Rezensionen

Kathrin Baumstark/Andreas Hoffmann/Franz Wilhelm Kaiser/Ulrich Pohlmann (Hg.): Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre. Hirmer Verlag

Nach 1918 etablierte sich in der Malerei mit der Neuen Sachlichkeit und in der Fotografie mit dem Neuen Sehen eine moderne Stilrichtung, die eine realistisch–veristische Wiedergabe anstrebte. Anhand zentraler Genres wie Porträt, Stadtansicht und Stillleben treten die Wechselbeziehungen zwischen den beiden Medien zutage. Elena Korowin hat sich auf Zeitreise in diese turbulente Epoche begeben.

Cover @ Hirmer Verlag
Cover @ Hirmer Verlag

 Die Kunst der 1920er Jahre ist bis heute ein Faszinosum. 100 Jahre später, 2019–2020 wurde dieser Periode eine Ausstellung im Bucerius Kunstforum Hamburg und dem Münchener Stadtmuseum gewidmet.
Der Titel »Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre« ist zunächst irreführend, denn er schürt die Erwartung nach einer Präsentation internationaler Kunstwerke aus dieser Periode. Der Umbruch bezieht sich jedoch auf die Lebenswelten von KünstlerInnen und FotografInnen mit Lebensmittelpunkt in Deutschland. Zwar werden hie und da wichtige Positionen erwähnt, die die deutsche und internationale Kunstentwicklung der 1920er prägten (z.B. El Lissitzky, Lázló Moholy–Nagy, Alexander Rodchenko), diese werden aber nicht in einen größeren internationalen Zusammenhang gestellt.

Im Zentrum stehen die Gattungsverhältnisse in der deutschen Kunst der 1920er Jahre, insbesondere zwischen Malerei und Fotografie. Interessant wäre es auch gewesen, hätten die AutorInnen des Kataloges die Ausstellungsstücke stärker in kunsthistorische Entwicklungen eingegliedert. Der Aufbau des Bandes folgt der klassischen Logik eines Ausstellungskatalogs: Grußwort, Vorwort und zwei einleitende Aufsätze zum Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei sowie zu Transparenz und Opazität. Das Changieren zwischen zwei vermeintlichen Antipoden ist in den Texten omnipräsent, wobei der zweite einleitende Aufsatz der Kunsthistorikerin Katharina Sykora eine detailreiche und anregende Untersuchung von Zeigegesten und Facetten ikonischer Differenz beinhaltet.

Der Katalog ist in schlüssige Themengruppen eingeteilt, warum aber dazu ausgerechnet die Kategorien »Dinge«, »Selbstbildnisse«, »Akt«, »Entortungen«, »Maschinenkunst und Technikkult«, »Individualporträt und Typenbild« sowie »Politische Montage« gewählt wurden, ist nicht ersichtlich. Den einzelnen Themen sind jeweils einleitende Texte vorangestellt, die einen Einblick in die künstlerischen Verfahren geben und die verschiedenen Werkbeispiele kontextualisieren. Diese Lösung ist gut gelungen, da sie dem/der LeserIn Anhaltspunkte bei der Betrachtung der katalogisierten Werke liefert.

Durch die unweigerlichen Überschneidungen der einzelnen Themenkomplexe kommt es allerdings auch immer wieder zu Dopplungen, etwa bei Beschreibungen des »Neuen Sehens«, der »Neuen Sachlichkeit« oder »Neuen Fotografie«. Am deutlichsten wird dies bei wiederholten Erwähnungen zur »Neuen Frau« mit Bubikopf und Zigarette.
Gleichzeitig gibt es interessante Entdeckungen in den Texten, wie etwa die einer Begeisterung für Sukkulenten bei den KünstlerInnen der »Neuen Sachlichkeit«, weil diese Pflanzen eine unerschöpfliche Formenvielfalt bieten. An diesem Beispiel lässt sich die zusammenfassende Charakteristik der Kunst der 1920er Jahre, ob nun Malerei oder Fotografie, festhalten: Die ProtagonistInnen des Kunstfelds haben sich Formen und Strukturen gewidmet, immer wieder rückten Momentaufnahmen und Detailansichten in den Fokus der Bildkompositionen. Vielleicht hätte man hier zusätzlich Karl Blossfelds Formenstudium von Pflanzen in kunsthistorische Zusammenhänge bringen können, die es fraglos gab. Auch Albert Renger–Patzschs Aufnahmen von Stadtansichten und Industriearchitektur hätte man mit Bernd und Hilla Bechers Fotografien der Ruhrpott–Romantik aus den 1970er–80er Jahren in Bezug setzen können.

Insgesamt wird im Katalog zu dieser Ausstellung wenig Einblick in Traditionslinien und kulturhistorische Entwicklungen gegeben: Im Zentrum stehen die Werke der Ausstellung und Momentaufnahmen deutscher Kunst um 1920. Es handelt sich dabei um eine ansprechende Zusammenstellung von Malerei und Fotografie von bekannten und unbekannten Positionen – insgesamt ein Augenschmaus der »Neuen Sachlichkeit«. Insbesondere da beeindruckend viele weibliche Kunstschaffende außerhalb des üblichen Kanons der Kunst der 1920er Jahre in dieser Ausstellung präsentiert wurden, darunter die Fotografinnen Aenne Biermann und Marianne Brandt oder die Malerinnen Ottilie W. Roederstein und Fridel Dethleffs–Edelmann.

Der Text über »Politische Montage« bringt Facetten der Politisierung der Kunst und der gesellschaftlichen Situation der 1920er zur Geltung. Hier werden informative Bögen zwischen den Künsten und der gesellschaftlichen Situation geschlagen, die so bezeichnend für die 1920er Jahre waren. Allerdings werden das Identifikationspotential und die Frage nach den Parallelen zwischen der betrachteten Zeit und unserer aktuellen Lage nicht außerhalb des Grußworts eingelöst. Dies ist insofern sehr schade, als damit die Frage des historischen Bewusstseins lediglich zu einer politischen Floskel verkommt, obwohl die Kunstwerke der Ausstellung viel Potential zu einer Untersuchung bieten.
Der Katalog endet mit einem kurzen Aufriss über Ausstellungen und Sammlungen der Fotografie in den 20er Jahren und gibt einen wertvollen Einblick in die Entwicklungen der Sammlungs– und Ausstellungskultur von Fotografie in Deutschland, die in den 1920er und 1930er Jahren keineswegs als autonome Kunstform betrachtet wurde, sondern vielmehr als Handwerk und Experimentierfeld galt.

Fazit: Dieser Katalog bietet eine Auswahl ausgezeichneter Werke und einen Einblick in die brüchigen (Lebens–)Welten der KünstlerInnen dieser Periode. Leider wird der Katalogtitel einer »Welt im Umbruch« in den einzelnen Beiträgen nicht konsequent reflektiert und dargestellt. Dafür kann sich der/die LeserIn mit den ausführlich reflektierten Fragen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Malerei und Fotografie auseinandersetzen.


Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre
Hg.: Kathrin Baumstark/Andreas Hoffmann/Franz Wilhelm Kaiser/Ulrich Pohlmann
Beiträge von: K. Baumstark, S. Förster, M. Halwani, U. Pohlmann, E. Ruelfs, B. Stiegler, K. Sykora
Hirmer Verlag
264 Seiten, 236 Abbildungen überw. in Farbe
22,5 x 28 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-3227-4

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