Buchrezensionen

Katharina Anna Loidl: Landschaftsradierungen, Scheidegger & Spiess 2017

Bergpanoramen erfreuten sich im 19. Jahrhundert einer großen Beliebtheit und eine große Zahl an Gemälden, Zeichnungen, aber auch Radierungen entstand. Katharina Anna Loidl faszinieren diese kleinen Druckbilder und so hat sie sie in ihrer Kunst verarbeitet. Stefanie Handke hat sich ihre Bilder angesehen, die jetzt im Buch zu haben sind.

Ein wenig wirkt dieses Buch wie ein Gegenprogramm zur zeitgenössischen Kunst der letzten Jahre: Statt großformatiger Bilder, Installationen und Skulpturen wie man sie in den letzten Jahren in Galerien und Museen gesehen hat, kann man in dem Büchlein kleinformatige Radierungen bewundern, i.d.R. im Format 13x20cm. Auf diesen kleinen Bildchen entfalten sich Bergpanoramen in ihrer ganzen Pracht – Gletscher, Schluchten, Wasserfälle und reißende Bergflüsse.

Und mittendrin erheben sich helle Stelen. Manchmal schieben sie sich mächtig in die Szenerie hinein, manchmal entdeckt man sie nur unauffällig im Hintergrund, manchmal stehen sie gleich einer Sphäre mitten im Bild. Was ist da passiert?

Katharina Anna Loidl hast sich den ursprünglichen Bildern genähert, indem sie mit Stichel und Radiernadel die Druckerschwärze vom Papier entfernte und so diese hellen Kuben sich in der Landschaft formen ließ. Fast kristallin wirken sie, in ihrer klaren Form und dem durchscheinenden Körper. Die Bilder entstanden während einer Künstlerresidenz in Bern 2015. Dabei durchstreifte Loidl Antiquariate auf der Suche nach den nun im Buch zu sehenden Drucken. Die Idee hinter der Bearbeitung entstand aus dem Eindruck, den etwa große Produktionshallen, die inmitten einer grünen Landschaft stehen, hinterlassen. Diese sind einerseits Fremdkörper in der Landschaft, andererseits treten sie in Dialog mit dem sie umgebenden Grün und es entsteht ein neuer Raum ganz eigenen Charakters. Das verband die Künstlerin mit einem ökologischen Gedanken: In einer Zeit, in der Ressourcen knapp werden, erschien es ihr nur logisch, auf bereits vorgefundene Materialien zurückzugreifen.

Was aber passiert nun mit den auf den kleinen Blättern vorgefundenen Landschaften? Sie behalten ihre Wildheit, die Berge bleiben zerklüftet, die Wasserfälle wild, die Gletscher mächtige Panoramen – aber da ist jetzt noch dieses andere, dass die wilden Panoramen in den Wirkungsbereich des Menschen holt, denn diese Fremdkörper können doch nur von Menschenhand gemacht sein. Oder etwa nicht? Zugleich wirken die kristallinen Formen immer auch ein wenig sphärisch, durchscheinend wie sie sind. Vielleicht entstammen sie auch gar nicht der Menschenwelt, sondern eine unbekannte Hand hat sie dahingesetzt und ergänzt die Landschaft durch Bauwerke, die darauf warten, dass ihr Geheimnis ergründet wird.

So entdeckt der Betrachter in »Landschaftsradierung N° 4« - einer Bearbeitung von Ludwig Rohbocks »Der Oeschinen-See und die Blümlialp« (1860) – nicht nur friedlich grasende Kühe vor einem hinreißenden Bergpanorama, sondern sieht die neben der Almhütte stehenden Nadelbäume sich vor einem der von Loidl eingefügten Kristalle erheben. Sie treten auf diese Weise in den Vordergrund, erhalten eine ganz eigene Erhabenheit, während sich auf der anderen Seite des Sees ein weiterer Kristall in der Berglandschaft erhebt und gen Himmel zeigt. Mit dieser Erhabenheit zielt die Künstlerin auf ein weiteres wichtiges Element der ausgewählten und bearbeiteten Radierungen. Sie referiert mit den Leerstellen auf die großartigen Berge, denen die kleinformatigen Bilder kaum Raum zu geben scheinen.

Vitus Weh verweist in seinem Essay »Überwältigen« darüber hinaus auf die Bedeutung der Kristallformen. Er sieht darin eine enge Verbindung zum Bildtopos genau dieses Erhabenen aus dem 19. Jahrhundert, wie es sich etwa in Caspar David Friedrichs »Das Eismeer« (1823/24) oder Stifters Erzählung »Bergkristall« (1845) manifestierte und bis in den Expressionismus hinein fortsetzte, dessen Rezeption dann aber abbrach. Erst in der Gegenwart sieht er wieder eine Faszination für diese besonderen Formen, etwa in der Architektur oder auch in der Mode. Damit sind Loidls Auslassungen nicht nur Reminiszenz an das Vergangene, sondern auch unmittelbar aus der Gegenwart geboren. Auf diese Weise gehen die »recycelten« Rohmaterialien aus dem 19. Jahrhundert und die Moderne eine Symbiose ein, die sich im Erhabenen manifestiert.

Paolo Bianchi hingegen verweist in seinen Betrachtungen »Harte Schnitte« auf die Veränderung der Landschaft durch den Menschen; so kann ein Hausbau sowohl Eingriff in die Landschaft sein als auch diese ergänzen – genau wie es mit Katharina Anna Loidls Fremdkörpern der Fall ist. Diese sind nicht Teil des ursprünglichen Bildes, fügen sich aber in die hier dargestellte Landschaft oft geradezu nahtlos ein, wie es etwa in »Landschaftsradierung N° 23« der Fall ist. Hier erhebt sich über der »Mündung der Gorge du Trient« ein mächtiger Kristall, den man aber auf den ersten flüchtigen Blick fast schon übersieht. Und dennoch ist er da, als Teil des Panoramas.

Loidls Landschaftsradierungen faszinieren; sie nehmen uns mit in eine pittoreske Vergangenheit, in der sich zeitgenössische Erscheinungen manifestieren. Sie fügt ihnen durch Auslöschen neue Elemente hinzu, die neben dem Hinweis auf einen menschlichen Eingriff in die Natur auch ästhetisch äußerst anregende Momente enthalten.