Interviews

Interview mit Bettina Baumgärtel, Kuratorin der Ausstellung »Angelika Kauffmann. Unbekannte Schätze in Vorarlberger Privatsammlungen«, Vorarlberg Museum, Bregenz 14.6. – 6.10.2019 und Angelika Kauffmann Museum, Schwarzenberg 15.6. – 3.11.2019

Viele Schätze der berühmten Malerin Angelika Kauffmann (1741–1807) blieben bisher verborgen, nun kommen sie ans Licht: Im Vorarlberg Museum in Bregenz und im modernen Ausstellungsraum des Angelika Kauffmann Museums in Schwarzenberg werden rund 160 Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphiken, die in Vorarlberg mit viel Liebe gesammelt und gehütet wurden, erstmals ausgestellt. Ergänzt wird die Schau um einzigartige Leihgaben aus öffentlichen Sammlungen Zudem ist es der Kuratorin und Angelika Kauffmann–Expertin Bettina Baumgärtel im Rahmen ihrer Vorbereitung für das Werkverzeichnis gelungen, so manches verschollen geglaubte Bild im Ländle wieder aufzuspüren. Andreas Maurer hat sie interviewt.

Bettina Baumgärtel ®corneliahefel Angelika Kauffmann, Flora, 1790, Vorarlberg, Privatsammlung © AKRP, Foto Markus Tretter Ausstellungsansichten Angelika Kauffmann Museum  Schwarzenberg, Foto Marion Hirschbühl Angelika Kauffmann, Agrippina trauert über der Urne des Germanicus, 1793, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Gemäldegalerie, Vermächtnis Werner Gerhard Linus Müller, © AKRP, Foto Inken M. Holubec
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 Andreas Maurer: Sehr geehrte Frau Dr. Baumgärtel, neben dem Vorarlberg Museum erstreckt sich die aktuelle Schau auch auf das Angelika Kauffmann–Museum in Scharzenberg, wie unterscheiden sich die beiden Präsentationen?

Bettina Baumgärtel: Die Bregenzer Ausstellung geht in acht Kapiteln spannenden Fragen nach, etwa wie Angelika Kauffmann tatsächlich ausgesehen hat, was ihre Bilder gekostet haben, wie sie zur Meisterin der Radierkunst wurde, welches Frauenbild sie mit ihrer Kunst prägte, wer zu ihren Lebzeiten ihre Sammler waren, oder warum sie in London zur Lieblingskünstlerin der High Society aufstieg.
In Schwarzenberg treffen einzigartige Frühwerke auf meisterhafte Spätwerke. Sie stehen in direktem Bezug zu den Kauffmann–Bildern in der Kirche von Schwarzenberg. Damit spannen die Exponate den Bogen zu den Fresken des jungen Talents und zum Altarbild der reifen Meisterin. Besonders spannend ist, dass wir hier Kauffmanns allerletztes Werk zeigen können, das bisher nicht bekannt war: eine Hl. Maria Magdalena.

A.M.: Abgesehen von Angelika Kauffmann und ihren Werken, gibt es einen roten Faden, der beide Ausstellungsorte miteinander verbindet?

B.B.: Wenn man so will: die Sammelleidenschaft und die zu entdeckenden Schätze, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt. Tatsächlich haben wir in Bregenz Schatzkisten in verschiedenen Kapiteln aufgestellt, in denen Dinge liegen, wodurch die Besucher aufgefordert sind, sich die Werke genauer anzusehen und etwas darin zu entdecken.

A.M.: Überhaupt begegnet man an beiden Orten viel Neuem. Der Großteil der ausgestellten Exponate stammt ja aus ca. 30 Vorarlberger Privatsammlungen.

B.B.: Die Ausstellung bietet daher die vielleicht einmalige Gelegenheit, unbekannte Vorarlberger Schätze erstmals kennenzulernen. Ich kann nur wenige Beispiele aufzählen: Zu den besonderen Höhepunkten der Ausstellung zählt eine »Ceres« als Sinnbild des Sommers, die lange als verschollen galt. Sie wurde nun in der Ausstellung erstmals wieder mit der schönen Bacchantin der Berliner Gemäldegalerie zusammengeführt. Auch konnte ich das Rätsel der Identität eines »Unbekannter Herr« endlich lösen. Er entpuppte sich als der Vetter der Künstlerin, der Bildhauer Johann Peter Kaufmann – mit einem f. Ein anderer attraktiver Jüngling verlor dagegen seine Identität als Goethe. Er gilt nun als der schottische Schönling Alexander, Duke of Gordon. Und eine weitere sensationelle Entdeckung ist beispielsweise ein frühes Selbstbildnis, das ich in Amsterdam im Handel entdeckt habe.

A.M.: Sie haben 1990 das »Angelika Kauffmann Research Project« gegründet mit dem Ziel ein Gesamtverzeichnis aller Werke von Angelika Kauffmann, ein kritisches Werkverzeichnis zusammenzustellen. Wie fühlt man sich, wenn man trotz der langen Auseinandersetzung mit den Werken der Künstlerin solche verschollenen Gemälde wiederfindet und sie dann das erste Mal live sehen oder in der Hand halten kann?

