Buchrezensionen

Julia M. Nauhaus (Hg.): Erzgebirge, Hügel-Grund, Artemis-Land. Altenbourgs Landschaften, Lindenau-Museum 2014

Der mit ihm befreundete Schriftsteller Erhart Kästner nannte Gerhard Altenbourg einst einen »James Joyce der Landschaftsmalerei«. Denn es sind keine exakt bestimmbaren Orte, die er malt oder zeichnet, sondern Seelenlandschaften aus Strichen, Linien und Farben. Ihnen widmet das Lindenau-Museum nun eine Ausstellung. Rowena Fuß hat sich an den Begleitband gemacht.

Gerhard Altenbourg (1926-1989) war ein vielseitig tätiger Künstler. Er widmete sich im Laufe seines Lebens der Malerei und Grafik ebenso wie der Bildhauerei und Dichtung. 1959 nahm Altenbourg an der documenta II teil. Für sein Werk, das in vielen bedeutenden Sammlungen im In- und Ausland vertreten ist, erhielt er zudem zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise den Preis der II. Internationale der Zeichnung in Darmstadt (1967) und ein Jahr darauf den Will-Grohmann-Preis. Heute gehört er eher zu den Vergessenen.

Das Lindenau-Museum in Altenburg, das den weltweit größten Werkbestand von Gerhard Altenbourg bewahrt, holt ihn mit seinen Landschaftsbildern jedoch wieder ins Rampenlicht. Im Katalog widmen sich sechs Autoren diesem Thema. Auch der Künstler selbst wird beleuchtet. Er kommt neben seinen Bildern auch durch verschiedene Gedichte und autobiografische Notizen persönlich zu Wort.

Altenbourg ist noch ein Teenager als die ersten Landschaften entstehen. Mit knapp 20 fertigt er neben abstrakten Kompositionen naturalistische Zeichnungen von Tieren und Pflanzen. Kaum zwei Jahre später widmet er sich Kreide- und Tuschezeichnungen, deren Strich nervös und aus denen sämtliche Farbe gewichen ist. Dann kommt die erste Lithografie, die Arno Fehringer 1949 druckt. Zehn Jahre danach entdeckt er den Holzschnitt, mit dem er herumexperimentiert: Varianten, Zusammensetzungen verschiedener Einzeldrucke, Übereinandergedrucktes und Mehrfarbendrucke entstehen. Man kann also sagen, dass Landschaften das gesamte Werk durchziehen und eine herausragende Bedeutung für den Künstler einnahmen. Warum ist das so?

Eine Antwort liefert der Aufsatz von Thomas Matuszak »Landschaft als Existenzraum«. Vom Geist des Animismus tief durchdrungen waren alle Dinge für Altenbourg beseelt. In den Schichtungen der heimatlichen Hügel und Sedimente sah er ein Korrelat zur menschlichen Psyche. Denn auch in der Seele eines Menschen lagern sich Erfahrungen ab. Für diese fand der Künstler Entsprechungen in seinen Bildern. So entsteht durch eine Vielzahl von winzigen Strichen und Punkten, die sich überlagern und verdichten, die in verschiedenen Rot-, Braun-, Blau- und Grüntönen schillernde Seele eines Hügels in »Abendleuchten im Berge«. Genauso gut könnte es aber auch ein menschlicher Kopf sein. Es verknüpfen sich sogar mehrere Sinneseindrücke, wenn man den Hügel als Glocke denkt, deren Schall in unterschiedlichen Klangfarben zur abendlichen Stunde über die Ebene hallt.

Gerhard Altenbourg war ein Mystiker. So charakterisierte ihn sein Studienkamerad in Weimar Wolf Heinecke, auch ein Zeichner. In seinem Aufsatz »Bilder, Stimmen und Gestalten« führt das der Mitherausgeber der dreibändigen Werksmonografie zum Künstler Willi Heining weiter aus. Dieser nennt den Naturphilosophen Fritz Henning als Mentor der Weimarer Jahre, gefolgt ab 1970 von dem neuplatonischen Philosophen Plotin. Dessen in Einzelschriften gegliedertes Werk folgt dem Hauptmotiv, dass die Vielheit des Endlichen auf ein absolut Eines zurückgeführt werden müsse. Dieses Eine gleicht der Sonne und ist reines Leuchten. Es strahlt aus in den Geist (Sphäre der Ideen: das Wahre, Gute, Schöne) und die Seele des Menschen (Abbild des Geistes). Die Seele verbindet sich mit der Materie und schafft so die Einzeldinge der körperlichen Welt. Diese Verbindung trübt jedoch die Schau der Seele auf den Geist. Das heißt, damit sich ihr das Eine offenbart, ist eine Reinigung vonnöten. Diese geschieht durch Kontemplation oder mystische Ekstase. Die Kunst wie auch die Philosophie sind dazu geeignet. Denn die Wahrnehmung sinnlicher Schönheit in Kunstwerken führt zur Erfassung der reinen Schönheit. Auf das ungewöhnlich langsame Entstehen seiner Werke angesprochen, sagte Altenbourg, dass der Arbeitsprozess so lange dauere bis das Bild »den Zustand des inneren Leuchtens erreicht«. Heinig bemerkt daneben, dass besonders Altenbourgs Werke der 80er Jahre »Träger dieses Leuchtens des Plotinos« sind.

Fazit: Mal sachlich, mal mit rhetorischer Finesse vermittelt, erfährt der Leser im Katalog alles, um sich in Altenbourgs Landschaften zurechtfinden zu können. – Auch wenn einem nach der Lektüre ersteinmal der Kopf schwirrt.

Weitere Informationen

Der Katalog kann über das Museum erworben werden.