Ausnahmekünstler aus Tel Aviv seinen 80. Geburtstag. Dass dieses Datum in Deutschland auf wache Sinne fällt, liegt nicht nur am speziellen deutsch-israelischen Verhältnis, das Deutschland mit Karavan und Menashe Kadishman zwei herausragende Bildhauer beschert hat, die hier sichtbar präsent sind. Von Karavan steht gut ein Dutzend Kunstwerke im öffentlichen Raum in Deutschland, und das an exponierter Stelle: man denke an das Environment vor dem Museum Ludwig in Köln oder an den »Way of Human Rights« vor dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Das wohl bedeutendstes Werk findet sich allerdings nicht in Deutschland, sondern im spanischen Portbou, wo Karavan zwischen 1990 und 1994 nicht weniger als die Brandung und Felsen mit Steinen, Stahl, Olivenbaum sowie mit Zaun, Glas und Sprache/Schrift zu einem grandiosen Environment kombiniert hat, das aber auch wieder mit der deutschen Geschichte zu tun hat: Es heißt »Passagen« und ist gemäß dem Untertitel eine »Hommage an Walter Benjamin«, ein Gedenkensemble für jenen Philosophen, Philologen, Soziologen, der vor den Nazis flüchten musste und sich bei Portbou mutmaßlich das Leben nahm. Es war übrigens der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der die Arbeit in Auftrag gab. Davon abgesehen, ist Dani Karavan jedoch ein universell wirkender Künstler, wie es kaum Kollegen in Deutschland findet. Eher denkt man an Henry Moore oder Eduardo Chillida, die den Raum an sich gestalteten. Hierzulande hätte die Plastik gar nicht die Fürsprecher und Förderer, die jene Meisterbildhauer schon mitbrachten, als sie für Deutschland entdeckt wurden.

Seit den 1960er Jahren ist Dani Karavan mit großräumigen Arbeiten präsent, mehr als das: mittendrin, denn mit einem eindrucksvollen Gespür macht er sich den Umraum, ja ganze Landschaftsstriche für sich nutzbar. Dabei kann man Karavan nicht einfach als Vertreter der Land Art einstufen: Es ist nicht die Landschaft, die sein Kunstwerk ausmacht, sondern die eigenständige Plastik, die sich mit der Landschaft bzw. der städtischen Umgebung misst. Andrerseits erhält seine an sich abstrakte Plastik durch ihre Position eine (architektonische) Konkretheit, die durchaus Hinguckerqualitäten hat. Das liegt auch daran, dass Karavans Vater Landschaftsarchitekt war, der ihm die dramaturgische Ader und Fähigkeit vererbte. Es wundert etwas, dass sich fast nur der Wasmuth-Verlag um das Werk in Deutschland verdient gemacht hat. Das jüngste Karavan-Werk im Tübinger Haus ist 2010 erschienen: »Der Fortschritt des Erinnerns«, ein Buch, das sich über einige kontemplative Wege – zu den Themen »Ortschaft«, »Friedhof«, »Talsperre«, »Grenzbereich«, »Hafenstraße« – mit Dani Karavan und Walter Benjamin und dem genannten Werk in Portbou beschäftigt. Der Prolog ist dem »Erinnern« gewidmet, der Epilog sinnigerweise dem »Vergessen«. Der Band reflektiert sowohl die politischen Dimensionen des Gedenkens als auch das Verhältnis von Kultur- und Massentourismus.

Wenn auch diese einfühlsame Publikation zu den wichtigen Themen des Erinnerns, aber auch des Verdrängens, Vergessens, Verbrauchens passend zum Jubiläumsjahr erschienen ist, kann der Verlag freilich noch immer auf den großen Retrospektivband aus dem Jahr 2008 zurückgreifen, der anlässlich einer Ausstellung im Martin-Gropius-Baus in Berlin – und zum 60-jährigen Geburtstag Israels !! – herauskam. Dort ist alles zu finden, was einen umfassenden Blick auf das grandiose Werk von Dani Karavan ergibt. Das Buch ist liebevoll gestaltet, vermittelt ein Bild der verdichteten Ästhetik von Karavans Schaffen und macht nachdenklich. Nirgends sonst wird der Dialog zwischen Mensch, Kunst und Natur so vielschichtig und formvollendet geführt wie in seinem Werk. Auch hier kulminiert die Betrachtung in der nordspanischen Gedenkstätte. In Deutschland ist Dani Karavan seit der Documenta 1977 gegenwärtig, und seine Botschaft, die aus seiner lebendigen Erinnerungsarbeit heraus entsteht, ist hier so wichtig wie anderswo: eine Welt in Frieden zu schaffen, und wäre sie nur in der Utopie greifbar. »Seine großen Environments«, so Manfred Schneckenburger 1982, »sind alle dem Frieden gewidmet… Der Purismus weißer Elementarformen, die Lebenslinie des Wassers, der Brückenschlag der Achsen, die Epiphanie des Lichts rücken seine Anlagen in eine subtile Sakralität zwischen Tempel und Hain«.