Buchrezensionen

Jutta Hülsewig-Johnen/Henrike Mund (Hrsg.): Schönheit und Geheimnis. Der deutsche Symbolismus. Die andere Moderne, Kerber 2013

Der Symbolismus gilt vor allem als Kunst Frankreichs, aber eine reich bestückte Ausstellung in Bielefeld kann zeigen, dass auch die deutsche Kunst außer Arnold Böcklin und Max Klinger noch eine ganze Reihe bedeutender Symbolisten vorweisen kann. Stefan Diebitz hat den schönen Katalog zur Ausstellung gelesen.

Es ist nicht ganz einfach, Symbolismus zu definieren oder auch nur gegenüber anderen Kunstrichtungen abzugrenzen. Seine Ränder sind äußerst unscharf, sowohl zum Historismus als auch zu Realismus und Impressionismus, und er hat niemals eine einheitliche Malweise hervorgebracht. Ihn über eine gemeinsame Geisteshaltung zu umschreiben, scheint natürlich problematisch, aber was bleibt denn sonst? Bereits Julius Meier-Graefe sprach von »Gedankenmalerei«.

Einige der schönsten Bilder des Symbolismus malte Eugen Bracht (1842 – 1921), und seine Ölgemälde wären bloße Landschaftsbilder, hießen sie nur anders. Wenn die Spitzen steil aufragender Klippen noch im letzten Sonnenlicht aufleuchten, während die Basis schon im Halbdunkel versinkt, dann könnte es sich einfach um die besonders gekonnte Abbildung des Abendlichtes handeln, aber das sehr große und eindrucksvolle Bild heißt »Die Gestade der Vergessenheit«. Mit »Die Vision des Glücks« gibt es noch ein zweites Bild Brachts, dessen Symbolik in ähnlicher Weise über den Titel (und nur über ihn) in das Werk hineingetragen wird.

Dagegen wird mancher Probleme damit haben, ein so schönes Bild wie »Goldweiden« von Alexander Koester oder sein »Kassiansee« als Werke des Symbolismus zu verstehen – für mich sind es besonders eindrucksvolle Landschaftsbilder, und realistische dazu. Warum sollte man sie als symbolisch ansehen? Sie zeigen, was der Titel angibt, und es gibt keinerlei bildinterne Hinweise darauf, dass das Abgebildete symbolisch verstanden sein will. Das gilt auch für zwei andere der Ölgemälde von Bracht im Katalog, die einmal eine »Eiche mit Blitzschlag«, ein anderes Mal dramatisch aufgetürmte Gewitterwolken über einem sehr niedrigen Horizont zeigen (»Gewitterwolken über’m Meer«). Ohne einen auf eine symbolische Bedeutung verweisenden Titel sind es bloße Landschaften – allerdings außerordentlich schöne und eindrucksvolle. Das zeigt, dass Meier-Graefe nicht ganz falsch lag mit seiner Bemerkung.

Wohl kein deutscher Symbolist ist heute bekannter als Arnold Böcklin. Seine Bilder werden in dem Kapitel »Beseelte Natur« vorgestellt, denn sie kennen ja Figuren, die weit mehr sind als bloße Staffage und selbst dann ins Zentrum des Geschehens gehören, wenn sie sich im Hintergrund verbergen. »Böcklins Bilder«, schreibt Jutta Hülsewig-Johnen in ihrem einleitenden Beitrag und zielt auf einen der Hauptakteure seiner Werke, den griechischen Gott Pan, »sind zum Ausdruck gebrachte innere Bilder, gespeist aus der Lektüre antiker Dichter und einem kontemplativen Natur-Erleben ihres Urhebers in oft stundenlanger meditativer Betrachtung von Meer oder Gebirge«. Ihre Deutung würdigt Böcklins Arbeiten aber zu der beschaulichen Kunstschau des angenehm ergriffenen Klein- und Spießbürgers herab, die »einen Blick in eine geordnete Welt ohne Unberechenbarkeiten« gewährt und »auf diese Weise im Rückgriff auf antike Mythen eine vermeintlich gute alte Zeit« suggeriert. Wenn diese Einschätzung richtig sein sollte, dann gehört Böcklin schnell vergessen.

Erich Franz dagegen spricht auch »Schrecken, Einsamkeit oder erotische Sehnsüchte« an, die er in Böcklins Gemälden findet. Sein Beitrag arbeitet die Brüche in den Bildern Böcklins heraus, die Uneinheitlichkeit des Raumes und seine verborgenen Momente, die durch Schattenzonen angedeutet und damit zum Spielfeld für die Fantasie werden, auf die es dem Künstler besonders ankam. In sorgfältigen Bildanalysen geht der Autor dieser Rolle der Fantasie nach und zeigt, wie Projektionen, aber auch »Zwischenzonen, Dunkelheiten und optische Brüche« den Bildaufbau bestimmen. Sein Beitrag demonstriert, wie wenig einheitlich der Symbolismus war, denn während es bei Böcklin die Fantasie ist, welche die Einheit des Bildes verantwortet, können die Landschaften des heute fast vergessenen Hans Thoma auch den Ansprüchen des Realismus genügen.

