Ausstellungsbesprechungen

K.O. Götz – Zum 100. Geburtstag, Kunstsammlungen Chemnitz | Museum am Theaterplatz, bis 4. Mai 2014

Nur wenige Künstler können von sich behaupten, die Ehrenausstellung anlässlich ihres 100. Geburtstages miterlebt zu haben. Karl Otto Götz ist so jemand. Und der Meister des Informel weiß immer noch zu begeistern. Rowena Fuß hat sich in Chemnitz davon überzeugt.

Ein Farbstrahl aus einem kräftigen Rot, einem grellen Grün und einem schmalen Streifen Zitronengelb schießt aus der Bildmitte von »Triphell« (1993) und jeder Betrachter mag die Kraft spüren, die hier augenscheinlich wird. Genau 35 Jahre zuvor entstand das düstere »Tynel«. Im Gegensatz zum ersten Werk strömt hier ein schmutzig metallisch-blauer Strahl mit einer weit nach rechts ausgreifenden Kurve in das Bildzentrum, wo er sich zu einem Strudel verdichtet. Als Kontrastfarbe dient Schwarz.

Die Bilder von Karl Otto Götz sind kraftvoll und frei – ganz Bewegung. Sie sprechen von einem Wandel, der beispielhaft für die Nachkriegskunst ist. Auf der Suche nach neuen bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten fährt der Künstler 1949 nach Amsterdam zur Ausstellung der Künstlergruppe CoBrA und wird das einzige deutsche Mitglied. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung des Expressionismus mit den Stilmitteln des Informel. Nicht um das bloße Bild geht es, sondern um das »Ereignis des Schauens«. Erfundene Zeichen, Farb-Rhythmen, unterschiedliche Materialien, die in die Farbe gemischt wurden, – all das sollte nicht nur den Betrachter anziehen, sondern ihn bestenfalls sogar erschüttern. Dem Schauenden erschließt sich ein dynamischer Prozess, bei dem weiche und kantige, breite und sich in dünnen Schlieren verlierende Farbflächen mal dicht, mal lasierend aufeinander treffen. Das Bild entsteht so jenseits von herkömmlicher Raum- und Gegenstandsvorstellung rein aus dem Zusammenklang von Negativ- und Positivformen, aus der Ambivalenz von Farbe und Grund.

So auch bei »Zybel« (2004). Entlang der von links oben über die Bildmitte nach rechts außen führenden breiten schwarz-weiß-roten Rakel- und Farbspur finden sich mehrere kleine Subzentren, an denen sich Spritzer, Pinselspuren und Verwerfungen zusammenballen. Diese dominierende Farbspur ist es, die unseren Blick leitet und den Einstieg in das Gemälde erleichtert. Es gibt aber noch mehr zu entdecken. Neun schmale, vertikale Klebestreifen, die Götz nach dem Malen entfernte, haben es in sich. Zuerst einmal kehren sie die Verhältnisse um: das Weiß der Grundierung ist Malgrund und Zeichnung zugleich. Außerdem reißen sie unseren Blick nach oben, so dass »Zybel« im Gegensatz zu »Tynel« und »Triphell« nicht über ein auffälliges Bildzentrum verfügt. Man denkt unwillkürlich an Selbstzerfleischung oder Schwalben, die von einer atomaren Detonationswelle getroffen zu Staub zerfallen.

Man sieht den Werken an, dass sie mit atemberaubender Geschwindigkeit entstehen. Doch sind die Formen nicht etwa beliebig, stets hat Götz die Grundfiguren im Kopf. »Als ich im Sommer 1952 Kleisterfarben für meinen kleinen Sohn anrührte, fand ich quasi durch Zufall meine schnelle Maltechnik: Erst Kleister aufs Papier, dann mit Gouache schnell hineingearbeitet, dann mit dem Messer oder Rakel die Farbe aufgerissen, dann wieder mit Gouache hinein, und fertig war das Bild« schrieb er in seinen Memoiren, die 1983 erschienen.

Anlässlich seines diesjährigen besonderen Geburtstages präsentieren die Chemnitzer Kunstsammlungen zwar keinen Kuchen, aber einen repräsentativen Querschnitt durch den 150 Werke umfassenden Sammlungsbestand. Insgesamt sind es 53 Arbeiten, darunter Gemälde, Lithografien und eine erstmals gezeigte Gouache. Ergänzt wird die Schau durch Fotografien, die Oliver Mark letztes Jahr im privaten Lebensumfeld des Künstlers gemacht hat.

Es sind Aufnahmen, die man mit einem Augenzwinkern betrachten sollte. Eine zeigt den »alten Mann« beispielsweise auf dem Bett in einem Krankenhaus sitzend, eine andere, wie er mit hängenden Armen auf einem Stuhl in seinem Atelier ruht. Doch kennzeichnet gerade die erste Fotografie ein verschmitztes Lächeln, das wohl sagen soll: Ätsch, ich bin noch nicht tot!