Léa Kuhn: Gemalte Kunstgeschichte. Bildgenealogien in der Malerei um 1800. Wilhelm Fink Verlag

Kunstgeschichte wird nicht nur geschrieben, sie wird auch gemalt. Mit Blick auf die Zeit um 1800 rekonstruiert Léa Kuhn das feine Bezugsgeflecht zwischen entstehendem Kunstgeschichtsdiskurs und zeitgenössischer künstlerischer Praxis an so unterschiedlichen Orten wie Zürich, Paris, London und New York. Dabei wird deutlich: Die hier analysierten Werke illustrieren nicht bereits vorhandene kunst–historische Narrative, sondern bringen selbst Vorschläge zu ihrer adäquaten Einordnung hervor – und weisen andere zurück. Melanie Obraz hat die Studie gelesen.

Cover © Wilhelm Fink Verlag
Cover © Wilhelm Fink Verlag

 Léa Kuhn unternimmt eine fast schon monumental anmutende Reise in die Bildgenealogien der Malerei um 1800. Hier werden keine kunstwissenschaftlichen Theorien mitgeteilt. Als Thema stellt sie das »Bilden der Bilder«, das Malen des der Kunstgeschichte Zugrundeliegenden in den Mittelpunkt, mit dem Ergebnis: Die Geschichte der Kunst propagiert sich in ihren Werken selbst.
Die Sichtweise der Künstler ist hier entscheidend und so stellt die Autorin z.B. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Johann Heinrich Füssli, William Dunlap, Benjamin West, Marie–Gabrielle Capet, Élisabeth Louise Vigée Le Brun in Selbstportraits vor, die sie während ihrer künstlerischen Tätigkeit und in der Diskussion zeigen. Dem Prozess der künstlerischen Tätigkeit wie auch der Person des Künstlers/der Künstlerin wird so eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Die hierfür von der Autorin ausgewählten Bilder, in der Vielzahl Portraits, führen zugleich die Geschichte der Kunst vor Augen, wie die Künstler und wohl auch die Rezipienten einer bestimmten Zeit – eben um 1800 – die Werke als Kunst wahrnahmen und in die Gesellschaft zu integrieren suchten. Gehen die Bilder also gleichsam auf in dem, was in und mit ihnen zur Darstellung gelangt?

Der Autorin geht es darum, kunstgeschichtliches Gedankengut in und mit Bildern, Kunstwerken der Malerei, nicht lediglich in Schriftform, sondern im Medium Bild an den Betrachter zu transportieren. Léa Kuhn interpretiert dabei aber nicht einfach Bildwerke, um sie einer Deutung zuzuführen, vielmehr wählt sie Motive aus, die für das »Erlebte« in der Biografie eines Malers/einer Malerin stehen. Als Thema der ausgesuchten Bilder wird der Stoff des Lebens wahrlich als Moment und Ausschnitt des jeweiligen Lebensabschnittes dargestellt. Ein Abschnitt, mit welchem das jeweilige Lebensthema offenkundig wird und sich in den Werken und durch die Werke der einzelnen Künstler zeigt. Die Portraits geben Einblick in einen wichtigen Lebensabschnitt der einzelnen Künstler/Künstlerinnen und weisen darüber hinaus auch zugleich auf gesellschaftliche Veränderungen hin. So in dem Bild von Marie–Gabrielle Capet (Selbstportrait unter Malerinnen, 1818). Die Künstlerin hält den Prozess des Malens in der Atelierszene fest. Das Bild bekundet eine Szene, die nicht statisch ist, sondern eine Dynamik ausstrahlt, die den Betrachter/Betrachterin geradezu einlädt am Geschehen teilzunehmen. Auch das Gemälde von Johann Heinrich Füssli (Selbstportrait im Gespräch mit Johann Jakob Bodmer, 1730) zeigt eine anregende Diskussion zwischen den Beteiligten, die im Besonderen durch die Handbewegungen der Gesprächsteilnehmer verdeutlicht wird. Hier wird der Betrachter/die Betrachterin gleichzeitig zum Teilnehmer/zur Teilnehmerin und zum Zuhörer/ zur Zuhörerin.