Böcklins »Toteninsel«, zweifellos sein bekanntestes Werk, erhielt seinen Titel nicht vom Künstler, sondern von einem Kunsthändler. Aber bereits die geheimnisvolle weiße Gestalt im Kahn lässt es weit mehr sein als bloß ein Landschaftsbild. Hier ist leicht zu verstehen, warum man dieses Bild symbolistisch nennt.

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Eine Merkwürdigkeit, die bei mehreren Künstlern auftaucht, ist der tiefblaue Himmel, den Fotografen seit Erfindung der Farbfotografie suchen, aber realistische Künstler seit jeher verpönen: sie ziehen den bewölkten Himmel vor. Aber in verschiedenen Bildern von Oskar Zwintscher und Hans Thoma ist der Himmel tiefblau wie auf Fotos mit einem Rotfilter. Allein dieses eigenartig blauen Himmels wegen wirken die Bilder fremdartig und vielleicht gar ein wenig kitschig.

In manchen Gemälden deutet sich der Jugendstil an (oder ist wirklich schon da), so in Adolf Hölzels »Anbetung« oder in Oskar Zwintschers ein wenig an Bilder Klimts erinnerndem »Gold und Perlmutter«, und noch schwieriger ist es vielleicht, das Symbolistische in der eindrucksvollen Bronzeplastik »Kassandra« Max Klingers zu finden. Besonders wenig einheitlich zeigt sich der Symbolismus, wie es bereits im Titel anklingt, in Ingeborg Beckers Beitrag »Madonna, Sphinx und Sünderin«, in dem es um das Frauenbild geht. Aber uneinheitlich ist nicht allein die Darstellung und Bewertung der Frau, sondern auch die Techniken und Stile sind unmöglich auf einen Nenner zu bringen.

Da ist eine bunte kleine Fayence, die »Aristoteles und Phyllis« zeigt, ein in der Malweise ganz und gar impressionistisches Gemälde wie das heute bei Esoterikern populäre, aber auch wirklich sehr schöne »Sonnenkind« von Dora Hitz, und endlich finden wir schon zum Expressionismus weisende Bilder von Max Klinger oder Oskar Zwintscher. Wer dagegen Lovis Corinths sehr orientalische »Salome II« sieht, denkt wohl eher an Hans Makart (oder an Oscar Wilde bzw. Richard Strauss); und ähnlich geht es einem bei Franz von Lenbachs sich lasziv windender »Schlangenkönigin«. In der entsprechendem Abteilung des Katalogs, »Böse Frauen. La femme fatale« überschrieben, sind unter anderem zwei andere Grafikzyklen aus der Hand Max Klingers zu bewundern, »Eva und die Zukunft« sowie »Intermezzi«.

Wer bei Symbolismus vor allem an das Irrationale, vielleicht auch Unheimliche und Schreckliche denkt, wird hier fündig, zum Beispiel in Klingers »Amor, Tod und Jenseits« Diesem Kapitel des Kataloges folgt zu unserer Erleichterung »Gute Frauen. La femme fragile« mit schönen Frauenbildnissen Böcklins, Anselm Feuerbachs und dem bereits erwähnten »Sonnenkind« von Dora Hitz, das eine junge Mutter zeigt, die, von weißen Lilien in einem sonnendurchfluteten Garten umgeben, einen Säugling zärtlich an sich drückt: ein religiöses Bild, wie uns der Kommentar belehrt, denn in dieser jungen Frau begegnet uns »die Gottesmutter, die das Jesuskind in ihren Armen hält. Ihre Anwesenheit verwandelt den Wald in einen Heiligen Hain.«

So zeigt der Katalog eine Fülle höchst verschiedenartiger und schöner Bilder. Nicht alle Künstler sind noch heute bekannt, aber hochwertig sind ausnahmslos alle abgebildeten Werke. Insgesamt sieben Aufsätze – und in sieben Abschnitte ist auch die Präsentation gegliedert – geben über den Symbolismus Auskunft. Dazu kommen 32 Kurzbiografien der einzelnen Künstler. Der schöne und ohne Abstriche empfehlenswerte Katalog richtet unseren Blick auf eine Kunstrichtung, die in den letzten Jahren nicht genügend gewürdigt wurde. Es gibt viel zu entdecken.

Weitere Informationen

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Die gleichnamige Ausstellung läuft in der Kunsthalle Bielefeld noch bis zum 7. Juli 2013!