B.B.: Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, wirklich aufregend, wenn solche Bilder scheinbar aus dem Nichts wieder auftauchen und ihr Dasein behaupten! Bisweilen tauchen sie im Kunsthandel auf oder werden mir als Erbstücke vorgelegt mit der unsicheren Frage, ob das wirklich eine echte Kauffmann sein kann. Die Freude auf beiden Seiten ist natürlich groß, wenn ich das bestätigen kann.

A.M.: Neben ca. 160 Gemälden sind an den beiden Ausstellungsorten auch Zeichnungen, eigenhändige Radierungen und Nachstiche Kauffmanns zu sehen. Welche Rolle spielen diese im Œuvre der Künstlerin?

B.B.: Eine große! Es haben sich zahlreiche Zeichnungen erhalten, die uns Einblick in den Werkprozess geben. Ausgestellt sind aber auch sehr schöne, bislang unbekannte Blätter, die einen autonomen, von einem Gemälde unabhängigen Stellenwert haben. In der Ausstellung sind Kauffmanns eigenhändige Radierungen erstmals so komplett wie nie zuvor zu sehen, einige davon in absolut raren Probeabzügen oder ersten Zustandsdrucken. Die Blätter verraten viel über Kauffmanns Arbeitsweise und ihre Beschäftigung mit den großen Meistern des Barock. Sie bezeugen, welche Bilder von Raffael, Reni oder Correggio sie wann und wo gesehen und kopiert hat, oder wem sie begegnet ist, deren Porträts sie auf der Druckplatte festhält. Und ich denke, dass sie schon in dieser frühen Zeit die Möglichkeiten auslotet, wie sie ihre Kunst weiter verbreiten und leichter vermarkten kann. Damals wie heute bedeutet das Sammeln von Graphik von und nach Kauffmann, dass ein Sammler mit einem schmaleren Geldbeutel und weniger Wandfläche in seiner Wohnung auf kostengünstigere und Platz sparende Weise eine ‚echte Angelika‘ erwerben kann.

A.M.: »Angelika« war schon zu Lebzeiten eine herausragende Künstlerpersönlichkeit des 18. Jahrhunderts, sie galt als Mythos und als erste Künstlerin von europäischem Rang.
Selbst Johann Wolfgang von Goethe war ein Fan von Kauffmann! Hatte der Dichterfürst Einfluss auf die Künstlerin?

B.B: Es war keinesfalls eine Einbahnstraße, im Gegenteil, Kauffmann als die ältere und erfahrenere Künstlerin übte selbst Einfluss auf einen Goethe aus, der sich in Italien auf Sinnsuche befand. Während seiner Italienreise überlegte er sogar, bildender Künstler zu werden und ließ sich von Kauffmann anleiten. Sie tauschten sich u.a. über Farben aus. Er kam jeden Sonntag zu ihr, um nach einem gemeinsamen Besuch römischer Kunstsammlungen zusammen mit ihr zu speisen. Er wiederum las aus seinen Werken in ihrem Salon ihren Freunden vor, offenbar unvergessliche, intensive Stunden, wenn man den Briefen und dem »Italienischen Tagebuch« Goethes Glauben schenken darf. Sie porträtierte ihn und schuf schöne Illustrationen zu seinen Werken, zwei davon sind erstmals in der Bregenzer Ausstellung zu sehen.

A.M.: Es gibt auch Spekulationen, die beiden seien ein Liebespaar gewesen?!

B.B.: Das trifft sicher nicht zu. Sie war für ihn eine gute Freundin, die den intensiven Austausch mit ihm nach seiner Abreise aus Rom sehr vermisste.

A.M.: Etwa seit den 1980er Jahren, also seit der beginnenden Künstlerinnen–Forschung zählt Angelika Kauffmann zu den bekanntesten weiblichen Kunst–Stars der Vergangenheit. Haben sich die beruflichen Möglichkeiten von weibliche Künstlerinnen seit Kauffmanns Zeit verändert?

B.B.: Auch wenn es heute wieder eine Art Aufbruch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit gibt, so herrscht indes im internationalen Kunsthandel noch eine deutliche Unterbewertung der Kunst von Frauen, was erst einmal gut für die sammelnden Käufer sein kann. Wie Kauffmanns Ruhm und Reichtum schon damals eine Ausnahme war, ist der Spitzenverdienst von Künstlerinnen heute weiterhin die Ausnahme. Bei den beiden Ausstellungen zu Angelika Kauffmann geht daher auch um die Frage nach der eigenen Identität, d.h. der Geschichte von Frauen in Kunst und Kultur. Denn nur in Kenntnis unserer eigenen Geschichte können wir Zukunftsvisionen entwickeln.


Bettina Baumgärtel (* 1957) ist eine deutsche Kunsthistorikerin.
Sie leitet die Gemäldesammlung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf und gilt als Expertin für die Malerin Angelika Kauffmann und die Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts, besonders der Düsseldorfer Malerschule.

Buchtipp:
Bettina Baumgärtel (Hg.): Angelika Kauffmann. Unbekannte Schätze aus Vorarlberger
Privatsammlungen, Hirmer 2018