Im Hintergrund steht die eigene Interpretation und die besondere Absicht des Künstlers/der Künstlerin als Schöpfer/in, um damit immanent Vorhandenem an die Oberfläche und also zur Evidenz zu verhelfen.
Die hier vorgestellten Exponate der Kunstgeschichte, die Portraits und gemalten Szenerien, bezeugen die über eine Begrifflichkeit weit hinausgehende Ausprägung, einer nur sprachlich–grammatikalisch und also in Wort und Schrift erfassten Inszenierung der Kunst. So zeigt die Autorin die Kunstgeschichte in einer spezifischen Bildfähigkeit, die subtil und sublimierend zugleich agiert. Die Bilder sind so den Betrachtern in jeder Zeit zugänglich und zeigen sich in einer geschichtsträchtigen und entwicklungsfähigen Weise.
Die Semiotik des Bildes erfährt ihre höchst eigene exponierte Aussagekraft, denn die hier eingeforderte universelle Übersetzung ist die Sprache des Bildes. Damit zeigt sich wie sehr das Bild als Bild in einem eigenen Akt des Sprechens wirkmächtig war und ist.
Die von der Autorin ausgewählten Bildwerke machen den speziellen Zeitabschnitt noch einmal sichtbar und zeigen sich eingebettet in die Diskurse und Sozialitäten der Zeit um 1800. Soziale, politische und eben kulturelle Verhältnisse entstehen/formen sich vor den Augen der Betrachter und verlangen nach einer Deutung und vielleicht auch nach einer Deutungshoheit. Hier kommt es auf den Standpunkt der Möglichkeit innerhalb der Wirkmacht einer Interpretation an – das Kunstwerk zeigt sich eben stets auch als Teil einer sich wandelnden und an Kompetenz wachsenden Bildinterpretation. Darin kann ein Vorteil und auch ein Nachteil hinsichtlich einer Authentizität gesehen werden. Denn: Was Künstler/innen einst über ihre Werke sagten, deckt sich nicht unbedingt mit dem, was die Augen der Betrachter der Gegenwart wahrnehmen – wahrzunehmen meinen.
Der Autorin gelingt dabei die logische Schlussfolgerung, dass sich das Bild der Vorstellung öffnet und zwar meist sehr viel mehr als einer schriftlichen Sentenz.
Ein Stück der Kunstgeschichte erfasst sich selbst von innen her – eben in Bildern. Seltsam? Auf keinen Fall, denn damit beweist Kunstgeschichte eine Authentizität, die so direkt nur in Bildern angeboten werden kann.

Auf diese Weise eröffnet Léa Kuhn auch die Diskussion nach dem Verhältnis von Kunst und Kunstgeschichte als Wissenschaft in Bezug auf den Künstler/die Künstlerin, der/die als Schöpfer einen besonderen Stellenwert genießt. Die Kunstgeschichte wird durch die Künstler/innen in anderer Weise interpretiert als Kunsthistoriker/innen allgemein das Gebiet bearbeiten. Jedoch: die kreativen Prozesse der Künstler/der Künstlerinnen und der Kunsthistoriker/innen ähneln einander. Beiden Disziplinen liegt die Beobachtung zugrunde. Doch steht als Ergebnis auf der einen Seite das Werk, welches die Interpretation schon in sich trägt und also mitliefert während auf der anderen Seite zeigt sich die ausgearbeitete kunsthistorische Arbeit wartet, die gewisse Thesen vertritt.

Die Autorin präzisiert die ästhetische Emotionalität der Künstler/Innen und zeigt auf welche Weise sie ihre eigenen Werke dem Betrachter/ der Betrachterin und also dem Vorgang der Betrachtung offenlegen. Es handelt sich hier um das Zwiegespräch von Kunst, Künstler/in und Wissenschaft. Damit zeigt die Autorin die Kunst als spannende, vielschichtige, produktive und auch teilweise als irritierende Angelegenheit. Forscher/innen, Künstler/innen und Betrachter/innen allgemein finden darin ein komplexes Erkenntnismodell eines Zeitgeschehens.
Doch letztlich kommt es Léa Kuhn auch darauf an, nicht allein die wissenschaftliche Aussagekraft, die für die Künstler/innen Bedeutung hat, in den Mittelpunkt zu stellen. Für sie ist entscheidend, dass sich das Bild durch ein ihm höchst eigenes Vermögen auszeichnet, da es dem Betrachter einen sinnlichen Eindruck von den komplexen zur Verfügung stehenden Formen zu vermitteln sucht.
An dieser Stelle schafft es die Autorin auch, die Porträtmalerei neu zu bewerten, denn: In der Individualität und in dem gewissen Etwas des Einzelnen besteht die Macht des Portraits.
Léa Kuhn zeigt hier ein bestimmtes Beziehungsgeflecht innerhalb einer alternativen Geschichte der Kunst. Sie ist eine Prophetin hinsichtlich einer speziell zu handhabenden Kunstgeschichte, die in ihrer Grandiosität im Ganzen steht und eben nicht nur die großen – vielleicht auch nur angeblich großen – Persönlichkeiten beleuchtet. Auf 333 Seiten widmet sich die Arbeit von Léa Kuhn der wahrlich riesigen Domäne des Bildes als ewiger Stammbaum der Kunst schlechthin. Sie stellt dabei die einzelnen Künstler/innen als Interpreten/innen einer Genealogie der Kunst vor.

