Buchrezensionen

Klaus Grewe: Aquädukte. Wasser für Roms Städte, Regionalia Verlag 2014

Zu den großen Kulturleistungen der römischen Antike gehören die Aquädukte, die über weite Strecken das Trinkwasser in die Städte transportierten und auch die luxuriöse Badekultur der Römer ermöglichten. Klaus Grewe hat diesem technik- und kulturgeschichtlich bedeutenden Phänomen nun ein opulentes Buch gewidmet, das als Summe seiner jahrzehntelangen Forschungen auf diesem Gebiet anzusehen ist. Rainer K. Wick hat reingeschaut.

Der Autor, studierter Vermessungsingenieur, der Jahrzehnte beim Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland tätig war und Honorarprofessor an der Rheinisch-Westfälischen Technische Hochschule Aachen ist, erforscht seit den 1960er Jahren intensiv Technikbauten der Antike, schwerpunktmäßig die römischen Wasserleitungen im Rheinland. Sein neues Buch »Aquädukte« enthält zwar ein ausführliches Kapitel zum Römerkanal, der über fast hundert Kilometer aus der Eifel nach Köln, die einstige Hauptstadt der römischen Provinz Niedergermanien, führte, doch liegt der Schwerpunkt der Abhandlung auf der Erörterung prinzipieller Fragen, die den Bau, die Instandhaltung und zum Teil auch das Schicksal der Aquädukte in nachantiker Zeit betreffen. Dabei geht Grewe auf bedeutende Fernwasserleitungen in den Provinzen rund um das Mittelmeer ein, um sich dann den Aquädukten in den Provinzen nördlich der Alpen zuzuwenden. Ausgespart werden allerdings die großen Aquädukte, die das ewige Rom mit Wasser versorgten, da dies den Rahmen des Buches gesprengt hätte und eine gesonderte Darstellung verlangen würde.

Von dem römischen Naturforscher und Schriftsteller Plinius d. Ä., der im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben kam, stammt folgende Bemerkung: »Doch wer die Fülle des Wassers sieht, das so geschickt in die Stadt geleitet wird [...], wer die hohen Aquädukte betrachtet, die erforderlich sind, um die richtige Beförderung zu garantieren, wer an die Berge denkt, die deshalb durchstoßen, und die Täler, die aufgefüllt werden mussten, der wird zugeben, dass der Erdkreis nichts Bewunderungswerteres aufzuweisen hat.« Und auch heute noch faszinieren die bautechnischen Leistungen, die die Römer gerade auf dem Gebiet der Wasserversorgung erbracht haben und die Klaus Grewe dem Leser in seinem Buch detailliert und anschaulich nahebringt.

Es war eine besondere Leistung der Römer, neben das uralte, elementare, die ägyptische und griechische Kunst kennzeichnende Stütze-Last-System als Neuerung den Halbkreisbogen und, damit unmittelbar zusammenhängend, das Gewölbe eingeführt zu haben. Die Tragweite dieser bautechnisch und baukonstruktiv bedeutsamen Innovation war enorm. So bedienten sich die römischen Baumeister der praktischen Vorteile der Bogen- und Gewölbekonstruktion vor allem auf dem Gebiet der Zweckarchitektur – vom Viadukt und Aquädukt bis zu den großen Thermenanlagen der Kaiserzeit. Von größter Bedeutung – auch für den Bau der Fernwasserleitungen – war ferner die Verwendung des Mörtels und die Einführung des Gussmauerwerks (opus caementitium).

Soweit möglich wurden die Aquädukte der Römer, die frisches Quellwasser in die Städte transportierten, unterirdisch geführt, doch verlangte das Geländerelief vielfach aufwendige bauliche Maßnahmen wie die Errichtung von Brücken, den Bau von Tunneln und die Konstruktion von Druckleitungen. Zu den großartigsten erhaltenen Aquäduktbrücken gehören in der Provence der dreigeschossige, 50 Meter hohe Pont du Gard, in Spanien die Brückenbauten von Segovia und Tarragona, in der Türkei der Pollio-Aquädukt in Ephesus. Was den Tunnelbau anbelangt, bedienten sich die Römer u.a. eines im Orient traditionsreichen und bis heute verbreiteten Verfahrens, nämlich des Qanatbaus, bei dem in relativ kurzen Abständen von oben Bauschächte vorgetrieben wurden, die dann in der Tiefe miteinander verbunden wurden. Zur Überwindung größerer Höhenunterschiede wurden Druckleitungsstrecken geschaffen, die nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren funktionierten.

Da die römischen Fernwasserleitungen in der Regel reine Gefälleleitungen waren, kam ihrer Trassierung besondere Bedeutung zu. Grewe beschreibt ausführlich und überaus sachkundig die vermessungstechnischen Hilfsmittel, die den Bauingenieuren der Antike zur Verfügung standen. Neben der sogenannten Groma ist hier ein Nivelliergerät zu erwähnen, das der berühmte römische Architekturtheoretiker Vitruv in seinen »Zehn Büchern über Architektur« (1. Jh. v. Chr.) eingehend beschrieben hat, der sogenannte Chorobat. Im Grunde handelte es sich dabei um eine überdimensionale Wasserwage. Mit diesem genial einfachen Gerät, das eindrucksvoll die praktische Intelligenz der Römer dokumentiert, gelang es, mit größter Präzision auch das geringste Leitungsgefälle zu ermitteln. Manche Aquäduktstrecken hatten ein Gefälle von lediglich 0,2 Prozent, d.h., auf einen Kilometer betrug die Höhendifferenz nur zwei Meter.

Klaus Grewes hochinteressantes Buch bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Archäologie und Technikgeschichte. Kunsthistorische Bezüge kommen stärker auf den letzten hundert Seiten ins Spiel. Hier zeigt der Autor, wie nach dem Untergang des Imperium Romanum im Mittelalter der 95 Kilometer lange Eifelkanal von Nettersheim nach Köln als Steinbruch für die Errichtung romanischer Bauten genutzt wurde. Besonders beliebt waren die zum Teil massiven Kalkablagerungen im Inneren der relativ groß dimensionierten, aus Gussmauerwerk gefertigten Leitungen, die als sogenannter Aquäduktmarmor das Material für Säulen, Altarverkleidungen, Grabplatten und Bodenbeläge lieferten. Dieser wegen seiner schönen Maserung geschätzte Aquäduktmarmor fand nicht nur in den Kirchen des Rheinlands Verwendung, sondern wurde bis in die Niederlande, nach England, Dänemark und Schweden exportiert.

»Aquädukte. Wasser für Roms Städte« ist nicht nur wegen seiner fachkompetenten Ausführungen, sondern auch wegen seiner attraktiven Gestaltung mit zahlreichen Farbabbildungen, zum Teil als ausklappbare Bildtafeln, und anschaulichen grafischen Darstellungen eine Bereicherung.

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