Vor allem aber hat Léa Kuhn die Möglichkeit offengelegt, dass Kunstgeschichte auch an Hand von Bildern und der Sichtweise der Künstler/innen geschrieben werden kann, um so künstlerische Interessen des Publikums neu zu entfachen.
Es geht um »elementare künstlerische Kunstgeschichtsoperationen«. Doch ist die gemalte Kunstgeschichte von einer Kanonisierung ihrer Autoren/innen weitgehend unabhängig, wie es Léa Kuhn hervorhebt. So werden auch nicht nur semiotische und hermeneutische Erkenntnisinteressen in den Vordergrund gestellt. Der Autorin ist die Frage wichtig, »wie die Gemälde selbst die Kunstgeschichtsschreibung auf lange Sicht verändern und also letztlich diskursstiftend sind«. Damit regt sie, auch im Sinne von Hans Belting, zu einer Denkpause innerhalb der Kunstgeschichte an.

Was wir unter Kunstgeschichte verstehen liefert uns nur gewisse Modelle, die nur zu einer inneren Notwendigkeit der Arbeit werden. Es ist aber ein jedes Kunstwerk ein Anstoß in sich selbst. Aus diesem Grunde wählt Léa Kuhn spezielle Künstler/innen aus und nimmt sich die Freiheit, die eigene innere Stimme der Kunstgeschichte neu und im eigentlichen Sinne »wahr« hervorzubringen. Sie sieht darin eine Aufgabenstellung und hebt die Motivation hervor, die nur der Künstler/die Künstlerin in sich selbst haben kann. Der Autorin geht es dabei nicht darum, einen Kunstgenuss anzubieten, vielmehr muss die Kunst hinsichtlich ihrer Ausstrahlung individuell aufgenommen werden. Der Begriff einer Kunstgeschichte, die von Künstlern/Künstlerinnen selbst ersteht, ist ein Anspruch der zur Bestimmung des Künstlers/der Künstlerin wird. So erst erlangt das künstlerische Exponat eine Form und findet eine Freiheit. Damit wird die Kreativität der Freiheit der Künstler als die eine und wirkliche Schöpferkraft gewürdigt. Das Geheimnis der Kunstgeschichte ist damit gegeben.
Jeder Betrachter und Leser begibt sich mit Léa Kuhn auf die Reise, die Kunst als eine besondere Geschichte zu erfahren. Es ist eine merkwürdige Spaltung zwischen der begrifflichen, akademischen und geschriebenen Kunstgeschichte und einer Kunstgeschichte, wie sie die Künstler/innen selbst aus ihrem inneren Schaffen heraus sehen.
Léa Kuhn deutet das Moment der Bildgenese z.B. an Hand der Auseinandersetzung die Marie–Gabrielle Capet mit künstlerischen Vorbildern hatte: Es handelt sich »um bildlich vorgetragene ‚Herkunfts–Hypothesen‘«. »Alle Herkunft verlangt nach Interpretation und erschöpft sich nicht in einem Suchen nach dem Ursprung einer Sache«.
Damit beweist die Autorin die spezifische Wirkkraft der Bilder als starke Grundlage einer Genealogie und wendet sich mit ihrer anspruchsvollen Arbeit an ein kunsthistorisch interessiertes wie versiertes Publikum gleichermaßen.


Gemalte Kunstgeschichte. Bildgenealogien in der Malerei um 1800
Autorin: Léa Kuhn
Brill/Wilhelm Fink Verlag
333 Seiten
ISBN: 978–3–7705–6453–8

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